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STUZ Clubnacht im Mai
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„In meiner Zukunft wäre es wie bei Star Trek!“

...And You Will Know Us By The Trail Of Dead haben nicht nur den wohl längsten Bandnamen in der Geschichte der Rockmusik, auch sonst ist bei der Band nicht viel normal. Die STUZ sprach mit Sänger und Gitarrist Conrad Keely über die Zukunft, Konsum und sein Verhältnis zu Heino.

 

STUZ: Ihr seid auf der aktuellen Tour schon über einen Monat in Europa. Mögt ihr es, hier zu touren?

 

Conrad Keely: Ja, ich finde, wenn man in den USA lebt, ist es etwas sehr besonderes, nach Europa zu kommen. Meine Familie lebt in Großbritannien, und immer wenn wir dort sind, ist es schön, mit ihnen Zeit zu verbringen. Und ich habe mir vor ein paar Tagen in Prag eine Viola gekauft! (holt das besagte Instrument aus einem Geigenkasten und klimpert während des gesamten Interviews darauf herum). Wir haben mit der Band auch oft darüber geredet, nach Deutschland zu ziehen. Es kann gut sein, dass wir unser nächstes Album in Berlin aufnehmen werden.


Deine Band ist bekannt für sehr energetische und ekstatische Auftritte. Fällt es euch manchmal schwer, euch jeden Tag neu zu motivieren?

 

Und wie! (lacht) Immer wenn ich einen Song schreibe, stecken viele Emotionen darin, die oft sehr traurig sind. Und jedes Mal, wenn wir den Song live spielen, muss ich sie sozusagen noch einmal durchleben. Das ist das anstrengendste. Das Herumspringen und der ganze energetische Teil - das ist einfach! Der emotionale Teil ist der schwierige.

 

Euer aktuelles Album „The Century Of Self" ist nach einer Dokumentation von Adam Curtis benannt, in der es darum geht, wie die Theorien Sigmund Freuds von dessen Neffen Edward Bernays dazu genutzt wurden, Menschen zu manipulieren und sie zum Konsumieren zu bewegen. Was genau ist die Beziehung des Albums zu dieser Dokumentation?

 

Wir betrachten auf diesem Album - genauso wie auch auf unseren vorherigen - das Thema, wie unsere Welt zum jetzigen Zeitpunkt ist. Ich glaube, dass viele Probleme, denen wir heute gegenüberstehen, ihre Wurzeln in der westlichen Konsumgesellschaft haben, die im vergangenen Jahrhundert entstanden ist. Und ich wusste nicht, warum es diese Entwicklung gegeben hat, bis ich diese Dokumentation gesehen habe und begriff, dass unsere Konsumgesellschaft eine emotionale Basis hat. Wir betrachten uns gerne als rationale Wesen, aber eigentlich werden wir von unseren Emotionen getrieben. Und wir kommen aus einem Jahrhundert, in der die Selbstdarstellung stark betont wurde. Ich meine, schau dir einfach mal an wie verschieden wir alle aussehen. Das ist ein Versuch, unsere Individualität auszudrücken. Wir sind aufgewachsen und erzogen worden mit dem Gedanken, dass das eine gute Sache ist. Es gibt andere Gesellschaften auf der Welt, die nicht so denken, allen voran in den kommunistischen Ländern. Dieser Gedanke mit der Selbstdarstellung kommt mir auch oft, wenn ich an Musik denke. Auch Musik wird inzwischen zu so einem Lifestyle-Marketing-Ding. Aber der Grund, dass sie so vermarktet wird, hat mehr mit Geld als mit wirklichem individuellem Ausdruck zu tun. Ich denke viel darüber nach, wie man in der Zukunft die negativen Seiten der Konsumgesellschaften aufheben, aber trotzdem den positiven Aspekt der Selbstverwirklichung beibehalten könnte.

 

Trail of Dead wird oft als Band mit zwei Gesichtern beschrieben. Auf der einen Seite geltet ihr als intellektuell und schreibt sehr komplexe, teilweise geradezu klassische und progressive Songs. Auf der anderen Seite spielt ihr diese wilden und chaotischen Liveshows und zerstört dabei auch gerne eure Instrumente. Wie passen diese beiden Gegensätze zusammen?

