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Kapitalismuskritik im kapitalistischen Rahmen
Auf den Zug aufgesprungen bei „Stücke aus Europa“ ist jetzt auch der Beitrag der britischen Theater-Compagnie „Blast Theory“: „A Machine to See with“. Das große Thema Kapitalismus kommt zu Wort, der Zuschauer wird zum Akteur und mit seinem Handy durch die Straßen Wiesbadens geschickt. Schnell wird klar: Die Schnitzeljagd zu Kinderzeiten war aufregender.
Die Computerstimme an meinem Ohr möchte mir die ganze Zeit einreden, dass ich eine Bank überfallen werde. „Nein“, sage ich. Doch der Einspruch wird nicht wahrgenommen, wie soll er auch. Auf dem Klo eines Cafés wird dann mein Geld versteckt. Ein bisschen enttäuscht stand ich in der Kabine. Keine Geheimbotschaft hinter den Rohren, kein Komplize oder Gegner?
Das Parkdeck verspricht Hoffnung. In einen Wagen soll man einsteigen, in dem ich einen Insassen sichte. Doch leider war ich drei Sekunden zu spät. Der andere Teilnehmer im Auto, mit dem Handy am Ohr, hatte bereits die 1 gedrückt. „Er ist nun allein unterwegs“ und ich warte, denn mein Programm denkt, ich hätte nun einen Komplizen. Nach fünf Minuten Musikbeschallung soll ich „Das Ding“ dann „selbst durchziehen“.
Ich laufe und laufe, lass mich auf das Spiel ein, bin schon aufgeregt und frage mich wie ich in zehn Minuten schon eine Bank ausgeraubt haben soll. Ich soll laufen und laufen, geschwind und unbemerkt zur Selbstbedienungstür einer Bank. Als ich den kalten Griff erfasse hält mich nicht nur die verschlossene Tür auf, sondern auch die führende Stimme. „Halt, stopp“, heißt es. Das mit dem Bank-Ausrauben ist doch eine Schnapsidee. Ich soll auf einmal ehrlich zu mir sein. „Man würde doch nie eine Bank ausrauben“, heißt es. Vor einer Kirche soll man dann noch sein Geld verschenken und erkennen, dass man ein anderer Mensch sein und nun seinen Körper als „machine to see with“ neu wahrnehmen kann.
Doch warum bin ich jetzt einer neuer Mensch? Weil ich keine Bank ausrauben wollte und es letzten Endes auch nicht getan habe? Oder weil ich aufgefordert wurde Geld zu verschenken, auch wenn man schon von selbst mal Geld gibt?
Die siebzig Minuten enttäuschen. Ich dachte, dieser ganze Telefonier-Spaß würde den Spieltrieb wecken. Ich dachte, wenigstens ein Schauspieler spielt mit. Schon fast habe ich mir gewünscht, dass, wenn ich ins Auto steige, Schauspieler mit Geldkoffern angelaufen kommen und ich auf einmal auf der Rückbank des Überfalls sitze. Oder irgendwie anders in die Illegalität eines Banküberfall geführt werde. Wieso wurde sich da nicht mehr getraut?
Schon allein das Thema halte ich für viel zu groß. Wie kann man schon in siebzig Minuten den Kapitalismus erklären und wie soll man da den Theatergängern noch viel Neues zeigen – in einer Zeit, in der man eh feststellen muss, dass dieses Konzept ein Selbstzerstörer ist?
Man konnte viele Gesichter auf dieser Kirchentreppe sehen, die enttäuscht und verwirrt auf den roten Hörer drückten.




















