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"Amore" kommt vor Wanda

Interview mit Marco Michael Wanda, Frontmann und Mastermind der Wiener Band Wanda.

 

Wanda sind aktuell die Band der Stunde: Das Quintett aus Wien stürmt mit dem Debut-Album „Amore“ seit Oktober letzten Jahres die Charts. In Österreich gab es schon die Goldene Schallplatte und zwei Amadeus Awards, in Deutschland erreichte das Album einen beachtlichen 56ten Platz und man spielte als Vorband für Kraftklub bei deren „In Schwarz“-Tour.

STUZ traf Sänger und Haupt-Songschreiber Marco Michael Wanda (28) in Frankfurt zum Interview – unter anderem über Deutschland, Stanley Kubrick und Sex mit der Cousine.

 

STUZ: Wie fühlt es sich so eine große Halle wie die Jahrhunderthalle als Vorgruppe von Kraftklub zu bespielen? Für eure eigene Tour habt ihr noch viele kleine Läden gebucht.

 

Marco Michael Wanda: Ja, sogar Clubs eigentlich. Aber uns fällt der Umstieg leicht. Wir sehen das hier als große Chance das zu üben, auch den ganzen Einblick zu kriegen in das Geschäft, wie das alles läuft. Es wird ziemlich sicher auch auf uns zukommen, weil wir jetzt schon eine Herbsttour geplant haben mit Hallen für 2000-2500 Leute, also ist es gut hier zu lernen in einem geschützten Umfeld. Es ist ein sehr tolles Team und die Kraftklub-Leute sind sehr nett und helfen uns viel. Es ist ein schöner Dialog.

 

Ihr habt jetzt mit „FourArtists“ auch eine neue Booking-Agentur. Ein Sprung in die höhere Klasse?

 

Ja, es wird jetzt glaub ich alles ein Sprung in die höhere Klasse. Auch das Label bei dem wir unterschreiben ist schon größer und hat mehr Mitarbeiter als fünf. Ich will noch nicht sagen bei wem wir unterschreiben. Es ist ein großes ehrwürdiges deutsches Major-Plattenlabel.

 

Kommt ihr bei dem vielen Touren überhaupt zum Songschreiben?

 

Eigentlich gar nicht. Zum Glück bin ich so ein besessener Liedermacher. Ich hab so viel in der Schublade, also ich hab sicher noch 30 Lieder übrig und die kommen jetzt alle auf das zweite Album. Es kommt im Herbst (AdR: Das zweite Album wird "Bussi" heißen und erscheint am 1. Oktober bei Universal/Vertigo). Es wird ein gutes Album und es wird auf jeden Fall erfolgreicher als das erste. Wir arbeiten jetzt auch mit Profis, jetzt kann es nur erfolgreicher werden.

 

Wie ist das für eine Band aus Österreich: Ist Deutschland der Heilige Gral?

 

Es ist wahrscheinlich das was für die Beatles Amerika war. Das ist für uns Deutschland. Aber wir werden sehr gut aufgenommen und sehr höflich behandelt. Wir haben das Gefühl die Identifikation mit den Texten ist hier genauso wie in Österreich selbst. Und die Deutschen machen sehr gerne Show mit, was ich sehr toll finde. Das was wir „Amore“ nennen, das funktioniert hier immer ur (wienerisch für „sehr“) schön. Es sind schöne Konzerte hier.

 

Aktuell fällt euer Name ja öfter im Zusammenhang mit dem „neuen Austropop“ – was hälst du von dem Begriff?

 

Also ich kann damit nichts anfangen. Es ist schwierig, da ich hier marktwirtschaftlich denke. Ich glaube in Österreich ist es sehr zu unserem Vorteil wenn wir so als Renaissance-Speerspitze des Austropop gelten, aber in Deutschland würde ich es niemals platzieren. Was interessiert das deutsche Publikum Austropop? Also das kann doch niemanden interessieren. Wir sind ein Kulturraum und wir sind ein Europa – das wächst gerade alles so zusammen dass ich diese reduzierenden Begriffe völlig langweilig finde. Wenn ich irgendwas reduzieren will, dann immer vor dem Hintergrund menschlicher Würde. Solche Sparten find ich völlig langweilig. Gähnend langweilig.

 

Und rein musikalisch? Gibt es da Helden im Austropop?

 

Die Austropop-Musiker, genau wie die Deutsch-Rock-Musiker, Ton Steine Scherben und sowas, das kommt alles aus dem Blues und Rock’n’Roll. In Wahrheit sind wir alle Rock-Musiker. Und es wird nie etwas anderes geben als Rockmusik.

