Kardinalsleiche im Bleichenpuff
Seit November finden sich auf stuz.de regelmäßig Auszüge aus Dominic Memmels Roman „B.Leichenkrimi“, in dem die Leiche des Mainzer Kardinals nur Probleme macht. Hier folgt der Februar-Ausschnitt:
“Wir können hier nicht halten, das ist Fledermausland!”
Hunter S.Thompson
"Ah, gottverflucht!" flog es aus dem angegrauten, sonst eher stillen Herr hinaus, und kaum hatte die letzte Silbe seinen seligen Mund verlassen, guckte er schon drein wie ein Lemming, dem nun eben klar geworden war, wie hoch diese vermaledeite Klippe eigentlich ist. Wäre es in seiner Macht gestanden, hätte er die Worte eingefangen und so tief zurück in den Mund gestopft, dass sie wohl hinten wieder heraus gekommen wären. Ob IHM Furzen oder Fluchen lieber sei, darüber machte er sich keinerlei Gedanken, auch nicht darüber, ob es IHN überhaupt gab, denn diese Frage stellte sich nun wirklich nur Blasphemikern. Aber er konnte seine Worte nicht mehr ungeschehen machen, die rote Ampel war rot, da gab es keine zwei Meinungen.
Der Motor des alten Klapperopels tuckerte und tuckerte, dass man ans Sterben denken mochte. Bruder Bernhardt war einen solchen Wagen nicht gewohnt, in der Regel fuhr er bessere, mit Automatik-Schaltung, beheizbaren Sitzen und 'Navigation 3000'. Mit ihnen befuhr er breite Straßen, die meist sehr gerade waren. Auch Eskorten kamen vor. Nun musste er einen kleinen Klapperopel Baujahr 1992 und so ungepflegt wie Barnabas Gesichtsbehaarung durch schmale Seitenstraßen leiten, in immer enger werdende Seitengässchen hinein, wo die Menschen die Straße diagonal überqueren und Gemüse aus Plastikkisten heraus verkaufen. Zugegeben, beim Mainzer Wochenmarkt wird das Gemüse ebenso aus Plastikkisten verkauft, aber doch auf eine etwas andere Art und Weise; nette Gespräche über das Wetter und die grandiose Kulisse eines der ältesten Dome der Welt lenken da die Aufmerksamkeit fort von den Plastikkisten, so dass sie selbst, nicht aber ihr Inhalt, aus dem Bewusstsein des Marktschlenderers verschwinden. Hier aber waren die Wände starr vor Dreck, das Wetter trostlos und die Waren ... irgendwie ... seltsam, so dass Bruder Bernhardts Blick geradezu in einen Sog gezwungen wurde, was seine ungemein unchristliche Laune noch verschlechterte. Manche dieser Früchte wirkten auf seine zarte Empfindsamkeit geradezu obszön!
"Fahr weiter, Bernhardt", befahl der Mann auf dem Rücksitz in sanftem, väterlichem Ton. Bernhardt blinzelte kurz, die Ampel war grün geworden, ohne dass er es bemerkt hatte, hinter ihnen drängten sich die Fahrradfahrer und wurden langsam ärgerlich, denn er hatte an der einstmals roten Ampel so abrupt und ungeschickt gehalten, dass er nun die ganze Straße versperrte. Die Blues-Brothers wären, hätten sie es gesehen, nicht weit entfernt vor Lachen vom Balkon gefallen!
Der Klapperopel rollte nun auf die Kaiserstraße hinaus, wo sich Bruder Bernhardt ungleich wohler fühlte, als noch im Gewirr an Gassen und Internet-Cafés, welches er für eine glückliche halbe Minute hinter sich lassen konnte. Freiheit, drei Fahrspuren, Anonymität! Doch schon an der nächsten Seitenstraße tauchte der rumpelige Opel wieder hinein ins Meer aus Schmutz und Gewalt und schlich mit zitternder Motorhaube wie auf Eierschalen seinem Ziel entgegen, einem schäbigen, von Häuserakne gegeiselten Gebäude mit verhangenen Fenstern und einer metallenen Eingangstüre mit Guckloch und nur zwei Klingeln: "Pussies!" stand in verschnörkelter, aber nicht zu verschnörkelter Schrift, so dass es auch der letzte Alkoholiker mit Grauem Star noch lesen konnte, auf der unteren Klingel, deren Druckknopf sehr abgewetzt erschien. Die obere Klingel war mit einem Schutzdeckelchen aus verschmiertem Plastik abgedeckt, dass man zur Seite klappen konnte, so dass niemand diese Klingel aus Versehen betätigte. Die Aufmachung des Deckelchens - transparentes Rot, alt, verschmiert, robust - suggerierte jedem angetrunkenen Spaßvogel, dass er sich diesen Spaß besser verkneifen sollte; es laufen ja genug Opfer auch anderswo herum. Auf dem zugehörigen Klingelschild stand: Nichts. Auch dies eine Warnung, für alle, die es vorher nicht begriffen hatten. Und unten am Grund eines wohlbekannten Rhein-Seitenarms, da finden sich all die, deren Verständnis für subtile Signale in der Konstruktion einer Klingel gen Null ging (und geht!), in illustrer Gesellschaft mit Algen, Schlamm und Kaulquappen, die Beine tief im Boden verankert, die Arme nach dem Gesetz des Auftriebs hoch erhoben, als predigten sie dieser lichtarmen Unterwasserwelt von helleren Zeiten - und manches mal streifen sie mit ihren knöchernen Fingern den Fuß eines Schwimmers, der sich nicht wundert und die flüchtige Berührung für eine Wasserpflanze hält.














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