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"Ich wurde noch nie so schön beleidigt"

Der Sprachkünstler Harry Rowohlt kommt im Rahmen seiner Lesereise am 5. März nach Wiesbaden – wir sprachen mit ihm vorab schon einmal über seine Begegnung mit Joachim Gauck, tolle Zuhörer, Tüten-Hunde und Damen mit der „Bunten“ unterm Arm.

 

„Augenblick mal, ich geh mir noch Zigaretten und Aschenbecher holen.“ So beginnt das Gespräch mit Harry Rowohlt, dem Schriftsteller und Schauspieler mit dem langen Bart. Und ehe ich mich versehen kann, schießt er auch schon los: „Gauck muss heiraten!“ Er habe ihn mal bei seinem samstäglichen Stammtisch getroffen. Da haben sie sich dann gegenseitig plattgemacht. Auf Plattdeutsch. Sprächen sie nämlich beide. Und weil es im Plattdeutsch auch kein „Sie“ gäbe, haben sie sich geduzt. Plattgeduzt sozusagen. „Ich wurde noch nie so schön beleidigt.“

Harry Rowohlt: Übersetzer, Rezitator, Gelegenheitsschauspieler, brillanter Stimmenimitator und ein verdammt guter Geschichtenerzähler. Ich frage mich, wie es mir gelingen soll, einen halbwegs seriösen Eindruck zu hinterlassen, während ich mich vor Lachen biege. Doch irgendwann muss auch Herr Rowohlt Luft holen und ich wage es, die erste Frage zu stellen.

 

STUZ: 2011 gab es für Sie den Prix Pantheon in der Sonderkategorie „Reif & Bekloppt“. Was empfehlen Sie, um „reif und bekloppt“ zu werden? Kann man das einüben oder kommt das automatisch mit dem Alter?

Rowohlt: Weiß ich nicht, habe nicht richtig darauf hingearbeitet. Keine Ahnung was ich mit Kabarett zu tun hatte. Stand wahrscheinlich zu nah an der Bühne und dann haben sie mir den Preis gegeben.

 

Welche Sorte von Zuhörer ist nervig bei Ihrer Lesung?

Keine. Die kommen erst gar nicht hin. Ich habe nur tolle Zuhörer. Zu mir kommt die Elite von Deutschland. Ich bezeichne sie immer als Freunde, die man noch nicht kennt. Außerdem warte ich vor dem Auftritt immer vor der Tür und drehe Leuten den Arm um, die mir nicht passen. Nur so kriegt man die Hütte voll.

 

Schoss Ihnen beim Übersetzen auch schon mal der Gedanke durch den Kopf: „Wer hat denn diesen Bockmist verzapft?“

Kommt auf den Autor an. Nützt aber nix! (entrüstet) Man kann nur ein bisschen glätten ... mehr nicht. Ich übersetze zurzeit einen irischen Krimi. Da kommt ständig stinkendes Nikotin vor. Nikotin stinkt aber nicht. Ich meine reines Nikotin, nicht die Zigarette. Das ist nämlich farb- und geruchlos. Hab‘s dem Autor auch gesagt. Hat ihn nicht gejuckt. Da kann ich mich auf den Kopf stellen!

 

In einem Interview mit der Zeit erwähnten Sie: „Wie es bei Wilhelm Busch heißt: Im Alter denkt manch alter Knaster / an die Gelegenheit zum Laster, / die er versäumt ...“ Welche Jungendsünden wünschen Sie sich jetzt, hätten Sie wahrgenommen?

Ich bin leider ziemlich zufrieden. Ziemlich zu beneiden sogar. Laut Wikipedia soll ich zwar stark gehbehindert sein. Bin ich aber nicht. Ich bin auch nicht leicht oder teilweise gehbehindert. Ich habe Polyneuropathie. Das ist eine Erkrankung des Nervensystems und kann zu Gehbehinderung führen, muss es aber nicht.

 

Haben Sie schon mal eine Flaschenpost in die Elbe geschmissen?
Nein. Das nützt auch nichts. Kommt mit der Flut wieder zurück. Man kann sich nur hinsetzen und warten, dass sie wieder an Land gespült wird. Dann kann man auch sein Porto zurückverlangen.

Autor: 
Anne Bochow
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