Quickies versus lange Nummer
Der Tonträger ist tot, es lebe der Tonträger! Neu ist das nicht. Diesmal ist es der panischen Musikindustrie mit ihren Weltuntergangsfantasien aber ernst. Bedeutet der Wechsel von CD auf mp3 das Sterben der Musikkultur zum Anfassen? Eine Analyse.
Die Musikwirtschaft ist in der Krise! So schrieb es Der Spiegel - allerdings bereits 1977. Grund zur Panik war damals die Audiokassette, die die Schallplatte ablösen sollte. Heute kaufen wir höchstens noch Benjamin-Blümchen-Hörspiele auf Tapes. Eine wirklich ernstzunehmende Gefahr für die Langspielplatte erschuf aber 1982 die Plattenfirma Polygram gemeinsam mit Sony: Die Compact Disk, deren Daten man per Lesegerät gewinnen konnte. Diese optische Abtastmethode sollte damit das mechanische „Lesen" der LP ersetzen und Abnutzung durch Abspielen und das berüchtigte Knistern abschaffen. Das handliche Format der CD wurde fester Bestandteil der Alltagskultur. Die Musikindustrie trällerte den Abgesang der Platte, viele Hörer stellten im Glauben an den Anbruch einer neuen Zeitrechnung ihre Plattensammlungen zum Sperrmüll. Anfang der 2000er Jahre hatte die CD die Schallplatte nicht nur aus den Läden, sondern auch aus dem Bewusstsein einer neuen Generation verdrängt. So richtig klar war damals nicht, dass die Musikindustrie gleichzeitig die eigenen Reifen längst zerstochen hatte. Stein des Anstoßes waren die CD-Brenner. Musik kopieren konnte man auch schon mit der Musikkassette, nun aber ließ sich eine Kopie erstellen, die akustisch mehr denn je dem Original glich. Im wahrsten Sinne des Wortes brannten die Kunden so Löcher ins Labelbudget - schließlich konnte mit einer einzigen Original-CD jetzt eine ganze Schulklasse versorgt werden. Richtig bergab ging es schließlich mit der Wanderung ins Internet und der endgültigen Digitalisierung. Tauschbörsen und illegale Downloadportale machten von sich reden, der Musikklau löste sich vom Tonträgerklau, wie sich die Musik vom Tonträger gelöst hatte. Sie stand für sich, nackt, ohne Cover und Hülle, wurde eigenständiger, flexibler und praktischer als je zuvor. Beim Komprimieren der Musik auf das mp3-Format verkleinerte sich aber auch die ursprüngliche Datenmenge auf acht Prozent, und der Sound wurde mies.
Deutliche Demokratisierung
Schlechte Zeiten für Musiker also: Vor allem das illegale Herunterladen von Dateien brachte enorme Verkaufseinbrüche. Nur wenige, vor allem unbekannte Künstler, erkannten auch positive Aspekte an der Digitalisierung: Kostenlos konnten sie ihre Musik ganz ohne Plattenfirma im Web 2.0 der Öffentlichkeit zugänglich machen. Das sorgte für eine deutliche Demokratisierung des Musikgeschehens, wie Internet-Entdeckungen á la Arctic Monkeys beweisen. Aber auch bekanntere Künstler nutzen das Internet längst für sich - Radiohead etwa, die ihr Album „In Rainbows" 2007 für einen vom User selbst bestimmten Betrag zum legalen Download anboten, oder Portugal. The Man, die das böse Downloaden sogar praktisch finden, weil Leute erst so auf ihre Musik aufmerksam werden und zu ihren Konzerten kommen. Überhaupt führte die Digitalisierung und scheinbare Herabwertung des Musikerlebnisses zuhause zur Aufwertung des hautnahen Livekonzerts, das mittlerweile die Haupteinnahmequelle vieler Musiker darstellt. Mit den anfassbaren Tonträgern scheint auch die statische Form des Albums immer mehr an Bedeutung zu verlieren: Jetzt kauft man einzelne Songs und erstellt selbst Playlisten. Trotzdem gibt es nach wie vor Hörer, die am Format des Albums als Gesamtkunstwerk festhalten. Gleichermaßen wird es wohl immer Musikkonsumenten geben, denen die Audiodatei allein nicht genügt - für die geben sich viele Künstler extra viel Mühe, gestalten aufwändige Coverartworks oder Fanboxen.
