Anzeige

Raumfahrt nach Theatrion – „Sternenhimmel“

„Ich habe geglaubt und gehofft, anderen Leuten das Gefühl zu geben, dass die Geräusche ihrer Umwelt eine Musik erzeugen, die weitaus interessanter ist, als die Musik, die man im Konzertsaal hört.“ (John Cage)

 

 

Teil eins: Welt aus Geräuschen

Dunkel. Nur ein fahler, heller Lichtstreifen, wie Mondlicht. Zuschauer füllen stehend und leise murmelnd das obere Foyer. Ein Gravitykünstler bemalt große Papierbahnen auf einer Leiter, in der Mitte steht ein Klavier. Ein Mann taucht auf, in ein dunkles, futuristisches Kostüm gekleidet mit Stiefeln, die an Startreck erinnern, und beginnt das Klavier zu drehen. Es geht nicht um den gewohnten Klang der Saiten im Pianokasten, es geht um das Geräusch seiner kompletten Bewegung im Raum. Weitere Geräuschakteure treten auf. Sie reiben Metallschüsseln aneinander, bearbeiten Wäscheständer wie grobe Harfen und ein Duett ertönt aus geblasener Gießkanne und gedämpfter Trompete. Fünf Klangfuturisten schreiten andächtig in den Raum und ziehen Müllsäcke hinter sich her, gefüllt nur mit einem kleinen Knicklicht. Schschsch…. Das leise Schleifen des Plastiks auf den kalten Fließen.

Bei Cage wird das Geräusch zum Klang und in der Performance des Mainzer Geräuschensembles wird Klang zu Atmosphäre. Hauptsächlich rauschende und raue, flatternde, sowie knisternde und schleifende Geräusche kreieren eine Atmosphäre von Luft, von Mechanik in fremder Umgebung, ein altes Raumschiff, dass sich zischend und grollend, aber doch leise durch den Luft- und Spannungsgefüllten Raum des Alls schiebt. Zugleich ist diese Performance in all seiner Ruhe und Langsamkeit eine nahezu sakrale Handlung. Im leeren, dunklen und mystischen Raum des Theaters werden einfache und zarte Klänge überdeutlich, wirken eigenartig stilisiert. Die Geräusche werden der Sphäre des Alltags entzogen und dem Zuschauer – oder besser Zuhörer – in Form eines Hörerfahrens zurückgegeben, das er in der hektischen, überladenen und leider übermäßig standardisierten Harmonisierung des Alltags verloren hat.

Teil 2: Aufstieg in Fragmenten

Zu scheinbar zerstückelten und fragmentarischen Melodien der Orchestermusiker steigt man langsam Stück für Stück die Treppenhäuser hinauf. Gesangssolisten füllen den Raum mit ungewohnten und abrupten Passagen. Die Stimme funktioniert ebenso wie Blumentöpfe und Kinderkreisel als Instrument. Sie ist purer Klangerzeuger mit einer ganz eigenen rhythmischen Qualität. Die Sänger sind in skurrile Outfits gekleidet und erinnern an Aliens, oder besser: Exoterristen, wie man in den 70ern sagte – ein Begriff, der allein Klanglich passender erscheint. Alles bewegt sich: die Zuschauer, die Sänger, die Musiker. Dieses erkunden des Raums zu den ungewohnten Klängen gleicht dem erkunden eines anderen Ortes. Man erobert sich die Treppenhäuser und Galerien des Theaters auf eine neue Weise. Wie durch ein Raumschiff steigt man hinauf. Ein altes Raumschiff, das man im All treibend gefunden hat, nicht genau wissend, was einen auf der nächsten Etage erwartet.

Teil 3: Erde auf Distanz

Angekommen im Glashaus (ehemals Deck 3) findet man sich auf einem anderen Planeten wieder. Auf einem Staatstheater Mainz-Logo aus verschiedenen Materialien und Oberflächen bewegen sich die Exoterristen hin und her. Sie machen lustige Verrenkungen und Bewegungen, hantieren mit Stöcken und erzeugen Geräusche. Eine Art außerirdischer Stepptanz. Es klackert und donnert, kracht und scheppert. Mal laut mal leise und in verschiedenen Rhythmen. Ein Fußorchester, das seinem Untergrund die Töne entreißt.

Schließlich öffnet sich der schwarze Vorhang und gibt den Blick auf die nächtliche Stadt frei. Durchs Treppenhaus dringen die entfernten Töne des Klaviers. Entfernt wie die Stadt da draußen. Das ist Mainz, aber ein anderes Mainz auf einem anderen Stern. Man hat sich selbst entfernt im musikalischen Prozess und sich der hektischen Welt des Alltags entzogen. Wie durch das Panoramafenster des Raumschiffs schaut man nun auf die distanzierte andere Realität. Am Ende: Stille. Stille und die Hoffnung, der Moment möge noch eine Weile andauern, bevor man zurück muss zum Planeten Stress und Alltag.

 

„Sternenhimmel“

Mit der Reihe Hörtheater gibt das Staatstheater Mainz einer großartigen Idee Raum. Gleichsam einem Waschgang für Gehör und Seele gestalteten Anselm Dalferth (Künstlerischer Leiter) und Samuel Hogarth (Musikalischer Leiter) mit ihrem Team einen Prozess, der das festgefahrene Hörverständins aufbricht und den Begriff von Musik erweitert. Durch die Mischung von Klangkunst, Musik und Performance bieten sie mehr, als nur ein Konzert, aber doch wenig genug, dass in jedem Kopf vielleicht etwas anderes entstehen kann, Bilder oder Geschichten. Auf Basis von John Cage und Maurice Kagel gestalteten sie einen  Abend, auf den man sich wahrlich einlassen können muss, dedann ein Erlebnis sein kann. Die kurze Dauer von einer Stunde vergeht dabei wie im Flug. „Sternenhimmel“ ist die erste von drei Episoden der Reihe und schon jetzt steigt die Neugierde auf das, was noch in der Zukunft verborgen liegt.

 

Weitere Termine: 12.12.2014, 17.01.2015

Autor: 
Johannes Kraus
Facebook:
Artikel bewerten:

Dies bewerten

Noch keine Bewertungen vorhanden

Flattr