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Quer durch den wilden Osten

Im Rahmen der Maifestspiele zeigte das Wiesbadener Staatstheater „Tschick“ in einer Produktion des Deutschen Theaters Berlin

 

Es gibt einige verdächtige Mütter, die ihre pubertierenden Teenager mitgeschleppt haben. Doch daneben haben sich im Kleinen Saal des Staatstheaters Wiesbaden vorwiegend ältere Herrschaften eingefunden. Der Kultroman von Wolfgang Herrndorf wird schon lange nicht mehr nur als Jugendbuch gehandelt.

 

„Tschick“ handelt von den beiden Außernseitern Maik und Tschick, die abgesehen von ihren 14 Lenzen nicht viel gemeinsam haben. Tschick wohnt im Plattenbau und ist als Russlanddeutscher neu in die Klasse gekommen. Maik gehörte von Anfang an nie wirklich im Klassenverbund dazu. Dank einer verrückten Kurzgeschichte, die von seiner Mutter in der Entzugsklinik handelte, wurde er von seinen Klassenkameraden als „Psycho“ abgestempelt. Er ist ein typischer Fall von Wohlstandsverwahrlosung (Die Mutter in Beauty- und Entzugskliniken, der Vater mit Affären und der eigenen Firma beschäftigt).

 

Bisher wechselten Maik und Tschick nie großartig ein Wort miteinander, doch nun sind sie beide als Einzigen nicht zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen. Das verbindet. Und so kreuzt Tschick mit einem geklauten Lada auf der Hofeinfahrt von Maiks Elternhaus auf und sie brechen auf eine Reise in die Wallachei auf, wo Tschicks Großeltern wohnen.

 

Die Bühnenadaption unter der Regie von Alexander Riemenschneider besticht durch eine grandiose wie simple Idee. Sämtliche Rollen werden durch die zwei Hauptdarsteller Sven Fricke und Thorste Hierse dargestellt. Was anfangs ein wenig befremdlich und ungewohnt ist, ist eine hervorragende wie ungewöhnliche Theaterinszenierung. Dem wird das I-Tüpfelchen aufgesetzt, in dem Fricke und Hierse beide Maik und Tschick sind. Mitten im Dialog wechseln sie fliegend die Rollen. Manchmal nur durch einen Blick, einen neuen Ton in der Stimme, die andeuten, dass aus Maik Tschick wird und umgekehrt. Bei den Nebenfiguren, dem Lehrer, der Eltern erfolgt der Wechsel grober. Eben noch stellt Fricke den autoritären Lehrer oder selbstgefälligen Vater dar, dann ist der unbeholfene Teenager, der nicht weiß, wohin mit seinen Händen. Das verrückte Rollenspiel ist zugleich ein Sinnbild für die Pubertät. Jugendliche haben sich selbst und ihren Platz in der Welt noch nicht gefunden. Sie sind heute hier und morgen dort. Die Flüchtigkeit der Identität wird auch durch das märchenhafte Müllmädchen Isa (Natalia Belitski) symbolisiert, die sich elfengleich auf der Bühne materialisiert.

 

Der Sehnsuchtsort Walachei wird auf der Bühne durch karge Wüstendünen, Kakteen und ein paar Glühbirnen dargestellt. Doch das eigentliche Bild entsteht vor dem inneren Auge durch die Kraft der gesprochenen Worte. Dies wird stimmungsvoll durch einen Lonelyman mit Gitarre und Elvis-Kostüm mit Bluesmelodien vertont.

 

„Tschick“ handelt vom sich selbst finden und behaupten, von Wagnissen und von Freundschaft, und ist eine herzliche Einladung auf das Leben. Das alles wird lässig und voller Pointen auf die Bühne gerotzt und sorgt nach rund zwei Stunden für tobenden Beifall - auch von den ergrauten Herrschaften.

 

„Tschick“ ist am 24. und 29. Mai noch einmal im Deutschen Theater Berlin zu sehen.

Autor: 
Anne Bochow
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Galerie: 
"Tschick", Foto: Arno Declair
"Tschick", Foto: Arno Declair