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"Was Europa uns und sich erfüllt, kostet anderen das Leben"

Aus dem Stoff des Märchens vom Fischer und seiner Frau hat Simon Paul Schneider eine modernes Theaterstück geschaffen, das sich mit der Frage von Not und deren Entstehung beschäftigt und ab dem 12. Juni im Schauspiel Frankfurt zu sehen ist.

 

STUZ: Warum haben Sie gerade das Märchen Vom Fischer und seiner Frau als Vorlage für Ihr Stück gewählt?

Schneider: Es gibt einen wundervollen jungen Illustrator, Jonas Lauströer heißt er. Letztes Jahr habe ich sein Buch Von dem Fischer und seiner Frau erstanden und war unglaublich beeindruckt von der Kraft seiner Bilder. Je öfter der Fischer in dieser Version an den Strand geht, um dem Butt von den Forderungen seiner Frau zu erzählen, desto schwärzer wird das Meer. Zuletzt, wenn seine Frau Gott werden will, steht der Fischer in einem ABC-Schutzanzug am Meer, um ihn herum leere Ölfässer, Plastik, Tod. Ich finde das Bild vom Fischer, der mit einer Angel vor einem Meer steht, aus dem es nichts mehr zu holen gibt, weil seine technischen Möglichkeiten weit unter dem Niveau der restlichen Welt liegen, sehr treffend für unsere heutige Zeit.

 

In Ihrer Version trifft der Fischer nicht auf einen Butt, sondern auf die Festung Europa. Der Butt in dem Grimmschen Märchen kann Wünsche erfüllen. Was erfüllt uns Europa für Wünsche?

Es geht uns in unserer Fassung weniger darum, von den Grenzen zu berichten, die uns vermeintlich beschützen sollen, sondern von den Anfängen: Wann entsteht überhaupt die Not, sich auf die Grenzen zubewegen zu müssen, koste es, was es wolle? Was Europa uns und sich erfüllt, kostet anderen das Leben. Ich denke, darum geht es.

 

Wenn Europa der Butt ist, wer ist dann Ilsebill, die habgierige Frau des Fischers?

Auch Europa, ist das nicht skurril? Unsere Fischerfrau ist im Übrigen eine sehr sympathische Frau, nicht so ein oller Besen.

 

Welche Schwierigkeiten sind entstanden, als Sie das Märchen in unsere heutige Zeit

übertragen haben?

Wir haben den Grimms den Titel des Stücks und ein paar handelnde Figuren geklaut und bewegen uns in der Frankfurter Fassung innerhalb der Rahmenhandlung, driften dann aber unvermittelt ab. Es ist weniger eine Adaption als eine Neuschreibung. Unsere Ilsebill kommt überhaupt nicht in die Gelegenheit, sich eine größere Hütte wünschen zu können, weil ihr vorher der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Also eher Realismus als Märchen. Lediglich das Wetter wird immer schlechter, wie im Original.

 

Sie sind Teil des ersten AUTORENstudios vom Schauspiel Frankfurt. Wie muss man sich das vorstellen? Treffen Sie sich und diskutieren gemeinsam über Ihre Texte?

In der ersten Phase der Stückentwicklung haben sich Laura Linnenbaum, die Regisseurin, und ich uns zu zweit getroffen. Wir kannten uns vorher nicht, haben

aber in Windeseile eine gemeinsame Sprache gefunden, was ich von Herzen großes Glück nennen will.Wir haben überlegt, wovon wir erzählen wollen, und dann habe ich angefangen zu schreiben. Nach mehrerer solcher Treffen gibt es dann eine Art Writersroom, in der wir uns mit unseren Dramaturgen hingesetzt haben, um über das Stück zu diskutieren. Später kamen die Schauspieler dazu und wir haben die bis dahin überarbeitete Version gemeinsam gelesen. Man merkt dann ziemlich schnell, wo Längen und Schwächen im Text sind, aber auch, wo es einwandfrei funktioniert. Das waren sehr gute Begegnungen, die ich in solch einem Entstehungsprozess absolut hilfreich finde.

 

In Kooperation mit dem REGIEstudio findet nun das REGIEstudio-Festival statt. Inwieweit waren Sie an der Inszenierung beteiligt?

Ich habe das Stück geschrieben. Im Ernst: Ich vertraue der Regisseurin und ihrem Team sehr und werde mich hüten, mich zu beteiligen. Ich besuche ein paar Proben, merke, wo ein Satz gestrichen worden ist, rudere dann wild mit den Armen und krakeele rum, aber das war es auch schon.

 

Mit Ihren 35 Jahren haben Sie schon einiges hinter sich. Krankenpfleger, Maler, Lackierer und vieles mehr. Sehnen Sie sich manchmal nach festgelegten Arbeitszeiten?

Nope. Als Krankenpfleger musste ich um 5 Uhr aufstehen, als Maler und Lackierer um 4 Uhr, um mit dem Bus von Bochum nach Castrop-Rauxel zu gurken. Ich sehne mich nach einem geregelten Einkommen, aber daran arbeite ich. Sonst werde ich Hausfrau und Mutter.

 

 

wtf

Uraufführung am 12.Juni

nächste Termine: 13. und 14. Juni, 8. Juli

Autor: 
Tobias Siebert
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