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Nippon Connection 2011: The End… for now

Das Festival geht zu Ende. Schön war‘s gewesen trotz gelegentlich schwieriger Rahmenbedingungen.

 

Wieder ist ein Festival zu Ende und wieder einmal tritt an seine Stelle das Gefühl von Müdigkeit und satter Zufriedenheit, aber auch eine dezente Wehmut und die Hoffnung auf eine baldige Wiederholung. Zu sehr überwogen die Freude an guten Filmen und die gute Laune vieler Besucher und Mitarbeiter, als dass die Platznot und die unbequemen Stühle nachhaltig aufs Gemüt drücken können.

 

Ein Festival der lächelnden Menschen

Die Planungsphase war gerade vorbei, die Programmhefte schon im Druck und dann kamen das Erdbeben, der Tsunami und die Atomkrise in Fukushima. Alles andere als ein Grund zur Freude und die berechtigte Frage „kann das Festival überhaupt stattfinden?“ stand im Raum. Die Antwort kam spannender Weise aus Japan: Ja! Den befragten Partnern und Gästen war es wichtig, ein Lebenszeichen zu senden. Natürlich darf nicht vergessen werden, was in Japan passierte, aber ebenso darf man nicht vergessen werden, dass Japan lebt. Die Zeiten sind schwer, aber dennoch können die Menschen ein Lächeln zeigen, das Land ist nicht „am Ende“. Und so fand auch zu unserer Freude die 11. Nippon Connection statt. Fast alle Gäste kamen und säten gute Laune – nicht nur durch ihre oft lustigen Filme. Auch die Festivalmitarbeiter (50 Mitglieder des Teams und über 150 freiwillige Helfer!) waren stets guter Dinge. Verzögerungen, technische Probleme, endlose Fragereien? Kein einziger Mittarbeiter, ob an der Kasse, an der Baar oder am Presse- und Informationsstand grummelte, schimpfte oder reagierte auch nur genervt. Und wer einmal den vielen angedeuteten Verbeugungen und dem strahlenden Lächeln der japanischen Bedienung an der Sushi-Bar erlag, der konnte auch einmal darüber hinwegsehen, dass Sushi nicht gerade der preiswerteste Snack für zwischendurch ist (wenngleich leider der einzige im Festivalzentrum).

 

Nippon Connection ist Kultur

Dass Filmfestival nicht nur pausenloses Sesselhocken und Leinwandstarren heißen muss, hat die Nippon Connection mit Bravour bewiesen. Wer einmal keine Karte mehr bekommen oder den Film gar verpasst hat, kam nicht umsonst. Neben kulinarischen Köstlichkeiten des Fernen Ostens – Sushi, Sake Tee und mehr – legte das Festivalteam in Zusammenarbeit mit der Japanologie der Uni Frankfurt ein erstaunlich vielfältiges Programm an Workshops und Vorträgen vor. Von Ikebana (der Kunst des Blumensteckens) bis Origami (Papierfaltkunst), von japanischem Tanz und Gesang bis zum kriegerischen Kendo-Workshop, alles was das Herz begehrte. In den Tee- und Sakelounges konnte man nicht nur Tee schlürfen, Relaxen und Reisweine probieren, sondern sich die spirituelle Seite echter Teezeremonien näherbringen lassen. Japanisches Yoga und kostenlose Shiatsumassagen (auch als Workshop und für Babys angeboten) ließen jeden Rücken die Kinostühle vergessen. Wem dahingegen nach Action der Sinn stand, der war im Computerraum richtig und hatte an zahlreichen PCs die Möglichkeit sich mit einem „Match to death“ mit gleichgesinnten in Fighting- und Partygames auszutoben. Ein Kochkurs, ein Workshop zum japanischen Verpackungsdesign und gemeinsames Animationsfilmbasteln. Um das Kulturprogramm erschöpfend zu beschreiben, müsste man eine Liste spannender Vorträge über japanische Gesellschaft, Kultur und Übersetzungsmethoden anhängen. Stattdessen soll von den wahrhaft interaktiven Abendveranstaltungen kurz die Rede sein. Fast jeden Abend Party und Karaoke. Die letzte Bahn fuhr um 0:17 Uhr. Wen juckt‘s! Bis vier Uhr kann man mit japanischen Nudelgerichten, Asahi-Bier und Karaoke locker aushalten. Und wer tagsüber vor lauter Filmen die Japaner nicht zu Gesicht bekam, der hatte hier seine Chance auf internationalen Austausch.

