Musikalische Ekstase
IAMX steht mit seiner Musik eindeutig zwischen den Stühlen. Seit der ersten Platte „Kiss + Swallow“ betonte IAMX-Schöpfer Chris Corner immer wieder aufs Neue, dass ihm nichts an musikalischen Konventionen liegt. Im März diesen Jahres erschien bereits sein sechstes Studioalbum „Volatile Times“. Die STUZ nahm seine Show im Bett in Frankfurt zum Anlass, der Figur IAMX mal auf den Zahn zu fühlen und sprach mit ihm über Konzeptalben, seine Arbeitsphilosophie und Shakespeare.
STUZ: Was ist so besonders an deinem neuen Album? Auch im Vergleich mit den Platten, die du bisher produziert hast?
IAMX: Ich glaube, da fragst du den Falschen. Aber wahrscheinlich besteht der Hauptunterschied zu den Vorgängern darin, dass es eine tiefgründigere psychologische und philosophische Reise ist als die anderen Alben; zumindest aus meiner persönlichen Perspektive heraus. Ich glaube, es ist das einzige Album, das ich mir wirklich anhören kann. Ich meine, dabei gibt es viele Ebenen und es gibt viele Gründe dafür. Aus musikalischer Sicht, Produktionssicht, in Hinblick auf die Arrangements – bei jedem Part der Musik und des Produktionsprozesses versuchte ich das Konzept von dem, was ich tue, zu verändern, mich selbst herauszufordern und mich selbst erneut in dieser Welt in Augenschein zu nehmen. Also, es ist eine harte psychologische Reise, härter als die anderen.
Welche Erwartungen hattest du bevor die Produktion anlief? Hattest du an bestimmte Konzepte gedacht, die du dort realisieren wolltest?
Ja, ich hatte zunächst das naive Konzept, ein Konzeptalbum zu machen. Ein themenbasiertes Album, auf dem eine Geschichte erzählt wird, ähnlich wie bei einer Oper oder so. So hat es allerdings nicht funktioniert (lacht). Am Ende wurde es sehr viel chaotischer und ich schwamm mit dem Fluss meiner Inspiration, sodass ich nichts erzwingen konnte. Ich schrieb so viele Songs, die ich wieder verwarf. Da war dieses allgemeine Konzeptalbumding und am Anfang versuchte ich noch, mit mehreren Leuten zusammenzuarbeiten. Erneut auf naive Art und Weise, aber das funktionierte auch nicht. Also entschied ich mich dafür, es alleine zu tun, praktisch und technisch zu denken und alles zu kontrollieren.
Wie würdest du die Sprache beschreiben, die du in deinen Texten verwendest? Sie erscheint sehr metaphorisch.
Ich war schon immer sehr interessiert an Poesie und wie sie eine Botschaft vermittelt, ohne sie klar darzulegen und auszuschreiben. Trotzdem bekommt man ein Gespür für die Empfindungen und die Emotionen dieser Botschaft.
Wer ist dein Lieblingsdichter?
Nun, ich war ein großer Fan von W. B. Yeats. Aber in letzter Zeit konzentriere ich mich am meisten auf Shakespeare. Das klingt schon seltsam, aber wenn man zurückdenkt, ist es einfach unglaublich: Die Dinge, über die er schrieb und die Art, wie er schrieb, sind wirklich verblüffend. Also ich würde sagen, ich bin gerade ein Fan von Shakespeare. Es ist schon komisch, weil du das in der Schule lernst und da ist es einfach nur langweilig. Aber mein Interesse an Poesie und dieser Art des Ausdrucks werden in meinen Texten reflektiert. Ich wollte beim Schreiben schon immer eine Kombination aus Einfachheit und Komplexität verwenden. Ich denke, das ist der Punkt, an dem die Metaphern ins Spiel kommen. Den Gebrauch von recht simpler Sprache auf metaphorische Art und Weise finde ich wirklich interessant.
Siehst du dich selbst hauptsächlich als Musiker, als Songwriter oder eher als eine Art Konzeptfigur?
Ich interessiere mich für alle Arten von Kunst. Ich bin jedoch nicht in allen davon sehr gut. Wie gesagt, ich bin eine praktische Person. Zuerst kam die Leidenschaft für die Musik an sich und ich lernte mein Handwerk. Und dann lernte ich, wie ich mich selbst produziere, das heißt die technische Seite der Produktion sowie die kreative. Es ist also nur naheliegend, mich selbst durch Musik auszudrücken. Ich bin allerdings auch ein großer Filmfan, ich liebe Filme. Ich entwickle auch die Visuals für die Gigs und ich drehe die Videos für die Singles. Das ist etwas, worin ich wirklich mehr involviert sein will – in die visuelle Seite der Dinge.
Was wolltest du mit dem Albumtitel „Volatile Times“ sagen?
Wie gesagt, es ist eine eher poetisch-metaphorische Anschauung, wie ich die Welt sehe. Was das Album für mich repräsentiert, ist eine generelle Beobachtung der Menschheit und der Dinge außerhalb meines Selbst. Es ist ein persönliches Album im dem Sinne, wie ich mich in Bezug auf die Welt fühle, aber es ist keine Betrachtung meiner eigenen Beziehungen. Es ist also weniger emotional, sondern eher beobachtend. Und weißt du, wir denken immer, dass etwas schiefgeht. Die Menschen schaffen sich ihre Probleme selbst und es ist klar, dass dies immer der Fall war und immer der Fall sein wird. Deshalb wird es immer Unbeständigkeit („Volatility“) in der menschlichen Natur geben. Und ich kann mir vorstellen, wenn ich an jemanden wie Shakespeare denke, könnte ich wahrscheinlich hier mit ihm sitzen und exakt über dieselben Probleme reden, natürlich in einer etwas anderen Sprache. Wenn du dir die ganzen Leute aus der Vergangenheit und jene aus der Zukunft vorstellst, und wie du mit ihnen in Kontakt treten könntest – das klingt jetzt vielleicht etwas spirituell, aber es ist so ein kraftvolles Gefühl. Und davon ist auch etwas auf dem Album zu hören.
Eine Frage noch zu deinem Publikum. Unterscheiden sich die Reaktionen der Fans auf deine Musik?
Ja, auf jeden Fall. Sehr interessant an den Konzerten ist die Unterschiedlichkeit der Leute. Nicht immer, aber häufig hast du vorne die meist jüngeren „Hardcorefans“. Und dann hast du eine ausgefallenere Mischung von Fans im hinteren Bereich. Viele ältere Leute oder Paare. Es ist wirklich eine bunte Mischung und ich bin ziemlich überrascht über die Vielfalt unter den Fans. Online gibt es Fans, die in den höchsten Tönen verkünden, dass sie die Fanbase von IAMX verkörpern, was sie aber offensichtlich nicht tun. Ich sehe so viele Leute zu den Konzerten kommen, von denen ich niemals erwarten würde, dass sie auf diese Musik stehen.
(Fragen von Marie Wolters und Christopher Breaux)














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