 

Ich finde überhaupt nicht, dass sich diese beiden Aspekte gegenseitig ausschließen. Ich sehe das ganze Universum eher nach dem Yin und Yang-Prinzip - es kommt auf die Balance an. Wir sind alle gleichzeitig gut und böse, wir haben alle das Potential für Zerstörung. Manche Taten aus Liebe sind schlimmer als Taten aus Hass. Wir sind fähig zu guten Taten aus Hass, aber genauso zu schlimmen Taten aus Liebe. Ich kann keinen Widerspruch darin finden, eine Gitarre zu verehren, indem man sie mit äußerster Leidenschaft spielt und sie danach zu zerstören - und sie somit zu einem Teil der Aufführung eines Songs zu machen. Viele missverstehen diese Seite von uns als destruktiv, ich sehe sie dagegen als kreativ an. Die Gitarre wird vielleicht zerstört, aber die Aufführung wird dadurch erst geschaffen.

 

Also glaubst du, dass diese beiden Teile zusammengehören?

 

In ihren Extremen schon. Ich glaube wenn man extrem kreativ ist, neigt man auch stärker zur Zerstörung. Es war immer schon so. Die Menschen, die sehr kreativ waren und viel in ihre Werke hineingesteckt haben, hatten immer auch eine sehr destruktive Seite. Viele lassen es an den Leuten um sich herum aus oder werden selbstzerstörerisch. Das ist bei mir nicht so, ich versuche eher, meine destruktive Energie in andere Bahnen zu lenken und lasse sie bei unseren Auftritten heraus.

 

Wieso habt ihr euch vor ein paar Jahren dazu entschieden, mit einem zweiten Schlagzeuger auf die Bühne zu gehen?

 

Das war etwas, das wir immer schon machen wollten, schon seit den Anfangstagen der Band. Irgendwann fing ich dann an, Songs für zwei Schlagzeuger zu schreiben - und ab da war klar, dass wir auch zwei Schlagzeuger mit auf die Bühne nehmen mussten. Wir haben auch auf winzig kleinen Bühnen gespielt mit zwei Schlagzeugen! Und das waren die Konzerte, die mir am meisten Spaß gemacht haben. Es gab mal so ein unangekündigtes Konzert in Wiesbaden, im kleinen Nebenraum des Schlachthofs - dieses Konzert werde ich niemals vergessen!

 

Du scheinst sehr offen gegenüber technologischen Entwicklungen. Glaubst du, Technologie kann Kunst auf ein höheres Level bringen?

 

Das hat Technologie ja schon immer getan. Wir denken nicht an die Ölmalerei als technologische Innovation, doch genau das war sie. Die Ölmalerei hat das Malen für immer verändert. Und sie wurde erst ziemlich spät entwickelt, wenn man bedenkt, dass die Menschen vorher schon seit über 10.000 Jahren in irgendeiner Form gemalt haben. Als die Ölmalerei erfunden wurde, kamen Leute wie Leonardo Da Vinci und Michelangelo und veränderten komplett die Art zu Malen, um diese Technologie einzusetzen. Das war eine riesige technologische Innovation. Auch die Druckerpresse veränderte unsere Sicht auf die Kunst - und genauso tun das heutzutage Computer. Es ist sehr wichtig für uns, Computer als das neue Medium zu erkennen. Alles, was wir tun, hat sich durch die Nutzung von Computer weiter entwickelt. Wir nehmen mit ihnen Musik auf, wir schaffen Kunst mit ihnen - und ich benutze den Computer sogar, um meine Viola zu stimmen. Für uns als Musiker ist es unerlässlich, dieses neue Medium anzunehmen und alles damit anzustellen, was möglich ist. Denn es ist diese eine Sache, die uns genau heutzutage von allem anderen absetzt, was bisher geschaffen wurde.

 

Wie hat euch der Wechsel vom Majorlabel Interscope zum Indielabel Superball in eurer Arbeit beeinflusst?

 

Die Frage stellt man uns ständig! Dabei beeinflusst es unsere Arbeit gar nicht. Es ist total unwichtig, auf welchem Label wir sind. Ich bin froh, dass es da draußen Leute gibt, die unsere Platte herausbringen wollen. Ob Interscope, Warner Music oder T-Mobile, das kümmert mich nicht. Es ist toll, mit Superball zusammen zu arbeiten, sie waren sehr nett zu uns. Für uns ist es das wichtigste, Menschen um uns zu haben, die verstehen, was wir tun. Meine Entscheidung, mit anderen zusammen zu arbeiten, hängt von der Leidenschaft ab, die sie zeigen. Wenn sie so viel Leidenschaft für Musik übrig haben wie wir, dann ist das das einzige, was zählt.

