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„Menschen an sich sind nicht logisch“

Kristof Magnusson trat im Juni die 17. Wiesbadener Poetikdozentur an. Mit uns spricht er über sein vergangenes und zukünftiges Wirken in Wiesbaden, Gesellschaftskritik und Moral.

 

 

STUZ: Was verbinden Sie mit Wiesbaden?

Kristof Magnusson: Mit Wiesbaden verbinde ich in der Tat ne ganze Menge. Als Kind war ich oft dort und habe die Schwestern meines Opas besucht. Dann fand ich’s lustig, dass es diesmal diese Verbindung ganz stark gab, die wieder aufgelebt ist. Einerseits dadurch, dass in Wiesbaden sehr lange „Männerhort“ lief. Dann die Adaption von „Das war ich nicht“. Das war ja beides in der Wartburg. Als die Caro Stolz noch da war, die hat Männerhort inszeniert. Henner Kallmeyer hat dann die „Das war ich nicht“-Adaption inszeniert. Außerdem immer viele Lesungen. Ich finde es generell interessant, dass von manchen Städten viel Interesse gezeigt wird, von anderen wenig. Ich freue mich über das rege Interesse Wiesbadens.

 

Haben Sie sich wohl gefühlt in Wiesbaden? Durch die erwähnten Kindheitserinnerungen?

Ja. Ich weiß gar nicht, ob es das noch gibt, aber ich bin auch immer gerne ins Café Blumen gegangen, wo wir damals waren. Auch als damals die „Männerhort“- oder die „Das war ich nicht“-Premiere war. Ich komme dann immer möglichst bei Freunden unter. Wir hängen noch einen Tag dran und gehen in die Therme oder laufen in der Stadt rum. Das ist schon was, was ich sehr gerne tu.

 

Bleiben Sie während Ihrer Poetikdozentur in Wiesbaden?

Die Termine sind zu weit auseinander, dann müsste mir jemand eine Wohnung bezahlen. Ich bleibe aber immer über Nacht, manchmal zwei Nächte. Ich freu mich immer darauf, wenn ich nach Wiesbaden fahren kann. Ich kenn ja inzwischen auch einige Leute. Das macht’s dann immer einfacher als wenn man so ganz alleine dasteht. 

 

Wie kam es dazu, dass sie die Poetikdozentur antreten dürfen?

Das weiß ich nicht. Es gibt diese Jury und die haben mich gefragt.

 

Es kam dann sozusagen aus dem Nichts!

Umso lustiger! Familiäre Verbindung und jetzt das. Wie gesagt, es gibt so manche Städte, da tut sich immer was.

 

Welchen Anspruch stellen Sie an die Poetikdozentur? Wollen Sie unterrichten, anregen oder vorlesen?

Unterrichten in dem Sinne nicht. Ich schreibe ja ne Form von Literatur, die sich so schon an dem orientiert, was heute um uns herum passiert. Auf der einen Seite möchte ich darüber reden, wie Literatur entsteht. Wie kommt diese Welt auf das Blatt Papier? Das ist ja erstmal schwierig. Darüber möchte ich reden und dann idealerweise mit den Leuten in den Dialog treten. Was sie davon halten, wie sie das machen würden, wie sie das sehen. Ich bringe ja keine Wahrheiten mit, die ich bei den Leuten danach abfragen werde. Ich würde erzählen, wie ich das mache und darauf warten, wie ihre Reaktion ist.

 

Haben Sie vorher einen Fahrplan, auf dem steht: An diesem Termin würde ich gerne darüber sprechen und an jenem darüber in den Dialog treten?

Äh, ja. Das habe ich. Der ist ja auch insofern vorgegeben als die Veranstaltungen koordiniert werden müssen an der Uni und deshalb dieser Rhythmus, dass es jeden Monat ist. Das ist ein Wechsel aus Lesung und Vorlesung mit anschließendem Gespräch.

 

Können Sie da schon Genaueres sagen? Worüber genau Sie jetzt sprechen? Oder sollte man sich überraschen lassen?

So wie ich es eben gesagt habe, dass ich über mein eigenes Schreiben rede und von dem eigenen Schreiben auf Gespräche über die Welt, unser Land, Europa zu kommen. Genaueres kann ich darüber nicht sagen.

 

Das ergibt sich sicherlich auch daraus, was das Publikum so mitbringt, oder?

