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Reading the Campus

Die Blätter fallen, das neue Semester hat begonnen. Für tausende Erstsemester gleicht der erste Schritt auf den Campus dem Schritt in eine andere Welt. Grund genug, mal einen Blick darauf werfen, was über diese Welt so geschrieben wird.

 

Sex und Abenteuer, Studenten und Dozenten, Megabrains und echte Dussel. Auf dem Campus ist alles möglich und literarisch gesehen ist er ein perfekter Mikrokosmos, in den man alle Stoffe, Geschichten und Konflikte reinpacken kann. Wichtig für den Campusroman sind aber nicht nur Schauplatz und Personal, sondern auch eine gute Portion Persiflage des akademischen Alltags, die richtige Menge an Unvernunft, etwas Alkohol und vielleicht eine falsche Affäre zur richtigen Zeit. Hier werden Machtstrategien ausgelotet, die Leichtigkeit des Seins exzessiv ausgekostet, reichlich schlau dummgeschwätzt und nebenbei allerlei echte Probleme und Ängste seiender und werdender Akademiker auf den Tisch gebracht und mal amüsant und seltener ernsthaft ausgeschlachtet. Hier präsentieren wir euch eine kleine Auswahl, die ein Einblick ins Genre sein kann, aber auch eine Inspirationsquelle dafür, wie man die „Regelstudienzeit“ auch zum Leben nutzen kann – oder aber genussvoll hoffnungslos überschreitet.

 

Gremiensalat und Drittmittel

Dietrich Schwanitz // Der Campus // Hamburger Abendblatt // 391 Seiten // 9,95 Euro
Berühmt geworden ist dieser Roman vor allem durch eine seiner Schlüsselszenen: Professor vögelt Studentin und kriegt hinterher Applaus von Bauarbeitern, die das Ganze vom Gerüst herab beobachtet hatten. Professor Dietrich Schwanitz – der Autor – demontiert über rund 400 Seiten die Existenz seines Helden Professor Hackmann. Im Privaten betrifft das natürlich Hackmanns Ehe und die Beziehung zur Tochter, beruflich seine Soziologieprofessur und das erstrebte Amt des Universitätspräsidenten. Hierbei wird – und das ist das Unterhaltsame an diesem Roman – der oftmals merkwürdige Kosmos Universität „näher beleuchtet“ oder „eingehend betrachtet“ (Formulierungen aus fremden Hausarbeiten kopiert, sorry). Gremiensalat, political correctness, Frauenbeauftragte, Drittmittel, politische Verflechtungen … der ganze Apparat wird zur Schau gestellt. Eine an vielen Stellen sicher überspitzte Story, aber trotzdem sehr, sehr realitätsnah.

 

Absurder Wochenend-Trip

Michael Chabon // Wonder Boys // Kiepenheuer & Witsch // 379 Seiten // 8,95 Euro
Grady Tripps dritter Roman war ein voller Erfolg, weshalb seine Vorgesetzten ihn großzügig mit viel Geld für ein Nachfolgewerk ausstatten, dessen Titel Tripp mal so eben aus dem Nichts heraus erfindet: Wonder Boys. Glücklicherweise fällt ihm auch eine Geschichte dazu ein. Unglücklicherweise fällt dem Literaturprofessor so viel dazu ein, dass er nicht mehr aufhören kann zu schreiben. An einem Wochenende, als sein Lektor Terry Crabtree zu Besuch ist, kommt es zum großen Crash. „Verkettung unglücklicher Umstände“ wäre auch ein treffender Titel für Chabons Roman gewesen, in dem unter anderem die schwangere Geliebte Tripps (die Frau seines Chefs), sein schwer depressiver Student James Leer, ein toter Hund und eine Jacke von Marylin Monroe wichtige Rollen spielen. Verfilmt wurde das bizarr-komische Chaos übrigens auch: mit Tobey Maguire als James, Robert Downy Jr. als Crabtree und – äußerst sehenswert – Michael Douglas im rosa Plüschbademantel in der Rolle des Grady Tripp.

 

Sodom und Gomorra

Tom Wolfe // Ich bin Charlotte Simmons // Karl Blessing Verlag // 787 Seiten // 9,95 Euro
Die achtzehnjährige Charlotte Simmons hat es geschafft: Mit einem Präsidial-Stipendium in der Tasche verlässt sie ihr kleines Nest im Westen von North Carolina, um an der Elite-Universität Dupont in die ersehnte Welt des Geistes und der Gelehrsamkeit einzutreten. Dort wird das weltfremde Landei allerdings bald mit den Themen konfrontiert, die auf dem Campus wirklich von Bedeutung sind: Sex, Sex, Saufgelage und Sex. Für die jungfräuliche und christlich erzogene Charlotte wird der Campus zum Sinnbild vom hormongesteuerten Sodom und Gomorra und zu allem Überfluss buhlen gleich drei junge (Stereo-)Typen um ihre Gunst: der erfolgreiche Sportler Jojo, der coole „Frat-Boy“ Hoyt und der Nerd Adam. Charlotte hat die Qual der Wahl und entscheidet sich prompt für den Falschen. Tom Wolfe nimmt mit „Ich bin Charlotte Simmons“ die amerikanische Studentenkultur eingängig unter die Lupe und erzählt dabei mit gewohnt sprachlicher Gewandtheit eine für Wolfs 74 Jahre erstaunlich authentische und moderne, wenn auch stellenweise langatmige Geschichte über eine junge Frau auf der Suche nach ihrer Identität.

 

Anleitung zum Trinken

Kingsley Amis // Anständig trinken // rororo // 128 Seiten // 7,95 Euro

Wenngleich kein direkter Campusroman, so ist „Anständig trinken“ doch eine hervorragende Ergänzung und sollte in jedem anständigen Alkoholgenießerhaushalt stets griffbereit liegen. Neben allerlei Anleitungen zur fachgerechten Zubereitung verschiedener Drinks, möglicher Methoden, einen Kater zu überleben und Schummeltricks für geizige Gastgeber liefert Kingsley Amis mit „Anständig trinken“ ganz ungefragt, wortgewandt und zuweilen wunderbar arrogant allerhand Kommentare zu Trinkgewohnheiten, guten wie schlechten Weinen und zum notwendigen Drum und Dran einer Trinkerküche. Einiges mag nicht mehr up-to-date sein und in mancherlei Hinsicht schöpft Amis auch die Wahrheit nicht bis zur Neige aus, aber sein trockener Humor, seine liebevollen Ratschläge (geboren aus jahrelanger Erfahrung) und seine elegante Ausdrucksweise machen dieses kleine Büchlein zu einem unschätzbaren Stück echter Trinkerlektüre. Und wer hier Sinn von Unsinn zu trennen weiß, der wird von seinen Freunden und Kommilitonen fortan als hervorragender Gastgeber gepriesen werden.

Autor: 
Johanes Kraus, Frederike Münd, Calpo Salmrohr, Anna Wolter
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