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Nichts zu liken

 

StudiVZ galt einmal als eines der erfolgreichsten deutschen Internetunternehmen. Jetzt vegetiert es nur noch vor sich hin. Ein Besuch auf dem Social-Network-Friedhof.

 

 

Was macht einen richtigen Studenten aus? Über die meisten Antworten zu dieser Frage kann man vortrefflich streiten, aber eine Sache schienen für einige Jahre in der zweiten Hälfte des letzten Jahrzehnts alle gemeinsam zu haben: ein Konto bei StudiVZ. Gegründet 2005, galt es zwei, drei Jahre später als mit Abstand erfolgreichstes Internetangebot in Deutschland. Und dann kam Facebook.

 

Auch ich hatte einmal über 150 Freunde bei StudiVZ, loggte mich täglich ein und freute mich über Mails und Neuigkeiten der Leute und ärgerte mich über die zur Schau gestellte Dummheit mancher. Heute logge ich mich fast gar nicht mehr ein. Das letzte Mal vor einem Jahr, als ich eine Adresse brauchte, die mir ein Bekannter mal per StudiVZ-Nachricht geschickt hatte. Schon da fiel mir auf, dass beinahe jeder zweite meiner Freunde sein Profil gelöscht hatte. Heute sind zwar immer noch etwa neunzig Freunde übrig, aber ich bin mir ziemlich sicher, keiner von denen loggt sich noch regelmäßig ein.

 

Wer will es ihnen verdenken? Die Funktionsvielfalt bei StudiVZ ist in etwa auf dem Stand von Facebook vor fünf Jahren, und die Seite sieht auch in etwa so aus. Immer noch gibt es den Buschfunk – alle Nachrichten darauf kommen in meinem Fall von einem Medienportal, dessen „Edelprofil“ ich vor ein paar Jahren mal „gut fand“. Drei neue Nachrichten habe ich in einem Jahr auch bekommen, aber davon sind zwei Werbemails von einer Zeitschrift, die dritte eine Einladung zu einer Party, die mich auch auf anderen Wegen erreichte. Der letzte Eintrag auf meiner Pinnwand stammt aus dem Sommer 2010.

 

Ein Einzelfall ist das nicht: Die Besucherzahlen des einstmals größten deutschen Social Networks sind in den letzten Monaten

und Jahren eingebrochen, über Monate schon fallen sie ins Bodenlose. Die Seite wannstirbtstudivz.com hat ausgerechnet, dass die Zahlen noch Mitte März den Nullpunkt erreichen – schließlich ist der Besuchereinbruch seit Mai 2010 fast linear verlaufen.

 

Aber dann irgendwann fällt mir ein kleiner Button auf, ziemlich weit rechts auf der Seite. Man kann umschalten zum „Neuen StudiVZ“. Eine wesentlich aufwendiger programmierte Seite öffnet sich – und sieht nicht einmal wirklich besser aus. Es gibt aber ein paar neue Funktionen. Zum einen kann man die Buschfunk-Posts jetzt liken, und man kann sich auch die letzten hochgeladenen Fotos anzeigen lassen. Fast wie bei – genau – Facebook.

 

Nur doof, dass es nichts mehr zu liken gibt, weder Statusmitteilungen noch Fotos oder irgendetwas sonst. Mein Profil werde ich trotzdem nicht so schnell löschen. Schließlich habe ich die StudiVZApp auf meinem Handy, die vorinstalliert war und deshalb nicht gelöscht werden kann, noch gar nicht ausprobiert. Und Retro und Co. sind ja mal wieder äußerst hip.

 

 

Autor: 
Matthias Schmidt
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