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"Ich möchte mich stets neu erfinden"

Interview mit Patrice

 

Die Pfade zu seinem neuen Album„The Rising of the Son“ führten Patrice am 9.12. zum Schlachthof in Wiesbaden. Die STUZ sprach mit dem Singer & Songwriter über künstlerisches Arbeiten, Freunde und Babylon.

 

STUZ: Du steckst mitten in deiner Tour und warst vor zwei Tagen in Köln, die Stadt, die dich sehr geprägt hat. Wie hat das Heimatpublikum dein neues Album aufgenommen?

Patrice: Wir hatten zwar einen kleinen Stromausfall, aber die Leute waren am Start und gut drauf. Köln ist für mich immer eine besondere Station, weil ich diese Konzerthallen auch als Zuschauer kenne. Viele Freunde sind auch gekommen und es waren bestimmt 100 Leute auf der Gästeliste, die auch dabei sein wollten. Das ist toll, wenn eine Stadt hinter dir steht.

 

„The Rising of the Son“ ist das erste Album von dir, das über dein Label Supow Music veröffentlicht wurde. Welchen Einfluss hatte das auf den kreativen Prozess des Musikschreibens?

Ich habe mein Album so gemacht wie immer. Ich hatte auch nie einen Exklusivvertrag mit Universal oder so, sondern habe ihnen das komplette Album mit Artwork gegeben und sie haben das dann ausgebracht. Der Unterschied ist jetzt, dass es konsequenter ist und dieselbe Energie, die wir reingesteckt haben, auch weiter benutzt wird. Ich wollte nicht länger in einem Kontext des Musikvertreibens stattfinden, in dem ich mit Culcha Candela oder DJ Bobo in einem Bauchladen vertrieben werde. Außerdem waren wir präsenter. Die Leute, mit denen ich zusammenarbeite und die ich kenne und schätze, haben mich auf dem ganzen Weg begleitet und im Ergebnis sind wir um 10 Plätze höher in die Charts gekommen. Das möchte ich gerne so fortführen und auch selbst andere Künstler raus bringen.

 

Du hast dir dieses Mal erstaunlich viele Features mit ins Boot geholt. War es wichtig für dich, mit anderen Künstlern zu arbeiten?

Nee, aber das Ding ist bei mir, dass ich Sachen machen möchte, die ich bisher noch nicht gemacht habe. Ich habe mich geöffnet, bin gereist, habe viel erlebt und die Dinge, die jetzt auf dem Album sind, haben überlebt.

 

Besonders aufgefallen ist mir das Feature mit Busy Signal, der vor allem der Dancehall-Gemeinde hierzulande bekannt sein sollte. Mit welchen jamaikanischen Künstlern würdest du noch gerne zusammenarbeiten?

Ich arbeite ja viel mit jamaikanischen Künstlern. Mit dem neuen Roots-Movement auf Jamaika kann ich sehr viel anfangen, weil es doch zu sehr Dancehall-lastig war in den letzten Jahren. Klar, ich finde viele Künstler gut.

 

Für Cody ChestnuTT, der auch auf vertreten ist, hast du auch sein Album mitproduziert. Wie kam es zu dieser Kollaboration?

Patrice: Ich liebe Cody. Sein Album „The Headphone Masterpiece“ ist unglaublich.

 

Das ist ja aber auch schon 10 Jahre alt. Ein ziemlich überschaubarer Output.

Ja, aber auch, weil er der Realste ist. Der kümmert sich lieber 10 Jahre um seine Familie und seinen Garten und braucht ganz andere Bedingungen, unter denen er Musik macht. Ich habe mich auch gefragt: Wo ist der Typ und wo kann ich ihn ausgraben? Dann bekam ich einen Anruf, wo ich gefragt wurde, ob ich nicht einen Drumcomputer hätte, den ich Cody leihen könnte, weil er gerade in Köln war. Ich habe nur gesagt, klar, ich komme persönlich vorbei und so sind wir ins Gespräch gekommen und Freunde geworden.

 

Stichwort Freunde: Auf der Live-DVD „Raw & Uncut“ wurde im Bonusmaterial unter anderem deine Band Shashamani vorgestellt. Damals hast du gesagt, dass eine Band wie eine Familie funktionieren muss. Begleitet sie dich immer noch?

Zeitweise. Der Bassist ja, aber die anderen Begleiter sind neu. Im Fall von Shashamani war es nicht meine Entscheidung, weil manchmal andere Entscheidungen treffen, die man nicht mit sich vereinbaren kann.

 

Man steckt deine Musik oft in die Reggae-Schublade, du hast aber auch oft gesagt, dass du dich nicht als einen Reggae-Künstler siehst. Auf dem Album sind aber deutlicher als zuvor Einflüsse des Roots und Dubs zu hören. Ist es jetzt schwerer geworden, sich gegen das Schubladen-Denken zu verteidigen?

Ich verteidige mich ja gar nicht. Aber ich finde es als ein extremes Privileg, mir eine musikalische Freiheit erspielt zu haben. Wenn Leute an Patrice denken, assoziieren sie damit nicht unbedingt puristischen Reggae, sondern Vielseitigkeit. Daher konnte ich auch mal wieder eine Platte machen, die dem Reggae sehr nahe steht.

 

In der kreolischen Sprache ist der Begriff Babylon, der für das Üble im menschlichen Zusammenleben steht, ein fast schon geflügeltes Wort. Wo begegnet dir Babylon?

Wir leben hier, nicht wahr? Klar, überall. In der Tasse, in den Wänden. Man sagt zum Beispiel auch Babylon zur Polizei, weil sie die Exekutive des Systems ist. Aber am Ende des Tages ist das System nur so stark, wie wir daran glauben.

 

Wie kann Musik ihren Beitrag zu einer besseren Welt leisten?

Das ist reine Psychologie. Musik kann ein neues Bewusstsein anschieben. Das Potenzial zur Komplettveränderung besteht in jedem Moment. Die Natur verändert sich permanent und wir sind Natur. Manchmal kann ein Funke überspringen, wenn alles zusammengeht und dann gibt es eine ganz konkrete Veränderung. Alles ist super fragil.

 

Im September hattest du einen Unfall auf der Autobahn, der aber zum Glück noch gut ausgegangen ist. Wie bist du mit dieser Erfahrung umgegangen?

Ich habe, was das angeht, ein extremes Gottvertrauen. Das war eher ein kleiner Wake-Up-Call, weil ich da nichts machen konnte. Eine absolut bizarre Situation jedenfalls, weil ich noch von einem Transvestiten belagert wurde und Benzin ausgelaufen ist und ich meine Gitarre schon in die Luft habe fliegen sehen.

 

Was steht bei dir nach deiner Tour an? Machst du Familienurlaub oder geht die Arbeit weiter?

Ich mag ja keinen Urlaub, musst du wissen. Musik zu machen, macht mir Spaß. Ich will Sachen sehen, lernen und mich Dingen aussetzen. Am Strand zu liegen würde ich nur meinen Kindern zu liebe machen. Sich aber mal Zeit für sich zu nehmen, einen Spaziergang zu machen und ein Buch zu lesen, bedeutet für mich aber schon Urlaub.

 

Autor: 
Andreas Marx
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