"Die Welt ist krank!"
Daniel Cohn-Bendit hat sich am 15. Mai mit Stéphane Hessel und Joschka Fischer im Schauspielhaus Frankfurt
getroffen und über Europa- und Weltpolitik diskutiert. Das Publikum durfte sich mal einen Abend lang links fühlen, bevor es zu Hause wieder auf griechische Schuldenmacher schimpft.
Einmal nur blitzt auf, warum man Joschka Fischer eigentlich den Kontra-Part in der Runde um Cohn-Bendit und Stéphane Hessel zugedacht hatte. „Sorry, dass ich jetzt den Realo mache“, aber da muss er dem empörfreudigen Publikum doch mal widersprechen. Hessel hatte sich gerade darüber geärgert, dass in der internationalen Diplomatie nur noch Wirtschaftsinteressen verfolgt würden, und das Publikum dankte mit kräftigem Applaus. „Jetzt klatscht ihr“, bricht es kurz aus Fischer heraus, „aber ich will mal sehen, was hier los ist, wenn sich ein deutscher Botschafter nicht auf außenwirtschaftliche Aspekte konzentriert.“
Das trifft das Publikum ins Herz, es ist ertappt. Fischer hat die Hauptrolle an diesem Abend, und das obwohl Stéphane Hessel neben ihm sitzt, 93 Jahre alt, Résistance-Mitglied während des Zweiten Weltkriegs, UN-Diplomat, Beteiligter an der Menschenrechtscharta und nicht zuletzt Verfasser des Bestseller-Aufrufs „Empört Euch!“. Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit lud die beiden zur Diskussion über „Realpolitik gestern – heute – morgen. Kann es so weitergehen?“ ins Schauspielhaus Frankfurt, das bildete aber nur den groben Rahmen des Gesprächs zwischen den drei so unterschiedlichen Grünen. Aber vermutlich zog sowieso nicht das Thema, sondern das Personal die Zuschauer an. Das Haus war ausverkauft, an der Abendkasse mussten einige Enttäuschte von dannen ziehen, die leer ausgegangen waren.
Die Zuschauer: klatschen
Der Autor von „Empört Euch!“ also neben dem ehemaligen Frankfurter, dem ehemaligen Achtundsechziger, dem ehemaligen Außenminister, dem Wirtschaftslobbyisten. „Stéphane hat zur Empörung aufgerufen, und Joschka war ja auch mal empört“, begründet Cohn-Bendit die Gästeliste. „Und ist es immer noch, hat er mir erzählt.“ Das Publikum lacht, es nimmt ihm das nicht ab, dem „Turnschuh-Minister“. Aber im Laufe der rund neunzig Minuten wird immer deutlicher, worin der Unterschied besteht zwischen den drei alten Herren auf der Bühne und den mal mehr und mal weniger alten Leuten vor der Bühne. Dass die drei mehr erlebt haben als die meisten sonst, in einer Welt mitmischten, die alle anderen nur von außen kennen – geschenkt. Viel wichtiger ist, dass sie über Dinge sprechen, die sie selbst taten, über Entscheidungen diskutieren, die sie selbst fällten, über Empörung reden, die tief in ihnen drin sitzt. Und die Zuschauer: klatschen. Mal hier, mal dort.
Denn Klatschen ist einfach und tut nicht weh. Das ist das Trügerische daran, man kann dem Klatschen nicht trauen. Fischer hat das erkannt, als einziger im Saal. Er prangert denn auch vor allem europa- und weltpolitische Entscheidungen an, die hauptsächlich getroffen wurden, um Applaus in der Bevölkerung zu provozieren. Und schwierig ist es nicht, Applaus zu erhaschen. So findet es Spiegel-Online-Kolumnist Jan Fleischhauer zum Beispiel eine „Sensation“, „dass die Menschen nicht massenhaft auf die Straße gehen, wenn jetzt ein Rettungsschirm nach dem anderen über unseren Brüdern und Schwestern im Süden aufgespannt wird.“ Solche Meinungen gehen meist nicht nur mit überheblichem Sarkasmus einher, sondern auch mit der Errichtung irgendeines Tabus, das man schließlich selbstaufopfernd durchbricht. Man wird jawohl noch sagen dürfen. Fleischhauers Text hat 2.000 Facebook-Empfehlungen.
Der Opportunismus ist das Übel
Fischer verlangt stattdessen Ehrlichkeit. Er erzählt von der deutschen Oma, die einen Teil ihrer Rente auf ihr Sparbuch eingezahlt hat. Noch bevor sie zu Hause war, wurde ihr Geld schon als Billigkredit nach Südeuropa überwiesen. „Und was haben die davon gekauft? Deutsche Produkte! Wir retten nicht Griechenland, sondern deutsche Banken. Wieso erklärt die Regierung das nicht endlich mal?“ Merkel aber fordert lieber von den Südeuropäern, dass sie doch bitte ein bisschen deutscher werden sollten. Griechenland ist der neue spätrömisch-dekadente Hartz-IV-Empfänger.
Auch Cohn-Bendit ist besorgt um die Stimmung in Europa, spricht die Wahren Finnen an und die wiedereingeführten Grenzkontrollen in Dänemark. Dabei ist das alles andere als ein Alleingang der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei. Sogar die dänischen Grünen stimmen zu. „Die großen Parteien in Dänemark wollen doch alle mit den Rechtspopulisten eine Regierung bilden“, erklärt Fischer. „Europa geht in der Mitte verloren, nicht an den Rändern.“ Der Opportunismus ist das Grundübel. Europa wurde lange Zeit geprägt von der deutschen Schuld. Heute definiert man sich aber nicht mehr über Schuld, dadurch geht eine Demut verloren, die nötig ist, um sich zusammenzuraufen. Demütig darf man aber auch sein, ohne sich schuldig zu fühlen.
„Die Welt ist so krank, so ungerecht verteilt“, klagt Hessel dann noch. „Wir können es nicht mehr nur den Regierungen überlassen, dass sich das ändert. Ich erwarte, dass sich jeder Einzelne dafür einsetzt, auch in diesem Saal.“ Und der Saal? Klatscht. Das muss als Einsatz genügen.















