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Krankheit der Jugend – Freiheit oder Sicherheit?

„Wozu noch weiter? Manchmal schwindelt man sich darüber hinweg, und dann erwacht man wieder: Es ist wieder dasselbe. Es ist immer wieder dasselbe. Wozu?“ – Desireé

 

Was sich Ferdinand Bruckner zu seiner Zeit als besondere Thematik – die auch für großes Aufsehen sorgte - dachte, wirkt heutzutage im Mainzer Staatstheater wie eine Fernseh-Soap für das Bildungsbürgertum.

 

Die Handlung in Krankheit der Jugend: Die spießbürgerliche Marie liebt Petrell (Bubi), leider liebt Petrell aber die eiskalte Irene. Freder schläft mit Lucy (der Putzfrau), wodurch Lucy auf die schiefe Bahn gerät. Desireé kommt mit ihrer Sexualität und mit sozialen Bindungen nicht zurecht und schlüpft mal mit Freder oder Marie in die Kiste. Einer stirbt.

 

Das Stück dreht sich um Entscheidungen im jungen Leben. Die, wie in keiner anderen Lebensphase, die eigenen Ideale als Erwachsener auf die Probe stellen und den eigenen Lebensentwurf prägen. Wann muss man sich dem Spießbürgertum beugen? Wann muss man sich gegen die Freiheit und für Sicherheit entscheiden? Wo findet man diese Sicherheit von Haus, Kind und Frau? Und wozu das alles?

 

Ein bitteres GZSZ-Märchen

Das Mainzer Staatstheater versucht die Studentenszene und ihre Problematiken wieder zu einem aktuellen Thema zu verarbeiten. Allerdings scheitert die Produktion daran, dass zum Einen diese Seins-Krisen heute einem an jeder Straßenecke auflauern und zum Anderen die Charaktere in dieser Produktion sehr plump zusammengebaut sind. Die Spießbürgerin Marie ist halt reserviert, ordentlich und die Mami. Desireé ist attraktiv und kess. Lucy, die Putzfrau, sieht tatsächlich unscheinbar und als Nutte unmöglich aus, und so weiter. Den Charakteren fehlt es an Tiefe. Sie sind zu plakativ um zu überzeugen und zur Reflexion anzuregen, gleichzeitig zu wenig überzeichnet, um eine neue Realität oder Sichtweise zu schaffen. Da könnte man auch fernsehen.

 

Eigentlich passt das ganz gut, um den Herren und Damen im Theaterpublikum zu zeigen, dass sich ihre Unterhaltung nicht sonderlich vom Programm auf RTL2 unterscheidet.

 

Im Programmheft stehen Antworten von Online-Umfragen zum Thema: Wie fühlt sich jemand in dieser Lebensphase? Wie frei fühlt man sich dabei, seinen Lebensplan zu leben und was macht die Generation der 20-35-Jährigen aus? Damit versucht die Produktion das Thema zu stützen, wobei nicht die Thematik selbst, sondern die Darstellung Stütze braucht. Wie sich Generationen fühlen und wie sich Studenten auf die nächste Lebensphase vorbereiten ist ein allgegenwärtiges und wichtiges Thema. Das Theater kann dabei Verständnis, Mitgefühl und möglicherweise Lösungen darstellen. Gerade bei der heutigen Generation, die hier als orientierungslos und auf der Suche beschrieben wird.

 

Allerdings wirkt da eine Bühne mit sieben Stühlen, auf denen die Charaktere die ganze Zeit, ganz studentisch, breitbeinig sitzen, in ihren H&M Kostümen, in einem leeren weißen Raum, auch einfach nicht. Tiefer könnte man kaum in die Klischeekiste voll moderner Lässigkeit packen. Vor allem da die Schauspieler auf ihren Stühlen an Spannung verlieren und privat werden.

 

Das Beste an „Krankheit der Jugend“ ist die schauspielerische Leistung von André Willmund als Freder. Er wirkt dabei authentisch und sorgt für Lacher von Seiten des Publikums und der Schauspieler als er einen seiner Auftritte mit einem lauten Furz beginnt.

 

Doch der Gesamteindruck hinterlässt dennoch Enttäuschung. Es bleibt bei einem Augenrollen und dem Gefühl, dass da irgendwie gar nicht so richtig nachgedacht wurde.

 

Weitere Vorstellungen von "Krankheit der Jugend": 6., 11., 14. und 28. April, jeweils 19.30 Uhr im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters.

 

Autor: 
Yana Prinsloo
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Galerie: 
"Krankheit der Jugend", Foto: Bettina Müller
"Krankheit der Jugend", Foto: Bettina Müller
"Krankheit der Jugend", Foto: Bettina Müller
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Video: 
Trailer zu "Krankheit der Jugend"
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