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Kakofonie der Frustration

East Cameron Folkcore aus Austin, Texas, zeichnen auf ihrem neuem Album  „Kingdom of Fear“ eine Landkarte aus Angst, Wut und Frustration. Ihr Kompass dabei: Gesellschaftskritik. Wir haben mit Sänger und Gitarrist Jesse Moore gesprochen.  

 

 

STUZ: Durch welche Ängste definiert sich die heutige Generation?

 

Jesse Moore: Die definierenden Probleme oder Ängste sind meiner Meinung nach der Klimawandel und der fehlende Wille von Firmen und privaten Investoren aus der Öl- und Gasbranche, sich von ihrer blinden Gier zu lösen um sich vor der Selbstvernichtung zu bewahren. Das Verbrennen von Rohstoffen in den letzten 100 Jahren hat den Wendepunkt erreicht und überschritten. Wenn einfach weitergemacht wird, sieht unsere Zukunft schrecklich aus und vielleicht unbewohnbar für Menschen.

 

Wie befreit man sich von den Ängsten?

 

Durch Bildung, Wissen und Akzeptanz der Probleme. Es müssen große Investitionen von allen Ländern gemacht werden, sie müssen sich vereinen um die Emissionen fossiler Brennstoffe drastisch herunter zu fahren und sich auf erneuerbare saubere Energie konzentrieren. In den Staaten können wir noch nicht einmal jemandem angehen, weil die Hälfte der Regierung bestreitet, dass der Klimawandel überhaupt stattfindet. Solange Dummheit und Gier unsere Regierung kontrollieren, werden Dummheit und Gier die Augen derer blenden, die für ihre eigenen Interessen einstehen und nicht für das Gemeinwohl. 

 

 

„Protest Hero“ ist ein Song über Chelsea Maning, Howard Zinn und eine Gesellschaft die vor dem TV sitzt während andere kämpfen. Ist es uns egal geworden wie sich unsere Freiheit gestaltet?

 

Ich bin mit der Sesamstraße und MTV aufgewachsen und schaue jetzt House of Cards so wie jeder andere auch. Ich will Menschen nicht unterteilen und sagen die eine Gruppe ist besser als die andere. Das ist das genaue Gegenteil von dem was ich mache. Ich will Leute in ihrer Komfortzone aufwecken und  ihnen zeigen, dass jeden Tag überall auf der Welt Ungerechtes und Falsches durch individuelle Gier und opportunistischen Hass passiert. Und ja, ich glaube, die meisten von uns möchten am liebsten einfach in ihren kleinen Blasen des Komforts weiterleben. Wir haben uns daran gewöhnt Teile unserer Freiheit für Konventionen und Komfort abzugeben und wir zögern nicht, einer App oder Webseite unser ganzes Leben zu offenbaren. Was Orwell nicht vorhersehen konnte war, dass anstatt des Big Brothers irgendwelche Firmen uns soweit haben, unsere Freiheit und Privatsphäre abzugeben, nur weil wir im Gegenzug eine App nutzen können.

 

Wann bist du das letzte Mal selber auf die Straße gegangen und hast deine Faust gehoben?

 

Das war in einem monatelangen Kampf im Juni 2013 in Austin, in dem es um die Verhinderung von einem Anti-Abtreibungsgesetz ging. Der Gesetzesentwurf hätte dazu geführt, dass viele Frauenkliniken geschlossen werden müssen. An dem Tag, als Wendy Davis, eine Senatorin, aufgestanden ist und mehr als 10 Stunden geredet hat, ist das Fass übergelaufen. Irgendwann wurde sie von den Republikanern mit einer Serie von prozessualem Bullshit abgewürgt, damit das Gesetz möglichst noch vor Mitternacht zur Abstimmung gebracht werden konnte. Wir waren gerade bei einer Probe und meine Frau April verfolgte die Ereignisse in den sozialen Medien. Sie sagte wir müssen zum Capitol fahren. Als wir kurz nach 23 Uhr ankamen war das ganze Gebäude umringt von Demonstranten. Es war ein unglaublich inspirierender Moment, weil es so etwas wie eine universale Gemeinschaft für das Gute gab. Zum Schutz von Selbstbestimmung und persönlichen Rechten. Um viertel vor Zwölf begannen Leute von drinnen Lärm zu machen und sie forderten via SMS und Twitter die Leute vor dem Gebäude auf, einzustimmen, um die Abstimmung zu verhindern. Kurz vor Mitternacht wurde das Capitol von einer Kakofonie der Frustration übertönt. Währenddessen versuchten die Republikaner das Gesetz durchzubringen, aber sie wurden von den Stimmen und dem Willen der Leute niedergeschrien. Die Abstimmung konnte nicht stattfinden. Eine Woche später rief Gouverneur Rick Perry den Senat zurück zu einer Extrasitzung. Der Entwurf wurde  schließlich zum Gesetz und der Protest endete in Enttäuschung und Wut. Dann haben wir angefangen, das Album zu schreiben.

 

 

WTF:

 

East Cameron Folkcore spielen am 18. Juni im Schlachthof Wiesbaden.

 

Autor: 
Tobias Siebert
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