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Saioonara Nippon Connection

Wieder ist das japanische Filmfestival vorüber und die Fans müssen sich bis zum zweiten Juni 2015 gedulten. Ein Überblick über Festival und Filme.

 

Über 100 Kurz- und Langspielfilme, 52 Veranstaltungen im kulturellen Rahmenprogramm, 70 filmemachende Gäste aus Japan und ca. 16000 Besucher – so die Bilanz der 14. Nippon Connection in Frankfurt, dem größten japanischen Filmfestival außerhalb Japans. Zum zweiten Mal fand das Festival in seiner neuen Heimat Mousonturm/Naxoshalle statt und viel hat sich, Gott sei Dank, nicht geändert. Alles in pink und rosa sehr stylish dekoriert, an jeder Ecke was zu entdecken, von der Miso-Suppe bis non-stop-Kraniche basteln. Das übliche Gedränge vor den Kinosälen, jede Menge Japaner und solche, die es in Ihrer Freizeit ab und zu gern sein wollen – das alles gehörte auch dieses Jahr wieder rund um die Uhr bis in die späte Nacht hinein dazu.

 

Dabei hat auch im zweiten Jahr die Umgebung Mousonturm/Naxoshalle keine all zu großen Veränderungen nach sich gezogen. Die Gefahr, sich zu sehr einem elitären, verkünstelten, gesetzten Publikum zuzuwenden bleibt weiterhin aus, auch wenn der Altersdurchschnitt merklich steigt und die rock’n’roll-Athmosphäre seit dem Verlassen des Bockenheimer Campus etwas gelitten hat. Trotzdem bleibt die Stimmung ausgelassen, das Nischenpublikum ist in sich zu einig um aneinander zu geraten. Das ewige Dilemma des Festivals bleibt aber bestehen: Es ist unmöglich alles zu machen worauf man Lust hat. Eine Veranstaltung besuchen heißt, nach wie vor zwei bis vier weitere verpassen. Und gerade im Kulturprogramm ist es zum Festivalstart kaum noch möglich Tickets zu bekommen. Ob Kochkurse, Schwertkampfworkshops oder Mangazeichenkurs – die Karten sind dank Onlinevertrieb zuweilen schon Wochen im Voraus ausverkauft. Ein ähnliches Problem stellt sich zunehmend im Kinobetrieb ein. Die wachsende Bekanntheit des Festivals (unter anderem durch seinen prominenteren neuen Veranstaltungsort) und die stark gerührte Werbetrommel sorgen zu einem immensen Vorverkauf bei viel zu kleinem, zurückgehaltenem Abendkassenkontingent. Nicht selten ist ein Besuch von Laufkundschaft oder spontan mitgekommenen Freunden nicht möglich, weil einfach alle Karten ausverkauft sind. Wer seinen Festivalbesuch nicht im Voraus durchplant oder spätestens am ersten Tag Karten ergattert, hat hier und da das große Nachsehen. Ein Trend, bei dem das Festival aufpassen muss, sich nicht selbst zu überwerben und der Nachfrage nicht mehr nachkommen kann. Was man zum einen als Bestätigung der Arbeit betrachten darf sollte in den nächsten Jahren nicht zur Publikumsfrustration umschlagen.

 

Ein Großes Lob gilt vor allem dem Festivalteam, neben der Leitung bestehend aus einer Unzahl ehrenamtlicher Helfer. Die Nippon Connection-Crew war auch in diesem Jahr ein hervorragender Gastgeber, der einem auch ohne Veranstaltungen zu besuchen einfach ein gutes Gefühl vermittelt. Auf keinem anderen deutschen Festival fühlt man sich so gut betreut, so gern gesehen und so fröhlich  willkommen geheißen. Bei all der Arbeit auch noch gute Laune zu verbreiten ist eine Wahnsinnsleistung.

