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Literatur in Stereo

Wie man Europas Grenzen literarisch verschwimmen lässt, zeigte der elsässische Journalist und Schriftsteller Martin Graff bei der Lesung seines Buches „Grenzvagabund“ im Institut Français. Dank der Deutsch-Französischen Gesellschaft Mainz und der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Mainz-Wiesbaden erhielten die Zuhörer eine sprachlich interessante Einführung ins Leben eines selbsternannten Grenzgängers.

 

„Nicolas Sarkozy spricht schlechter Französisch als ein Elsässer!“ Würde diesen Satz jemand anderes sagen als Martin Graff, das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen wäre wahrscheinlich ähnlich gestört wie das zu den Briten, die äußerst allergisch auf Volker Kauders Sprachvorschriften reagieren.
Graff, selber Elsässer, aber gelingt auf diese Weise die humorige Einführung in die Lesung seines Buches „Grenzvagabund“. Während er mitten im Satz vom Französischen ins Deutsche und wieder zurück wechselt, gibt er nicht nur einen Vorgeschmack auf sein „in Stereo“, also jeweils in beiden Sprachen verfasstes Buch. Er klärt das Publikum gleichermaßen darüber auf, wie man den Föderalismus der Bundesrepublik von den Schlafgewohnheiten ihrer Bewohner ableiten kann: Zwei Matratzen in einem Bettrahmen bilden das Gegenstück zur französisch-zentralisierten Riesenmatratze.
Auch in seinem Buch dreht sich alles um internationale Verbindungen. Graff erzählt – teils autobiographisch, teils fiktiv – von der Suche nach dem Vater, der zuerst französischer, im Laufe des Zweiten Weltkriegs dann deutscher Soldat ist und in Polen fällt.  Auf diese Weise kreiert Graff ein literarisches Weimarer Dreieck. Europa rückt bei Graff aber nicht nur lyrisch zusammen. „Die Nationalität ist nur Zufall“, erklärt er und wird ernst. Sein Buch und damit auch sein Leben sind ein Kontrapunkt zum vom französischen Staatspräsidenten  initiierte Ringen um eine „Identité Nationale“. Garniert mit teilweise etwas derbem Witz gelingt es Graff, auch jenen im Publikum, deren französisch nicht auf Muttersprachen-Niveau ist, ein wissendes Lächeln zu entlocken. Denn angesichts der leicht gereizten Atmosphäre in Europa scheint es, als hätten Sätze wie „Man muss auf die Sterne klettern, um über die Grenzen ins andere Land zu gucken. Dann guckt man auch über die Grenze ins eigene Land“ ihre Gültigkeit nicht verloren.

 

„Grenzvagabund“ erschien 2010 im Verlag André Thiele Mainz

Autor: 
Lennart Sauerwald
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