 

Wie malst du dir denn die Zukunft der Platten- und Musikindustrie aus? Werden Bands in Zukunft unabhängiger von großen Plattenfirmen sein?

 

Das Internet trägt definitiv dazu bei, ja. Ich spekuliere allerdings nicht gern über die Zukunft, wir wissen ja nicht, was passieren wird. Nachher gibt es einige fatale Umweltkatastrophen und wir werden alle nur noch am Lagerfeuer sitzen und akustische Gitarren spielen - was mir auch Recht wäre! Aber zurück zum Thema: Obwohl das Internet Independent-Musikern hilft, gehört zu werden, ist die Konkurrenz dort unglaublich hoch. Ich schätze, die Leute müssen wohl noch verrücktere Dinge tun, um bemerkt zu werden.

 

A propos verrückt: Eure Fans betreiben eine einzigartige Fansite (www.trailofdead.org), auf der sie erfundene, oft satirisch anmutende „Neuigkeiten" über euch verbreiten. Was haltet ihr eigentlich davon?

 

Es ist witzig. Nervig wird es nur, wenn sie einen wirklich guten Artikel bringen, der komplett unwahr ist. Ständig müssen wir dann Interviewfragen beantworten wie: „Was war los? Ist das echt passiert an Neujahr?" (lacht) Aber sie verfolgen mit ihrer Page definitiv unsere Tradition, Mythen zu kreieren - keine Lügen, nur Geschichten. Ich empfinde uns als Unterhalter. Man kann Menschen mit Geschichten unterhalten, man kann sie mit Musik unterhalten: Es passt alles zusammen.

 

So habt ihr es ja auch bei eurer Biografie gehalten, die mit vielen falschen Informationen gespickt ist...

 

Aber es sind auch viele wahre Informationen dabei!

 

Nur dass niemand die einen von den anderen unterscheiden kann.

 

Wann immer uns jemand ernsthaft nach etwas fragt, zum Beispiel danach, wo wir aufgewachsen sind, sage ich ihm die Wahrheit. Aber wenn jemand ankommt und fragt: „Wart ihr Jungs wirklich mal in einem Gospel-Chor?", dann sage ich: „Klar, natürlich waren wir das!"

 

Wollt ihr damit also auch testen, ob euer Gesprächspartner Ahnung hat?

 

Absolut. Ich wollte selbst mal Journalist werden, deshalb nehme ich Journalismus auch sehr ernst. Ich halte Interviews für eine Kunstform, eine der wichtigsten und beständigsten Formen von Literatur. Ich lese liebend gern Interviews und interviewe auch gerne Leute, die ich mag und bewundere. Ich nehme das also sehr ernst, und diese „Tests" dienen oft dazu, sicher zu gehen, dass mein Gegenüber es ebenso ernst nimmt.

 

Am 4. Mai hast du zum ersten Mal deine Bilder und Zeichnungen in Deutschland präsentiert, auf einer Ausstellung in Berlin. Wie waren die Reaktionen?

 

Sehr positiv, ich bin wirklich glücklich damit, es hat sich gelohnt. Grundsätzlich möchte ich noch mehr in dieser Richtung machen. Ich möchte die Lücke zwischen Live-Musik und Bildender Kunst überbrücken. Die beiden Disziplinen sind in meinen Augen gar nicht so unterschiedlich, also möchte ich sie irgendwie miteinander verbinden. Das ist etwas, das ich in Zukunft angehen möchte. Ich könnte mir vorstellen, eine ganze Tour von Ausstellungen zu machen. In Berlin haben wir einfach eine Akustik-Show gespielt, das war toll, den Gästen hat es gefallen. Durch die Ausstellung rundherum hatte das etwas ganz Besonderes.

 

Zeichnen und Musik gehören bei dir also zusammen - hörst du beim Zeichnen auch Musik, oder denkst du dabei über Musik nach?

