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Puppen eröffnen neue Welten

Das diesjährige Festival für außergewöhnliche Theaterformen und Figfurentheater, “No Strings Attached”, ist vorbei. In teils ausverkauften Shows brachte es mal wieder Außergewöhnliches nach Mainz.

 

Die Stimme zitternd, greift ein alter Mann zu seinem Handy und wählt die Nummer der lokalen Zeitung. Hektisch blickt er sich um – er will sichergehen, dass er auch ja nicht beobachtet wird. Schon gar nicht vom geldgierigen Heimleiter, der im Altenheim Casaverde hemmungslos und mit Dollarzeichen in den Augen die Alten, die Schwachen und die Sterbenden ausnimmt. „Please send a reporter“, entnimmt man schließlich in Form einer piepsigen Stimme der Kehle des Greises.

 

Der Mann am Telefon ist kein Schauspieler, sondern eine Puppe. Eine handgeschnitzte Klappmaulpuppe, die vom australischen Puppenspieler Neville Tranter zum Leben erweckt wird. Wie auch in seinen anderen Stücken schafft es der in den Niederlanden lebende Tranter auch in seinem Werk „Mathilde“ seine Figuren zum sprichwörtlichen Leben zu erwecken. Er interagiert mit ihnen und bereichert das Schauspiel so um komische, eigenartige und ungewohnte Facetten. Tranter war wohl auch in diesem Jahr wieder der heimliche Star des Mainzer Figurentheater-Festivals „No Stirings Attached“, das vom Kultursommer Rheinland-Pfalz organisiert wird und momentan im Zweijahresrhythmus in den Mainzer Kammerspielen gastiert. „Mathilde“ jedenfalls war flux ausverkauft. So wie auch andere Stücke des Festivals.

 

Adams Äpfel auf der Bühne

 

Dass das Spiel mit Figuren einem Schauspieler neue Welten eröffnen kann, sehen auch die drei Schweizer und Österreicher vom Theaterkollektiv Kopp/Nauer/Vittinghoff so. Mit ihrem Stück „Jenseits von Gut und Böse“ haben sie den Stoff des dänischen Kultfilmes „Adams Äpfel“ auf die Bühne der Kammerspiele geholt. Angereichert um die Gedankengänge des atheistischen Philosophen Michael Schmidt-Salomon ist ihnen ein intensives, bitterböses Theaterstück gelungen, was sich plakativ uns dennoch nachdenklich mit der Frage auseinandersetzt, was denn wohl „das Gute“ sein mag – und was „das Böse“.

 

Die Figur im Zentrum von „Jenseits von Gut und Böse“ – der Alkoholiker Wolfgang – wird den Zuschauern wohl noch lange im Kopf herumspuken. Überlebensgroß, fett und grenzwertig abstoßend, erklärt Wolfgang mit österreichischem Akzent den Zuschauern seine Welt. Obwohl er lethargisch und egoistisch daherkommt, empfindet man für den lethargischen Alkoholiker dennoch Empathie. Das Trio Kopp/Nauer/Vittinghoff ergänzt das virtuose Puppenspiel, in dem sie selber deutlich mehr als nur die lenkenden Statisten sind, mit Musik und Videoinstallationen und einer herzhaften Brise Philosophie. Das anschließende Publikumsgespräch mit Schmidt-Salomon zeigt, wie sehr das moderne Puppenspiel polarisieren und bewegen kann. Das nächste „No Strings Attached“ 2015 werden sich einige der diesjährigen Besucher wohl schon fett im Kalender markiert haben.

 

 

Autor: 
Fabian Scheuermann
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Galerie: 
"Jenseits von Gut und Böse" - Foto: Alexander Jaquemet
"Mathilde" - Foto: Wim Sitvast