 

Das Filmprogramm war bunt von sonnig bis blutig, viele gute Filme, ein paar wertvolle Perlen und natürlich auch ein paar zweifelhafte Programmplatzierungen – ein guter Überblick über die japanische Kinoszene. Schade nur, dass es in diesem Jahr wieder so schwierig war, die sehenswerte Retrospektive zu Ko Nakahira zu besuchen, der gerade die spannende Zeit des japanischen Kinos in den Sechzigern und Siebzigern mitgeprägt hat. Das Filmmuseum, dem die einzigen Vorführungen vorbehalten waren liegt dann doch ein wenig abseits und lässt sich sehr schlecht in ein volles Tagesprogramm integrieren. Auch wird die Platzanzahl der Nachfrage nicht immer gerecht. Im Wettbewerb der Cinema Sektion des Festivals – die Sektion, die sich den aktuellen großen Kinoproduktionen widmet – zeigte die Publikumsabstimmung in der Preisverleihung eine eindeutige Tendenz zur Wohlfühlkomödie. Alle drei Platzierungen waren Filme die mit dem Adjektiv  - auch in den Anmodertaionen häufig gebraucht – „warmherzig“ ganz gut zu beschreiben sind. Wer einen kleinen Überblick über die Filme der Cinemasektion bekommen möchte, ließt weiter..

 

Von sonnig bis blutig

Das Filmprogramm ist auch dieses Jahr in den gewohnten allgemeinen Parametern von komisch bis brutal gut aufgestellt gewesen. Großartige Neuentdeckungen gab es jedoch kaum. Die Preise haben in diesem Jahr einen Zuschauertrend in Richtung des Adjektivs – auch in den Anmoderationen der Filme häufig gebraucht – „warmherzig“ ergeben und so drei Komödien an die Spitze der Cinema-Sektion gewählt. (Die Nippon Cinema-Sektion ist der Programmteil, der sich den großen aktuellen Produktionen des japanischen Kinos widmet). Das verbindende Element der Komödien ist neben hellen Farben und sonnigem Himmel vor allem ein starker Fokus auf Zwischenmenschlickeit.

 

Der erste Preis ging an den Film „PECOROSS‘ MOTHER ADN HER DAYS2“, eine Tragigkomödie mit mehr Komödie als dem süßen Schmerz, den die Vergänglichkeit Lebensrückblicke im Film zuweilen mit sich führt. Regisseur Azuma Morisaki ist mit 85 Jahren derzeit der älteste aktive Filmemacher Japans und hat sich eben das Altern als Thema gesetzt. Er zeigt den Mittfünfziger Yuichi, der mit seinem Sohn und seiner Mutter zusammenlebt. Die Mutter ist an Demenz erkrankt und über dieses Zusammenleben und den Wechsel ins Heim geht es. Durchzogen von kleinen Mangaeinlagen, die Yuichi hobbymäßig zeichnet greift der Film ein wichtiges und ernstes Thema Japans – Überalterung – auf und erreichte sowohl im heimischen Kino als auch in Frankfurt höchsten Publikumszuspruch.

 

Platz zwei ist mit dem „APPOLOGIE KING“ ebenfalls komödiantisch besetzt. Yuzuru ist Großmeister des Entschuldigens nach ritueller japanischer Tradition und sein Unternehmen, das Menschen beim Entschuldigen helfen soll, wird schließlich in Nationale Konflikte verstrickt. Letztlich muss er helfen, sein Land in einem Entschuldigungsprozess zu begleiten um den radikalen Anstieg der Klopapierpreise zu verhindern. Aufgebaut in Episoden, die immer mehr ineinander übergreifen versucht der Film merklich und kontinuierlich seine Spannung auf einen großen emotionalen Höhepunkt zuzuspitzen – und schafft es. Ein Wohlfühlfilm mit guter Besetzung und skurrilen Pointen.

 

Platz drei ging an „YOKOHAMA STORY“, einen Film über den Sinn und Wert von Familie, gegen Einsamkeit und mit verschiedenen Charakteren, die mehr oder minder gewollt unter einem Dach zusammenfinden und zusammenwachsen. Ein ebenso sonniger wie seichter, komischer Film, der zwar „herzerwärmend“, jedoch dramaturgisch eine reine Katastrophe ist. Dreimal hat er einen guten Punkt zum aufhören verfehlt, zu viele kitschige Szenen aneinanderschneiden wollen, die spannenden Konfliktreichen Momente durch zu einfache Lösungen schier übersprungen. Außerdem sieht man eine Menge „Familienbilder“, mehr zum Selbstzweck einer angenehmen Botschaft eingebaut, denn aus der Geschichte Motiviert oder notwendig gemacht – egal, der Film macht gute Laune und das Publikum war begeistert.

 

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Autor: 
Johannes Kraus
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