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Orange ist doch besser als Grau und Weiß

Ein Widerspruch

 

Am Anfang des letzten Jahrhunderts gaben die Couturiés der Architektur und des Design, le Corbusier und Mies van der Rohe, den Wahlspruch „Form Follows Function“ aus. Ästhetisch ist demnach das, was praktisch ist. Und praktisch ist opportunistisches Design. Sich vor diesem Hintergrund über eine (aus Dörfern mit ländlichem Charakter zusammengesetzte) Stadt wie Mainz zu echauffieren ist so unangebracht wie unfair.

 

Was zeichnet denn gute Architektur aus? Dass sie praktisch und funktionell ist und lange ohne Sanierung auskommt! Vor diesem Hintergrund wurden in den Siebzigern wirklich Bausünden begangen – unbestritten. Doch ist der Architekt schuld? Mitnichten. Ich wehre mich entschieden gegen den Vorwurf des Mittelmaßes in einer historisch gewachsenen Stadt wie Mainz. Viele Gebäude fielen dem Krieg zum Opfer. Hier hieß es praktisch denken, praktisch handeln und vor allem: praktisch bauen. Wenn Mies van er Rohe Fenster über Eck entwarf, war dies in den Zeiten des Wirtschaftswunders und in den späten Sechzigern einfach finanziell nicht zu machen. Und so entstanden die „architektonischen Sünden“, die bei genauerer Betrachtung gar keine sind.

 

Und heute? Mainz hat architektonisch viel zu bieten: Exemplarisch ist die neue Synagoge ebenso zu erwähnen wie die modernen Bürokomplexe im Münchfeld. Die öffentlichen Kassen sind leer, und vor diesem Hintergrund ist Bauen nach praktischen Prinzipien wichtiger denn je. Man rückbesinnt sich auf Bauhaus und Co. Selbsternannte Architekturkritiker werfen den Stadtplanern und Bauträgern nun Einfallslosigkeit und Seelenlosigkeit vor.

 

Dabei haben sie etwas nicht verstanden: Kultur und auch Architektur verfolgt in erster Linie ein Ziel: dem Menschen das Leben angenehm zu machen. Ressourcen gewinnbringend einsetzen. Und wo Kunst wie Selbstzweck erscheint, hatte sie auch ein Ziel: die Macht des Mäzen oder Herrschers zu demonstrieren und zu zementieren. Oder als Geldanlage zu fungieren. Die ersten Malereien in Höhlen sollten Jagdgeister beschwören und somit das Leben vereinfachen. Symbole als Funktionsträger.

 

Konsequent weitergedacht: Versailles und auch die Studentenwohnheime neben der FH haben dies gemeinsam: Ihre Architektur erfüllt ihren Zweck. Und nur den: Form Follows Function.

Autor: 
Michael Bernartz
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Architektursünden der Nachkriegszeit gibt's auch in Darmstadt
Neue Synagoge, Mainz