 

Du sagtest in einem früheren Interview du habest bei den Aufnahmen zu „Amore“ nur Falco und die Beatles gehört.

 

Und die Doors auch. Und viel Jukebox weil wir viel in solchen Wettcafés rumgehangen sind. Wir waren sehr oft im Leopoldistüberl und haben auch im Studio direkt gegenüber das Album aufgenommen.

 

Der Vergleich zu Falco, der ja genau wie ihr mit dem Wienerischen spielte, kommt nun doch sehr oft auf – berechtigt?

 

Na das sehe ich nicht so recht. Der Falco hat sich mehr an David Bowie orientiert. Falco hat ein Identitätsspiel betrieben, das tue ich aber nicht irgendwie. Ich glaube nicht dass ich ein konzeptueller Künstler bin und auch kein Intellektueller.

 

Stichwort intellektuell: Auf eurem Album wird mit literarischen Motiven gespielt und es gibt sogar einen Song der nach Elfriede Jelinek benannt ist – bist du ein großer Literaturfan?

 

Ja bin ich voll, ich würde mich selbst auch  mehr als Schriftsteller bezeichnen als als Musiker. Ich verstehe von Musik relativ wenig. Ich hab sicher irgendwie ein Gespür für Melodie aber mir ist der Text am Wichtigsten und es muss sich auch reimen, das ist mir ganz wichtig. Das ist auch schon mal gar nicht so leicht. Ja, ich sehe mich mehr als Schriftsteller.

 

Zu deinen Texten: Darin werden gerne mal Sachen in den Raum gestellt, die dann nicht aufgelöst werden. Beispielsweise gibt es auf „Amore“ einen Charakter namens Thomas, der nie richtig vorgestellt wird – ein Verwirrspiel deinerseits?

 

Nein nicht unbedingt. Also ich vermisse irgendwie solche Band wie die Doors die von sich behaupteten sie wollen das nationale Bewusstsein beeinflussen. Das find ich geil. Das heißt das was die Gesellschaft seit dem Nationalsozialismus konsequent leugnet, nämlich das Unbewusste. Das wollen wir wieder ins Spiel bringen. Wir glauben alle wir haben uns von den Nazis befreit aber ihre grundlegenden Denkverbote sind immer noch aufrecht und wir halten sie alle aufrecht. Wir leugnen unser Unbewusstes und wir glauben es gibt immer für alles einen Grund und wir ziehen Menschen für das was sie tun immer sofort zur Verantwortung und lassen immer das Unbewusstsein aus dem Spiel. Wir wollen das Unbewusste wieder in den gesellschaftlichen Diskurs zurückbringen. Gerade mit solchen Projektionsfiguren wie dem Thomas.

 

Ein „Thomas“ als Projektionsfigur also?

 

Das ist dann halt so: Jeder liest das seine ganze Biographie rein. Das ist der spannende Moment. Man kann sich selbst in den Charakter „Thomas“ einfügen oder jemanden den man kennt. Auch ein Gefühl oder sonst etwas.

 

Das Unbewusste wahrt ihr auch gerne um euch selbst – ihr betreibt nicht die allseits beliebte Selbstdarstellung im Social Media. Man findet noch nicht einmal Infos über euch.

 

Nein überhaupt nicht. Wir schieben das Werk vor den Autor, wie ein guter Schriftsteller. „Amore“ kommt vor Wanda. Das ist viel wichtiger, glaube ich. Ich glaube auch das ist eine Ausnahmeerscheinung heutzutage. Ich würde mir wünschen dass es anders wäre. Aber vielleicht bewegt sich jetzt was.

 

Ihr bezeichnet eure Musik als „Pop mit Amore“ – Meint „Pop“ die Musikrichtung oder ist „Pop“ im Sinne von Populärmusik, ergo Musik für alle, gemeint?

 

Musik für alle. Ich glaube wir könnten es auch „Stammesrock“ nennen. Ich glaube auch wir sind eine geborene Stadionband. Je mehr Publikum desto mehr wird das Publikum zu einem lebenden Organismus mit dem man interagieren kann. Ich erreiche lieber 10.000 Menschen als fünf. Ich habe das Gefühl dass wenn fünf Leute bei einem Konzert stehen haben sie einfach nur Angst vor sich selbst und vor den Anderen. Wenn da 10.000 stehen, dann fällt man in so eine Anonymität die unglaublich befriedigend sein kann für ein Publikum.