Die Nippon Connection gibt sich eben nicht damit zufrieden japanischen Film zu vermitteln, sondern macht einen Rundumschlag, um uns Ganz Japan innerhalb einer Woche direkt vor die Haustür zu bringen. „Ein Festival zum Anfassen“, wie der japanische Generalkonsul Toyoei Shigeeda freudig bemerkte. Nun, man kann‘s nicht besser ausdrücken.

 

Kurz und knapp – Leider…

Tokyo muss eine wahnsinnig volle Stadt sein, wenn man den Filmbildern zuweilen glauben mag. Und ein Stück Tokyo gab‘s im Treppenhaus. Stau, Gedränge und zuweilen knappe Luft. Natürlich ist es eine feine Sache, so viele Veranstaltungen und Attraktionen wie möglich an einem Ort zu haben, um die Festgemeinschaft zusammen zu halten und einen schnellen Zugang zu allen Attraktionen zu schaffen. Warum aber müssen sich im ersten Stock des Treppenhauses die Abendkasse, die Bar, die Sushitheke, das Hauptkino, die Toiletten und zwei Verkaufsstände dicht an dicht drängen, mit anderen Worten all die wichtigsten und meistbevölkerten Einrichtungen des Festivals? Jeder, der in den zweiten Stock zur Teelounge und zur Shiatsumassage wollte und jeder, der in den langen Korridor zum Spielraum und an den Sakestand eilte – alle mussten erst durch diesen tokyotischen Menschenmassenknoten hindurch. Alle zwei Stunden, nach jedem Film drohte der komplette Zuschauerverkehr zum erliegen zu kommen. Sich daraus zu retten und am anderen Ende noch alle Sushiröllchen beisammen zu haben – fast unmöglich.
Viel zu kurz erscheint dahingegen die Laufzeit des Filmfestes. So viele Filme und so viele Angebote! Wie soll man das schaffen? Wie soll man sich da entscheiden? Es scheint unmöglich auch nur die Hälfte des unglaublich guten Programms zu sehen. Das zu ändern wird wohl aber leider ein Wunschtraum bleiben, will man nicht die Gesundheit des unentgeltlich arbeitenden Festivalteams aufs Spiel setzen. Man hat ja schon als Besucher kaum Zeit zum Schlafen, und doch sind die eifrigen Mitarbeiter immer schon da, wenn man kommt und sie bleiben, wenn man geht. Wie machen die das bloß?

 

Spaß – auch unter Androhung

Wer zur Nippon Connection geht und keinen Spaß hat, ist entweder schon tot oder eine knorrige deutsche Eiche. Und auch für die hat man vorgesorgt. Die Cheerleadergruppe Gamushara-Oendan wurde extra für solche Härtefälle aus Japan eingeflogen. Mit trollig-krimmigen Krimassen und einem parodistisch-militärischen Gebaren, das wohl zwischen Musikalität und Schreien, zwischen Akrobatik und Clownerie liegt, entlockten sie jedem noch so trocknen Geist ein Schmunzeln. Und wer schon mal „Freude schöner Götterfunken“ auf Japanisch gehört hat, kann sich ein Lachen schwerlich verkneifen. Daumen hoch für Japan. Auch die jüngste Katastrophe kann das landeseigene Lächeln nicht besiegen.

 

Autor: 
Johannes Kraus
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