Schallplatte 2.0
Dennoch blättert die Silberschicht der CD nach 28 Jahren langsam ab. So kompakt und praktisch wie sie sind mp3-Player allemal, dafür geht von tollen Coverfotos im Mini-Format einiges verloren. Jetzt, da der Erwerb eines handfesten Musikmediums zunehmend den Musikliebhabern vorbehalten ist, greifen sowohl Künstler als auch Verbraucher verstärkt auf die Oma der Musikmedien zurück, die schon anno 77 totgesagt war: Die olle Schallplatte. Seit 2003 ist der Verkauf von Plattenspielern wieder um 36 Prozent gestiegen. In England wurden 2007 mehr als eine Mio. 7-Inch-Platten abgesetzt, das sind zwei Drittel aller insgesamt verkauften Singles. Dass Panasonic jüngst die Produktion der legendären Technics-Plattenspieler eingestellt hat, ist noch kein Indiz für das Abebben dieses Trends: So vertreibt etwa der österreichische Weltmarktführer Project Audio Systems jährlich rund 50.000 Schallplattenspieler. Im Indie- oder Alternative-Rock etwa wird mittlerweile so gut wie jedes Album auch auf Vinyl aufgelegt. Aber auch für Mega-Stars wie Christina Aguilera greifen Majorlabels wieder zur Vinylpresse. Die „neue" Schallplatte ist variantenreicher, es gibt sie als Doppelvinyl, Picturevinyl oder in knallig bunten Farben. Jack White ließ sich die „Triple-Decker-LP" patentieren - eine Platte, in die eine zweite Platte integriert ist - und Die Ärzte veröffentlichten ihre Dreifachsingle „Himmelblauperfektbreit" als 12-Inch-Picture-Disc mit Triple-A-Seite, bei der durch eine Dreifachhelix, also drei parallel verlaufende Rillen mit je einem Song, immer der Zufall entscheidet, welches Lied angestimmt wird. Der Clou der Schallplatten 2.0 besteht aber vor allem darin, dass ihnen Labels wie Sub Pop Codes beilegen, mit denen man sich das Album zusätzlich als mp3 herunter laden kann. Eine Fusion des alten und des neuen Formats, sozusagen. Selbst ohne diesen Service gibt es Möglichkeiten, Vinyls zu digitalisieren. Das Programm RIP Vinyl etwa wandelt Musik von Kassette oder Schallplatte in WAV oder mp3 um.
Eine andere Wahrnehmung
Finstere Prognose: Die CD wird sterben - zumindest als Verkaufsmedium. Die Zukunft gehört dem völlig losgelösten mp3-Format, das soundtechnisch noch an sich arbeiten wird. Das bedeutet jedoch nicht das Ende der Wertschätzung der Musik und auch nicht das einer haptischen Hörkultur. Es bedeutet in erster Linie eine Veränderung in unserer Wahrnehmung von Musik. Wer es schnell braucht, greift auf die freien Dateien zurück. Liebhaber hingegen, die mehr als einen Quickie wollen, genießen es, ihre Platte langsam von der Hülle zu befreien, sie sanft hinzulegen, zärtlich mit der Carbonbürste zu streicheln und schließlich die Nadel in der Rille zu versenken. Den Majorlabels, die auf Mainstream statt Klasse angewiesen sind, wird das weh tun. Alle anderen blicken trotz Apokalypse noch immer in eine klangvolle Zukunft.














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