 

Wenn man eure Shows gesehen hat stellt man fest dass ihr eine sehr aufopferungsvolle Band seid.

 

Wir spielen da wirklich um Leben und Tod. Ich rechne mir keine hohe Lebenserwartung aus wenn das so weitergeht.

 

Im Text zu „Bologna“ singst du davon dass du gerne mit deiner Cousine schlafen würdest, dich aber nicht traust. Hast du eine Cousine und wenn ja, kannst du ihr noch in die Augen schauen?

 

Ja ich habe eine. Natürlich geht es in dem Lied nicht um sie. Sie hat mich mal gefragt auf einer Familienfeier: „Marco, geht’s eigentlich in dem Lied um mich?“ und da hab ich gesagt: „Das bist nicht du“. Dann glaube ich war sie auch ein Bisschen erleichtert.

 

Eure Musikvideos wimmeln geradezu vor cineastischen Anspielungen, unter anderem auf die Filme von Stanley Kubrick. Stammen die Ideen dahinter von dir oder den beiden verantwortlichen Regisseuren?

 

Also wir haben immer solche Brainstormings gehabt und lange Sitzungen mit Schnaps und Blues-Musik. Dann kamen halt so ganz viele Begriffe ins Spiel und wir sind zwar keine Cineasten aber wir stehen eben auch auf Filme irgendwie und war eben schon reizvoll ein Bisschen motivisch zu arbeiten und auch zu schauen: An welchen Filmemachern orientieren wir uns? Und wir kamen schnell zu Stanley Kubrick weil er immer gemeint hat: Film ist das Gesicht, Film ist der Mensch, eben etwas das einen humanistischen Auftrag hat. Er ist ein großer Humanist und deswegen haben wir uns glaub ich auch Kubrick ausgewählt – wir wollten einfach Menschen zeigen. Deswegen gibt es auch so viele Gesichter in den Videos. Ich schaue selbst eh irrsinnig gerne Menschen an, das ist so beruhigend.

 

Euch gibt es ja schon vergleichsweise lange. Wieso hat es so lange gedauert bis „Amore“ rauskam?

 

Wir wollten wirklich mit einer fertigen Show und einem fertigen Gedanken an die Öffentlichkeit gehen. Und wir wollten der Öffentlichkeit ersparen dass sie uns  zuschaut wie wir reifen, also das finde ich ganz furchtbar. Wir wollten wirklich aus dem Nichts kommen und wieder gehen, so auf die Art. Ist uns mal vorläufig gelungen.

 

“Amore” als Albumtitel und ein Lied über Bologna - wie kommt es zu dem deutlichen italienischen Einfluss?

 

Ja ich habe selbst italienische Familie in Bologna von der Seite meiner Mutter, die ist Halb-Italienerin. Aber dieses Italo-Faible, das ist schon ein Motiv aus dem Austropop. Es gibt vom Hansi Dujmic ein Lied das heißt „Amore“ und es gibt auch so sehr viele Anspielungen. Es gibt generell sehr viel Bezug auf Italien in der österreichischen Popmusik. In der deutschen nicht so, hab ich das Gefühl. Da kommt mehr so alle fünf Jahre ein Sommer-Hit der so auf „Latin-Lover“ gemacht ist. Die deutschen Frauen stehen irrsinnig auf solche Matadoren.

 

Bei dem Blick nach Wien und die dortige Indie-Szene bekommt man als Deutscher fast schon Minderwertigkeitskomplexe.

 

Ja, weil es in Deutschland halt auch schon wirklich kommerzialisiert ist. Hier träumen die Bands davon berühmt zu werden wenn sie sich im Proberaum zum ersten Mal treffen und das ist glaube ich der Unterschied: In Österreich war die letzten zwanzig Jahre nicht möglich Geld zu verdienen mit Musik. Deshalb haben wir uns alle mehr als Märtyrer und Fundamentalisten empfunden – das ist schon ein Vorteil glaub ich. Man nimmt sein Handwerk ernst und man baut keine Identität auf Erfolgsgedanken auf.

 

WTF

 

Wanda touren 2015 sehr exzessiv und kommen auch mehrfach in die Region: So spielen am 3. August im Kesselhaus des Schlachthofs Wiesbaden jedoch ist das Konzert  bereits ausverkauft. Am 28. November diesen Jahres kommen sie wieder nach Wiesbaden – dieses Mal sogar in die große Halle des Schlachthofs. Tickets kosten im Vorverkauf 20 Euro.

 

Autor: 
Florian Kölsch
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Wanda - Bologna