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Mit einem Ohr genießen

Pro: Musik nebenbei hören

 

Tut man während des Musikhörens noch andere Dinge, kann man nicht jede Nuance in Melodie und Text aufnehmen. Na und? Manchmal reicht auch ein Ohr.

 

“Es müsste immer Musik da sein.” Das ist der Satz, der den allermeisten Menschen vom Film “Absolute Giganten” im Gedächtnis geblieben ist. Für nicht wenige ist es wohl die einzige Filmszene überhaupt, die sie mit dem vor zwei Jahren viel zu früh verstorbenen Frank Giering in Verbindung bringen, und es wäre wohl das gleiche mit Julia Hummer, hätte sie nicht vor ein paar Jahren auch in unsäglichen GEZ-Spots mitgespielt. Um Julia Hummer, Frank Giering und einen wunderbaren Film soll es hier aber gar nicht gehen.

 

“Es müsste immer Musik da sein. Bei allem was du machst. Und wenn's so richtig scheisse ist, dann ist wenigstens noch die Musik da.” Das ist natürlich reichlich pathetisch, aber falsch ist es deshalb noch lange nicht. Nicht nur Filme brauchen und haben einen Soundtrack, auch das Leben. Auch wenn er bei letzterem nicht immer passt.

 

Und auch wenn Musik etwas so wundervolles ist, nicht selten auf mehreren Ebenen funktioniert: Musik ist auch gemacht, um sie nebenbei zu konsumieren. Es ist nicht unhöflich gegenüber einem Musiker, seine Platte zu hören, und dabei zu lesen, Auto zu fahren, einkaufen zu gehen. Auch während ich diesen Artikel schreibe, höre ich Musik, genauso wie in den Stunden, die ich mich mit meiner Magisterarbeit beschäftige.

 

Unterschiedliche Musik eignet sich natürlich unterschiedlich gut zum Nebenbei-Hören: Zu Atari Teenage Riot kann man vermutlich ähnlich schlecht lesen und schreiben wie zu Xiu Xiu – wenn auch aus etwas unterschiedlichen Gründen. Mich persönlich lenkt auch deutschsprachige Musik nicht selten zu sehr ab, weil ich, ohne dass ich es will, auf den Text achte. Ich schenke der Musik dann für den Moment zuviel Aufmerksamkeit.

 

Denn natürlich ist das Nebenbei-Hören ein weniger aufmerksames Zuhören. Will man die vollständige Tiefe eines Liedes, den Text samt Anspielungen, versteckter Message und ähnlichem, verstehen, muss man sich auf das Musikhören konzentrieren – aber, ganz ehrlich, wer hat die Zeit und Muße, jeden Tag mehrere Stunden nur dem Musikhören zu widmen – noch dazu mit dem Wissen, dass sich die wirklich guten Platten erst mit dem zweiten, dritten Hören erschließen? Ist es da nicht einfacher und zielführender, die Suche nach dem nächsten Lieblingssong und den Konsum des schon gefundenen auf die Zeit auszudehnen, in der man auch andere Dinge tut?

 

Ganz klar ist es das – und genau deshalb begleitet uns Musik auch so sehr durch unser Leben, wie eben ein Soundtrack einen Film begleitet. Sie braucht nicht immer unsere gesamte Aufmerksamkeit, manchmal reicht auch ein Ohr. Um dann bei den besonderen Liedern umso genauer hinzuhören.

 

Aber nebenher eben auch noch etwas anderes zu tun, als nur Musik zu hören.

 

 

Der Artikel ist Teil eines Pro- und Contra-Schlagabtauschs zwischen Matthias Schmidt vom Rückseite Magazin und STUZ-Musikchef Jonas Trautner. Dieses Pro sowie das morgige Contra erscheinen daher parallel auf rueckseite-magazin.de

 

Autor: 
Matthias Schmidt
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Video: 
Absolute Giganten - "Es müsste immer Musik da sein"
"Es müsste immer Musik da sein"