Genau. Das ist ja auch der Sinn dieser Poetikvorlesung. Man ist gebeten über sein eigenes Werk zu sprechen. Poetik ist eigentlich die Wissenschaft von der Dichtkunst. Das hat ja nichts mit Poesie zu tun. Man soll darüber sprechen, wie man schreibt und das natürlich auch gehorsam tun. Und danach mal gucken, wo uns das hinbringt. Und dann, das ist aber für mich der Reiz dieser Veranstaltungen, dass man etwas in den Raum stellt und dass es darauf Reaktionen gibt. Das ist immer eine zweigeteilte Sache.

 

Kamen schon mal Reaktionen, mit denen Sie nicht rechneten? Etwas ganz Überraschendes?

Mich hat einmal nach einer Lesung eine Besucherin gefragt, warum mein Buch eigentlich so langweilig ist. Dann hat mal jemand gefragt, warum ich im 21. Jahrhundert eigentlich noch Romane schreiben würde. Das sei ja ne Sache, die eigentlich seit dem 19. Jahrhundert schon überholt sei.

 

Wie kam er zu der Ansicht?

Das ist schon die klassische Moderne, nicht? Dass das Leben sich heutzutage so verändert hat, dass man in Romanen nicht mehr darüber reden kann. Die meisten Leute scheinen das aber eher anders zu sehen.

 

Da kommt man ja mit allerlei Menschen in Kontakt.

Das ist das Schöne daran. Das schöne generell jetzt an diesen Poetikvorlesungen ist, dass es ein Gegengewicht ist zu der Arbeit am Schreibtisch, die ja doch sehr einsam von statten geht. Was ich auch schön finde. Aber ich brauche als Gegengewicht dazu diese Interaktion.

 

Haben Sie etwas Inspirierndes, was Ihnen am einsamen Schreibtisch hilft? Hören Sie bestimmte Musik?

Öh. Musik? Ne, eigentlich nicht. Wenn, dann Ortswechsel, dass ich dann mal ein paar Tage Zuhause bin, mal ins Café gehe oder irgendwohin fahre. Ich schreibe auch viel in der Bahn. Oder fahr an andere Orte. Die einzige Inspiration, die ich brauche, ist Abwechslung. Ich kann irgendwie keine Rituale. Das macht mich immer so ein bisschen nervös.

 

Wird Ihnen nicht über die Schulter geguckt, wenn Sie in der Bahn schreiben? Haben Sie nicht das Gefühl, man schreibt bei Ihnen ab?

Ne, ich habe inzwischen so viel Bahnerfahrung, dass ich mich so hinsetzen kann, dass es keiner sieht. Das ist eine wichtige Technik, die man als reisender Autor ziemlich schnell lernt. Ich wünsch mir natürlich auch manchmal, ich hätte Rituale. Morgens immer schon mit dem einen bestimmten Tee an den einen bestimmten Schreibtisch oder sowas. Wenn ich das dann ein paar Tage mache, will ich danach eher was Anderes machen. Ich habe den Beruf gewählt, weil der eben nicht so routinemäßig ist.

 

Sie arbeiten auch als Übersetzer. Stört es Sie beim Übersetzen, dass Sie nichts Eigenes mitbringen können? Haben Sie dabei das Gefühl, beim Schreiben von einer anderen Hand geführt zu werden?

Nein, im Gegenteil. Ich halte Übersetzer für genauso kreativ wie Autoren. Es ist halt eine andere Kreativität. Als Autor muss man sich irgendwie Figuren und die Geschichte ausdenken. Das ist schwer, aber man kann es sich ja leichter machen an anderen Stellen. Wenn man Sachen nicht ausdrücken kann, dann kürzt man sie. Als Übersetzer muss man natürlich jedes Wort ausdrücken können. Also auch sprachlich viel kreativer sein als der Autor. Zumal man ja als Übersetzer dauernd verschiedene Stile imitieren muss. Das ist eine Sache, die ich daran mag, Stichwort Abwechslung. Eine Kreativität, die sprachlich schwieriger ist. Es ist eine Abwechslung, die ich sehr schätze.

 

Bringt es Ihren eigenen Schreibstil voran, wenn Sie verschiedene Stile übersetzen?

Ja, es ist eine Form von bezahlter Weiterbildung. Jetzt, wo Sie das so sagen.