 

Ich denke über Musik nach, ja. Gewöhnlich höre ich dabei allerdings keine Musik. Ich lebe in einem sehr lärmreichen Teil New Yorks, ständig ist Musik um mich herum. Direkt neben meiner Wohnung liegt ein Feuerwehrhaus, ich höre also dauernd Sirenen. Nachbarn, Autos, Geschäfte spielen Musik. Warum also sollte ich mein eigenes Radio anschalten? Ich meine, ich tue es, wenn ich etwas Spezielles gerne hören möchte, aber meistens ist es nichts weiter als das Absorbieren, das Sammeln von Lärm im Kopf. Wenn ich zeichne, ist das oft die beste Zeit, um über Songs nachzudenken. Das ist ein anderer Grund, keine Musik zu hören, denn wenn ich etwas laufen lasse, lausche ich nicht mehr der Musik in meinem Kopf und könnte eine Idee verpassen. Deshalb ist es oft völlig still um mich herum, wenn ich zeichne, und ich denke nur über Songs nach. So habe ich auch den Song „Inland Sea" auf der neuen Platte geschrieben - ich habe gezeichnet, und dabei kam die Inspiration.

 

Hast du überhaupt Zeit, auf Tour zu zeichnen? Und was zeichnest du gerade?

 

Oh, Mist, mein Zeichenblock ist unten in der Garderobe. Wenn wir runtergehen, dann zeige ich euch ein Bild... Kennt ihr Heino?! Unser Merchandise-Verkäufer hat ein Album von ihm gekauft, das haben wir uns im Bus angehört und uns dabei kaputt gelacht. Deshalb habe ich ihn schließlich gezeichnet.

 

In euren Texten geht es oft um den schlimmen Zustand der Welt. Würdest du dich selbst als Kulturpessimist bezeichnen?

 

Nein, meine Sicht auf das menschliche Schicksal ist wirklich optimistisch. Es gibt sehr viele Leute, die fast anti-menschlich eingestellt sind. Sie halten die Menschen für das Schlimmste, was diesem Planeten passieren konnte. Ich dagegen glaube, wir Menschen sind das Beste, was diesem Planeten passieren konnte. Wir waren dazu bestimmt, zu tun, was wir tun: Wir waren dazu bestimmt, die Atombombe zu bauen, Kriege zu führen und in diese Umweltkrise zu geraten, in der wir uns heute befinden - weil wir Teil der Natur sind, wir sind nicht unnatürlich. Viele Leute empfinden die Menschen als irgendwie nicht zur Natur zugehörig... Die Natur, die uns erschaffen hat, hat auch all unsere zerstörerischen Eigenschaften erschaffen; das ist alles Teil dieser großen Geschichte, die sich entfalten wird. Ich glaube, in der Zukunft werden viele schlimme Dinge passieren. Genauso wird in der Zukunft aber auch Gutes geschehen. Wir müssen all diese Katastrophen aushalten, und dann werden wir Lösungen finden, und wir werden... (holt gestikulierend aus und zerschmettert dabei versehentlich geräuschvoll sein Glas auf der Treppe) Ja, wir werden genau DAS tun! Wir werden den Laden aufmischen! (lacht laut) Also, das war vielleicht symbolisch. Ich habe eine sehr sciencefictionhafte Vision davon, wie unsere Zukunft aussehen sollte. In meiner perfekten Zukunft wäre es wie bei Star Trek. Wir hätten eine Föderation von Planeten und könnten miteinander kommunizieren und reisen. Zuerst müssen wir aber als Planet, als gesamte Spezies vereint sein. Doch ich denke, das ist möglich, und zwar nicht auf die schlechte, big-brother-mäßige Art, sondern auf eine gute Art.

 

...And You Will Know Us By The Trail Of Dead ist eine sechsköpfige, mal progressive und mal lärmige Rockband aus Austin, Texas, die seit Jahren zu den Lieblingen der Musikkritiker zählt. Gründungsmitglieder sind neben Conrad Keely (Gesang, Gitarre) noch Jason Reece (Schlagzeug, Gesang, Gitarre) und Kevin Allen (Gitarre). Nach der Trennung vom Majorlabel Interscope erschien Anfang des Jahres erschien mit „The Century Of Self" ihr sechstes Album.

Autor: 
Eva Szulkowski und Jonas Trautner
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Galerie: 
Conrad Keelys gemalter Heino

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