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Mr. SS

Serdar Somuncu kam letzte Woche mit seinem neuen Programm “Sexy Revolution & The Politics “ nach Mainz und sorgte für Aufklärung.

 

Eine Band fängt an zu spielen, bevor der legendäre Hassprediger auf die Bühne kommt. Im Rampenlichtet erleuchtet, singt „Mr. SS“, wie er sich nennt, erstmal ein Ständchen. Das muss man Serdar Somuncu lassen: Seine Auftritte hat er mit der Einführung einer Band nicht nur aufgepeppt, sondern auch eine elegante Abwechslung zu seinem Hauptprogramm, den Moralpredigten, gesorgt. Denn in der „Hassprediger“- Tour wurde der Zuschauer mit Vulgärwitzchen à la Fotze, Schwanz und Ähnlichem nicht nur verbal, sondern auch lautlich und physisch konfrontiert. Nicht, dass das nicht lustig wäre. Es könnte dem Zuschauer nur das Gefühl geben, nicht mehr in der Lage zu sein, über nichts Flacheres als Sex-Witze lachen zu können. Aber keine Sorge. So ganz sind diese nicht weg. Genauso wenig wie der „hassistische Spirit.“

 

Aufklärung und Mission

 

Um, wie Serdar Somuncu es nun tun würde, die Political Correctness zu bewahren. Hier ein wenig Aufklärung zu seiner Person: Serdar hat lediglich einen türkischen Pass. Der Rest an ihm ist deutsch - nein, europäisch. Nun, wie auch immer man das heutzutage nennen darf: Die Sprache ist in neunzig Prozent des Gesagten die deutsche. Für sein Programm ist die noch offizielle Sprache hierzulande von größter Wichtigkeit. Denn wie soll man sonst Parodien über die Aussprache von Nazis, von prüden deutschen Bürgern, den nichtintegrierten Migrationshintergründlern oder inländischen Z-Promis auf eine, so scheint es, unsensible, aber doch witzige und leider oft bewahrheitete Art und Weise artikulieren.

 

In Form von Humor analysiert er die altbekannte Gesellschaftskritik. So auch zum Thema der unausweichlichen Humanität: „Diejenigen, die ständig von Toleranz reden, sind die Intolerantesten“, philosophiert Somuncu und kritisiert dabei den Durchschnittstürken, der zwar angehaucht homophob sein könnte, aber selbst porenerkenntlich feingezupfte Augenbrauen hat und viel zu enge Hosen trägt ... „Latent schwul ist doch jeder von uns. Und das ist auch gar nicht schlimm“, verteidigt Somuncu. Er kommt auch nicht drumherum, den Gewinner, sorry, die Gewinnerin des Eurovision Songcontests, Conchita Wurst, zu erwähnen. Es störe Serdar, dass sie einen Bart trage. Aber im nächsten Moment erkennt er dadurch erst, wie unsere Welt tickt. „Eine Frau ohne Bart wäre doch langweilig. Und das ist unser Leitmotiv: Alles, was langweilig ist, wird überbrückt durch Experimente. Wir bumsen ja sogar Tote schon. Also was ist schon dabei mit der Frau mit Bart“, erklärt er einleuchtend. Er animiert dabei vor allem „zum Nachdenken, wie man in dieser Gesellschaft besser zusammen leben kann.“

 

Daher kommen auch Gesellschaftstrends nicht zu kurz bei Somuncu. So versteht er zum Beispiel nicht, wie man ständig alles mit dem schlauen Phon fotografieren muss. „Das ist doch gar nicht wichtig. Wichtig ist es doch, sich über das Beisammensein zu freuen“, moralisiert Somuncu. „Wir wissen dieses Beisammensein doch gar nicht mehr zu schätzen. Sich einfach mal zu unterhalten. Nein, lieber verlieren wir uns im Internet.“

 

Auch liefert Somuncu eine inoffizielle Erklärung, warum er auch oft sexistische Aussagen verwendet. Denn das zieht scheinbar, oder? Der durchschnittliche Fernsehzuschauer unterstützt schließlich auch die Einschaltquoten von Leuten, die Dinge sagen wie: „Du kannst nicht singen, aber deine Titten sind geil“, so laut Somuncu eine mögliche Aussage von Dieter Bohlen.

 

Reduktion und Fazit

 

Mit beruhigender Vorwarnung ist der Zuschauer gewarnt, dass Serdars „Beleidigungen“ jeden treffen werden, ob nun „Schwule, Deutsche oder Türken“. Wobei man sagen muss, dass er diesen Programmpunkt im Vergleich dazu, wie es in der „Hassprediger“-Tour war, vom Direkten ins Allgemeine reduziert hat. Zudem wirken Serdars Predigten in Form von Witzen oberflächlicher – positiv gemeint. Er geht schneller von einem Thema ins nächste über und hackt nicht auf ein und demselben rum. Das und die neuen Band verleihen eine ganz kleine Note an der ungewohnten Feinfühligkeit, zumal sich sein neues Programm nicht mehr auf diesen ausgelaugten Kontrasten zwischen deutsch, türkisch, jüdisch, christlich und sonstigen Formen der Nationalitäten und Religionen fokussiert. Er beschäftigt sich nun mit den allgemein bekannten Trends und Aufregern der Gelben Presse entnommen und bringt dabei den Zuschauer zum schmunzelnden Nachdenken. Eins ist für Serdars Programm nach wie vor Voraussetzung: „Man darf sich nicht angesprochen fühlen, wenn man gemeint ist. Besser ist es, sich angesprochen zu fühlen, wenn der Andere gemeint ist.“

 

 

Info: Im Mai nächsten Jahres geht sein Programm mit dem Titel „Solo“ los. Tour-Termine sind bereits für München, Berlin und Düsseldorf bekannt.

 

 

 

 

 

 

 

Autor: 
Jana Hermann
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