 

Sie kritisieren in Ihren Werken oft. Planen Sie das ein oder ergibt sich das aus der Handlung heraus?

Letzteres. Ich glaube, das ist keine gute Idee, so im Vorhinein seine Meinung rüberbringen zu wollen. Selbst wenn ich das machen will, dann schreibe ich ein politisches Feuilleton oder einen Kommentar oder Ähnliches. In Büchern muss das schon richtig aus der Logik der Figuren geschehen. Wenn man Werke schreibt, die in der heutigen Welt spielen, bleibt es nicht aus, dass Probleme, die sich mit der Welt beschäftigen, in die Werke einfließen. 

 

Beim Lesen hat man oft das Gefühl, dass Sie ein Gespür für den Zeitgeist haben und ein Gespür für das, was aktuell bleiben wird.

Ich weiß nicht, ob es Glück ist oder was es ist. Ich kann nur immer sagen, dass ich die Sachen nicht bewusst voraussehe und dann sage: Das mach ich jetzt. Ich nehme mich nicht als Propheten, sondern beschreibe das, was ich erlebe, wahrnehme und fühle.

 

Mit Sicherheit würde man beim Lesen merken, wenn der Autor mit dem Gefühl „Das mach ich jetzt so!“ herangeht

Genau. Das kann man machen, aber dann muss man andere Textformen nehmen als einen Roman.

 

Was liegt Ihnen beim Schreiben besonders am Herzen?

Da muss ich nachdenken. (denkt nach) Eigentlich genau das. Ich wünsche mir, dass es mir irgendwie gelingt, zu beschreiben, was es für mich bedeutet, in der Welt zu leben. Das hoffe ich immer, dass das rüberkommt. Durch verschiedene Geschichten, durch verschieden Figuren. Aber das muss nicht bedeuten, dass Werke deswegen superschwer werden. Mit einer humorvollen Sichtweise merke ich, wie mir das selbst beim Leben hilft. Deswegen ist sowas dann auch in den Werken drinne. Aber ich freue mich, wenn ich das Gefühl habe: „Dieses Buch, das ich geschrieben habe, das zeigt, wie ich in dieser Welt lebe.“ Das ist mein Ideal.

 

Sie üben in Ihren Werken oft Gesellschaftskritik aus. Tun Sie das gerne?

Durchaus. Ich streiche auch schon gerne mal Stellen raus. Wenn man anfängt zu schreiben, dann kommt man vom Hundertsten ins Tausendste und fängt ein bisschen zu schimpfen an. Und Rechthaberei und Besserwisserei ist in den ersten Versuchen immer drinne. Das versuche ich dann mit meiner Lektorin so gut wie möglich wieder rauszunehmen. Aber ja, es ist auf jeden Fall etwas, was in den Werken immer vorhanden ist. 

 

Wie passt diese Gesellschaftskritik zu Ihren BASF-Aktien, die Sie sich von Ihrem Konfirmationsgeld kauften?

Ich glaube, das passt so zusammen, wie die Leute heutzutage halt widersprüchlich sind. So sind wir glaube ich alle. Auf der einen Seite wünschen wir uns eine Welt, die sehr gerecht ist. Ich seh darin eigentlich keinen so wahnsinnigen Widerspruch. Ich glaube einfach, wir sind als Menschen nicht logisch. Wir leben alle mit diesen Widersprüchen. Wir wollen Arbeitnehmerrechte und gleichzeitig haben wir private Rente, die dann in Firmen angelegt ist, die versuchen, die Gewerkschaften zu bekämpfen. Ich glaube, diese Widersprüche hat jeder in seinem Leben. Das hat einfach jeder, weil wir keine konsistenten Menschen sind im Allltag. Ich finde nicht, dass es uns von der Pflicht enthebt, die Ideale zumindest zu formulieren. Wenn man die Ideale formuliert, dann kommt man ihnen sicherlich näher als wenn man gleich sagt: „Ne, alles egal, ich mach das nicht.“

 

Vieles geht ja auch nur mittels eines langsamen Prozesses.

Ja. Aber ist ne gute Frage. Da denke ich natürlich manchmal nach, aber ich glaube, ich hör dann immer auf darüber nachzudenken. Das ist ganz schön, sich da nochmal Gedanken zu machen.

 

Super. Vielen Dank für das Interview!

Danke auch!

 

 

Autor: 
Nicole Opitz
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