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STUZ Clubnacht im Mai
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"Wir sind als Band eine multimediale Einrichtung"

Rocker und Raver sind gleichermaßen begeistert, wenn sich die Berliner Band Bodi Bill auf der Bühne ein Stelldichein mit ihren Rechnern gibt. So auch beim Folklore 2010. Die STUZ war dort auf der Suche nach der Bill’schen Soundexplosion.

STUZ: Musikjournalisten erfinden oft die unglaublichsten Begriffe, um euren Stil zu beschreiben: impressionistischer Folk-Elektronik, hibbeliger Intelligent Techno oder Avantgarde HipHop. Was sagt ihr zu diesen Beschreibungen?

 

Alex: Als Band hat man immer den Anspruch, etwas Neues zu schaffen. Die Außenwelt hat aber immer nur das, was da ist. Ich finde das eigentlich ganz kreativ, was die Leute sich ausgedacht haben. Ich wüsste auch nicht, wie ich das beschreiben sollte. Die Mühe müssen sich die anderen machen, wenn sie es verstehen wollen.

 

Also fasst ihr selbst eure Musik bewusst nicht in Worte?

 

Anton: Wenn Leute mich fragen, was das für Musik ist, hole ich immer ein bisschen weiter aus. Gerade wenn es Leute sind, die man noch nicht kennt, will man ihnen das schon erklären. Dann sage ich, wir sind drei Leute und stehen da mit drei Laptops und machen Hybrid-Elektro, so könnte man es vielleicht nennen, weil es Instrumente und den Laptop verbindet.

 

Euer Stil hat etwas sehr Symbiotisches. Ihr nehmt Elemente eines Genres und mischt es mit anderen, sodass es sich gegenseitig befeuert. Auch klassische Instrumente setzt ihr ein. Wie sieht euer Arbeitsprozess aus?

 

Alex: Wir haben sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Manchmal ist es ein Song, der ein Gewand braucht. Dann probiert man zum Beispiel, ein gezupftes Arrangement dazu zu machen. Manchmal kommt jemand mit einem Text und dann kommen Klavier und Gitarre drunter. Das entsteht dann über Sounderforschung. Oder man hat erst ein musikalisches Gerüst und dann kommen Text und Gesang später. Das sind so unsere beiden Wege.

 

Anton: Es hat sich auch ein Wandel vollzogen. Wir machen jetzt seit Ende 2006 zusammen Musik und es gibt immer wieder Perioden, wo sich die Herangehensweise ändert. Man möchte ja immer etwas Neues machen. Dann kommen neue Synthesizer, neue Plug-Ins, neue Sounds hinzu, um einen neuen Weg zu finden. Damit es spannend bleibt.

 

Wo kommen eure musikalischen Einflüsse her? Was habt ihr in eurer Jugend gehört, was sich mehr oder weniger bewusst auf die eigene Musik auswirkt?

 

Fabi: Wir klingen ja recht heterogen, weil man in allen Musikstilen Vertreter findet, die echt spannend sind. Das Eklektische ist schon immer da und deswegen treffen wir uns dann auch oft. Wenn Alex damals mit Tom Waits ankam, ich mit Sonic Youth und Anton mit Depeche Mode, dann ist das nicht mehr das, was wir heute nur noch hören. Aber es gibt einfach total viele Bands, die in einem ähnlichen Geist Musik machen. Ich habe gerade eine Phase, wo ich einfach nur Techno höre, und dann habe ich wieder eine Phase, wo ich nur Songwriter höre.

 

Alex: Das sind wahrscheinlich wirklich die frühesten Prägungen. Wir haben uns aber kennen gelernt, weil wir die elektronische Musik der frühen Neunziger sehr gut fanden, vor allem, was auf Warp lief. Autechre, Plaid, Aphex Twin.

 

Fabi: Auch die Berliner Szene war und ist spannend. Gerade Techno, auch der, den ich heute höre, hat ja eine starke Verbindung zu Berlin. Das kann auch eine nicht so tolle Qualität haben, aber in Berlin gibt es doch viele ziemlich interessante Sachen. Auch diese Musik lässt dann Einflüsse durchblicken.

