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Kinnlade trifft Boden

Battles im Bett Frankfurt, 06.12.2011

 

Es gibt Ereignisse, die ausgesprochen schwer in Worte zu fassen sind. Konzerte von Battles gehören auf jeden Fall dazu. Aber nun ja, es ist eben mein Job an dieser Stelle, also werde ich mein Bestes geben.

 

Das Bett, der gemütliche Konzertclub in Frankfurt mit dem ebenso wohlklingenden wie suggestiven Namen, ist ziemlich voll, als Battles die Bühne betreten. Die Band besteht aus drei Wahnsinnigen, die aus dem 23. Jahrhundert in die Gegenwart gebeamt wurden, um den Menschen zu zeigen, wie Rockmusik in der Zukunft klingen wird. Das ist zwar vermutlich nicht die Wahrheit, aber treffender kann man die Band kaum beschreiben. Wobei es sich eigentlich doch eher um sehr körperbetonte Tanzmusik handelt, für Leute, die gerne überfordert werden. Epileptiker und Menschen mit empfindlichen Synapsen sollten sich diese Musik jedenfalls lieber nicht anhören.

 

Das Trio infernale setzt sich wie folgt zusammen: Ian Williams beherbergt einen Ehrfurcht einflößenden Schnurrbart in seinem Gesicht und spielt gleichzeitig Gitarre und zwei Keyboards. Dave Konopkas Effektboard ist etwa so groß wie das Saarland und sorgt dafür, dass der Bassist und Gitarrist den Großteil des Konzertes in der Hocke und mit dem Rücken zum Publikum verbringt. Und John Stanier spielt so Schlagzeug, als habe der Teufel ihm seine Seele verkauft und dabei noch draufgezahlt. Jeder seiner Snare- und Beckenschläge verfügt über eine Autorität, von der selbst die härtesten Diktatoren der Welt nur träumen können. Das Crash-Becken hängt aus unerfindlichen Gründen auf etwa zwei Meter Höhe, die Sticks benutzt er gerne mal falschrum, und zu sehen wie seine Schweißtropfen von der Hi-Hat abprallen bereitet einem die reine Wonne.

 

Ihre Gastsänger vom aktuellen Album haben Battles auf zwei im Bühnenhintergrund aufgestellten Leinwänden mitgebracht. Von dort blicken einen die Blonde Redhead-Sängerin Kazu Makino, der chilenische DJ und Produzent Matias Aguayo sowie der Elektro-Pionier Gary Numan bei den entsprechenden Songs an, während ihre Stimmen vom Band erklingen und die drei Protagonisten sich vorne die Seele aus dem Leib spielen. Gesang wurde bei Battles seit je her eher als zusätzliches Instrument denn als vordergründiges Element eingesetzt. Dementsprechend hat die Band auch ihren wahrscheinlich größten Hit „Atlas“ vom ersten Album im Programm, obwohl ihr damaliges viertes Bandmitglied Tyondai Braxton inzwischen aus der Band ausgestiegen ist. Dessen hochgepitchten Vocals werden dazu eben vom Sampler wiedergegeben.

 

Der Sound ist glasklar, denn alles andere wäre auch eine Frechheit angesichts dieser drei Menschen auf der Bühne. Man kann die Mischung aus Begeisterung und Fassungslosigkeit an den Gesichtern der Zuschauer ablesen. Klar, schon die beiden Alben von Battles sind eine Spielwiese von übermenschlichen Musikertum. Aber live klingt das Ganze noch um ein Vielfaches beeindruckender. Alleine mit was für einem genialen Zusammenspiel Williams und Stanier die Pause überbrücken, in der Konopka aufgrund von technischen Problemen nicht mitmachen kann, stellt das Gesamtwerk so mancher Bands in den Schatten. Nachdem man nach dem etwa 70-minütigen Inferno seine Kinnlade vom Boden aufgehoben hat, bleibt schließlich nur ein einziger Gedanke im Kopf: Von einem solchen Spektakel wird man auch als erfahrener Konzertgänger nicht allzu oft Zeuge.

 

Autor: 
Jonas Trautner
Ressort:
Musik / Live
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Galerie: 
Battles im Bett Frankfurt (Foto: Jonas Trautner)
Battles im Bett Frankfurt (Foto: Jonas Trautner)
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