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„Meinen Texten vertraue ich, wegen denen bin ich hier“

Interview mit Levin Westermann

 

Levin Westermann war im Juni aus der Schweiz angereist, um den Wiesbadener „Orphil“-Debütpreis für Lyrik entgegenzunehmen. Wir haben mit dem 34-Jährigen über sein Dasein als junger Lyriker geredet.

 

STUZ: Du hast bereits 2010 beim open mike in Berlin gewonnen und wurdest letztes Jahr vom Literarischen Colloquium Berlin gefördert. Wie bist du in den Literaturbetrieb gestartet?

Levin Westermann: Ich bin ein kompletter Quereinsteiger. So mit 27, als ich in Frankfurt Philosophie und Soziologie studiert habe, fing es an, dass ich immer weniger Zeit an der Uni verbrachte. Ich habe immer mehr selber geschrieben und Lyrik gelesen. Irgendwann bin ich dann nicht mehr zu Vorlesungen gegangen, weil ich nur noch Gedichte geschrieben habe, die aber alle in die Schublade gewandert sind. Das konnte ich irgendwann den Leuten, der Familie zum Beispiel, nicht mehr erklären.

 

Was hast du dann unternommen?

Durch eine Freundin habe ich erfahren, dass man Literarisches Schreiben auch in Biel studieren kann. Ich habe mich ganz kurzfristig beworben, bin zum Auswahlgespräch eingeladen worden und konnte noch im selben Jahr anfangen.

 

Sind dort die Texte für deinen ersten Lyrikband entstanden?

Ja, ich habe die Texte in „unbekannt verzogen“ von 2009 bis 2012 geschrieben. Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich mal einen Text vorlese, der schon fünf Jahre alt ist. Das ist total verrückt, weil der schon so weit weg ist.

 

Wie ist es für dich, deine Gedichte vor vielen Leuten zu lesen?

Bei meiner Lesereise nach dem open mike war es ein Albtraum, ich bin jedes Mal beinahe gestorben. Man kommt rein, ist aufgeregt, und je näher es kommt, desto schlimmer wird’s. Die Hände werden kalt und ich weiß: Jetzt les ich einfach. Sobald die Lesung losgeht, ist alles gut, weil, so blöd es klingt, meinen Texten vertraue ich. Wegen denen bin ich hier, denke ich mir dann und werde ganz ruhig. Danach ist es wieder furchtbar. Aber der Moment des Lesens ist gut.

 

Welches deiner Gedichte liest du am liebsten?

Ich glaube „Maschinenzeit“ von „unbekannt verzogen“. Das ist der Eröffnungstext von den Texten, die ich beim open mike gelesen habe. Wenn ich ihn lese, gibt mir das Sicherheit. Er ist lang und hat einen ziemlich starken Rhythmus. Wenn ich da erstmal drin bin, dann geht es gut.

 

In „unbekannt verzogen“ kommen leere Räume, Wohnungen und Häuser vor. Sie sind verlassen, dreckig und öde. Inwiefern geht es da um Abbruchhäuser?

Es soll nicht einfach eine Beschreibung von Abbruchhäusern sein, es ist auch der Mensch, der diese Räume verliert, und sich selbst und seinen Körper als Raum. Eigentlich geht es aber um Erinnerung: wie sie arbeitet, wie Bilder verschwimmen, wie bekannte Räume plötzlich leer sind – man kann sich nicht genau zurückerinnern. Wie einen Ton oder einen Geruch aus seiner Kindheit, den man nicht mehr greifen kann. Es war für mich wie ein Gang in einem Labyrinth: Wie war das damals, was habe ich verloren, was war schön, was bleibt? Denn das meiste vergessen wir, aber ein paar Dinge bleiben ja.

 

Michael Braun, ein deutscher Literaturkritiker und Herausgeber zahlreicher Lyrik-Anthologien, hat bei der Preisverleihung in seiner Laudatio gesagt, dass er bei dir die Nähe zu Georg Trakl sieht. Siehst du das auch so?

Ich habe Trakl gelesen und mag einige Texte von ihm, aber ich habe mich nie direkt auf ihn bezogen. Auf Hölderlin schon eher. Ich fand die Laudatio von Michael Braun schön, aber ich war auch total geplättet, dass ich plötzlich mit diesem großen Expressionisten verglichen werde, weil man von sich selber ja nicht sagt, dass man in der Linie von Trakl steht.

 

Werden wir in deinem nächsten Gedichtband wieder die „intensive Selbsterkundung eines lyrischen Subjekts“ und die „unsichere Kontur des Ich“ erfahren, wie es Michael Braun formuliert hat?

Als ich nach der Veröffentlichung von „unbekannt verzogen“ weitergeschrieben habe, war ich in diesem ganz bestimmten Ton drin. Die neuen Gedichte klangen genau wie gehabt, und das kann es ja nicht sein. Ich mag es bei Lyrikern nicht, wenn sie fünf Mal das gleiche Buch rausbringen. Deswegen die neuen Texte anders sein, erzählender.

 

Der „Orphil“-Debütpreis ist mit 2.500 Euro dotiert. Wie hältst du dich als junger Lyriker, abgesehen von Preisen, finanziell über Wasser?

Mein Studium hab ich mit dem Geld finanziert, das ich in Frankfurt durch Jobs verdient hatte. Und jetzt, vor allem seitdem das Buch bei luxbooks herausgekommen ist, also seit zwei Jahren, habe ich Glück und kann von Stipendien leben. Man muss sich bewerben, Glück haben, und das geht bei vielen Einrichtungen eben erst, wenn man ein Buch hat. Noch kann ich davon leben, aber es ist Lyrik, also wahrscheinlich nicht mehr so lang ... Und dann mal schauen.

 

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Info:

Das Kulturamt Wiesbaden vergibt in Verbindung mit hr2-Kultur seit 2012 alle zwei Jahre die „Orphil“-Lyrikpreise: Den Lyrikpreis „Orphil“ und den „Orphil“-Debütpreis. Gestiftet sind sie von Ilse Konell, Witwe des verstorbenen Dichters George Konell. Diesjährige Preisträgerin des Lyrikpreises „Orphil“ ist Karin Kiwus, die seit den 70er-Jahren Lyrik schreibt.

Autor: 
Isabel Steinmetz
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