 

Alex: Wenn man das in verschiedene Zeitabschnitte teilen würde, wäre das für uns so der dritte Abschnitt, da, wo wir wirklich angefangen haben, zusammen Musik zu machen, als der Techno eine Renaissance in Berlin erlebt hat. Das ist zwar auch schon wieder Jahre her, wo wirklich guter Techno rausgekommen ist, man die Leute teilweise sogar kannte. Das war spannend.

 

Fabi: Da ging Techno dann auch weiter in den Mainstream. Die Kids von heute hören ja weitaus mehr elektronische Musik als noch vor zehn Jahren. Ende der Neunziger kam es ja diesen riesigen Technoboom, mit Dr. Motte. Das ist dann zusammen gebrochen. Aus den Scherben sind Musiken entstanden, die nicht mehr einfach so Techno waren. Nicht mehr nur Prolletenzeug, nicht mehr nur drei Spuren, und auch nicht mehr nur Synthesizer. Techno kann vielseitig sein. Das ist ein sehr weites Feld. Wir machen wahrscheinlich eher Musik im Geiste von bestimmten Bands, als dass wir deren Sprache auswendig könnten. Der treibt uns an und hat etwas sehr Verbindendes.

 

Auch eure Alben verfügen über eine sehr eigene Struktur. Da steht der zurückhaltende Popsong neben dem verfrickelten Rave. Ist das Konzept oder Zufall?

 

Alex: Ich denke, das entspricht einfach unserer Zeit. Wenn man durch die Stadt läuft ist an der einen Ecke der Technoschuppen morgens um zehn noch auf, an der nächsten Ecke ist der Gendarmenmarkt und da spielt jemand Geige. Das spiegeln die unterschiedlichen Zustände wieder, die alle nebeneinander existieren und die wir tagtäglich mitbekommen. Man versucht die Welt nicht so zerbröseln zu lassen. Wenn man sich in eine Sparte begibt, wird die Welt plötzlich ganz schön klein. Wir versuchen aber schon, das durch eine musikalische Sprache möglich zu machen. Das Nebeneinanderstellen ist dann eine ästhetische Frage.

 

Fabi: Das schöne an diesen Neukombinationen ist auch, das man ein weites Feld hat und einfach nie fertig ist. Wenn man sich nicht entscheiden kann, dann ist die Welt einfach riesengroß. Dann muss man alles umfassen. So entstehen auch unsere Stücke, wir bohren in eine Richtung und verlieren uns da und bohren vielleicht zwei Wochen später in eine andere Richtung, aber die beiden Richtungen, die da gebohrt sind, kommen unterirdisch irgendwie wieder zusammen. Das ist dann das Stück. Das klingt vielleicht manchmal auch ein bisschen gewollt und nur wir mögen es, manchmal ist es aber eben auch ein Erfolg.

 

Alex: Nichts daran ist konstruiert, das können wir schon unterschreiben. Wir sind eben auch drei Leute. Wenn man allein ist, kann man sich das alles genau vornehmen, aber wenn wir zusammen kommen, dann ergibt sich das eher über einen Prozess. Wir unterhalten uns vorher nicht, die Platte soll wenig davon oder davon haben.

 

Anton: Das ist auch eine Art Liebhaberei. Man kann sich nicht vom einen noch vom anderen trennen. Oder will es auch nicht auf einen Nenner bringen. Ein minimales Konzept gibt es schon, aber wir überlegen nicht, wo wir inhaltlich damit hin wollen.

 

Fabi: Das ist dann eine künstlerische Entscheidung. Man will sich intellektuell positionieren. Man will sagen, dass die Welt zu chaotisch und zu voll ist, ein sinnloses Nebeneinander. Wir wollen dann ein reflektiertes Nebeneinander von verschiedenen Stilen. Wir haben den Wunsch, da ein ordnendes Moment zu haben. Aber wir reflektieren das nicht von Anfang an, sondern intuitiv. Das finde ich auch wichtig. Die meisten Leute verstehen das auf ihre Art, und das ist ja auch super so.

 

Auffällig sind eure grafischen Albumcover und die ausgefallenen Bühnenoutfits. Wie wichtig ist euch Ästhetik und ein bestimmtes Erscheinungsbild? Ist das auch Teil der Musik oder steckt da ein Konzept dahinter?

 

Fabi: Ich beschäftige mich viel mit Grafikdesign und habe jetzt auch schon ein paar Mal darüber nachgedacht, warum ich oft auf Schwarzweiß zurückkomme. Ich mag Gegensatzpaare, wenn ich ein Cover mache. Das entspricht uns auch, weil wir in unserer Musik gerne Gegensatzpaare haben, diese zur Disposition stellen, aber sie auch wieder auflösen. Grenzüberschreitung passiert ja genau dann, wenn du von der einen Seite zu anderen musst und dafür brauch man erstmal zwei Seiten. Das passiert oft in unserer musikalischen Arbeit. Wir haben letztens über unsere neuen Visuals geredet und wir finden, dass es sinnvoll ist, so klar zu bleiben. An oder aus, schwarz oder weiß, heiß oder kalt. So einfach das Konzept auch ist, so sinnvoll finde ich es für unsere Musik. Denn die soll auch noch Platz für die Leute lassen, die dann diese Grenzüberschreitung wahr werden lassen. Der Zuschauer soll das natürlich noch selbst vollziehen. Wir sind als Band eine multimediale Einrichtung.

 

Steckt dahinter auch die Idee vom Gesamtkunstwerk?

 

Fabi: Klar. Es gibt Orte, da passt unsere Musik perfekt rein und es gibt welche, da passt unsere Musik nicht rein. Man hat es als Musiker immer, wenn man Konzerte spielt, mit dieser Idee zu tun. Besonders dann, wenn die Zuschauer einen Zugang zu deiner Musik haben, dann entsteht da eine Kommunikation. Das ist dann mehr als nur hören, das ist dann auch sehen. Synästhetisch gehört Sehen auch zur Musik dazu.

 

Alex: Auch wir sehen ja die Leute beim Konzert. Warum zieht man auch etwas bestimmtes an? Weil man die Situation vom Alltag abheben will. Warum hat man noch visuelle Informationen dazu? Um dem Zuhörer noch eine Ebene zu bieten zur Musik, um auch verständlich zu machen, was man über die Musik nicht transportieren kann.

 

Live spricht man euch eine große Intensität zu. Dabei hat eure Musik eigentlich eher einen melancholischen beruhigten Touch. Wisst ihr, wie das zustande kommt? Was ist dieses Live-Moment, dieses Gefühl?

 

Fabi: Darüber denken wir viel nach, aber wir lassen das auf jeden Fall nicht nur geschehen. Wir wissen, dass wir auf der Bühne keine Gitarren, Bass oder Schlagzeug haben. Wir haben diese Krux mit den Rechnern. Vielleicht dachten wir anfangs, ob das nicht einfach schon total reicht, dass wir mit Rechnern interagieren können. Die Ursprünge kommen dann aus einem Wunsch nach dem Experiment. Wir wollen, obwohl es Maschinen widerspricht und den Automatismen und Programmen, die damit zusammenhängen, Live im Sinne von Erleben und Interaktion sein. Untereinander, mit dem Computer, mit dem Publikum. Wir ecken da natürlich auch immer wieder an Grenzen an und das ist dann auch jedes Mal wieder eine Herausforderung.

 

Alex: Man könnte das auch von hinten aufrollen und fragen, was los ist, wenn man diese Intensität nicht empfindet. Wir sind es eigentlich gewohnt, immer intensiv zu sein. Wenn dann mal was schiefgeht, das Publikum sich nicht auf uns einstellen kann oder wir zuviel von denen erwarten, muss man richtig um die eigene und die Intensität der Zuschauer kämpfen. Da merkt man dann, dass das eigentlich nur davon lebt, immer wieder alles zu geben. Nur dann fühlen wir uns wohl.

Wie wichtig ist Berlin für euch als Arbeitsplatz und als Inspiration?

 

Fabi: Ich bin wirklich froh, da zu sein. Ohne arrogant klingen zu wollen, ich bin echt stolz, ein Teil dieser Stadt zu sein. Man kann sich an ihr reiben. Es gibt Sachen, die nicht so gut sind, aber ich mag das Angebot. Es sind ja auch viele Freunde da. Berlin kann sich wirklich zu einer Stadt entwickeln, die die Zeit mitdefiniert.

Autor: 
Susan Noll
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