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Scharfe Schüsse gegen Steine

Im Cinemayence wurde mit „Kinder der Steine – Kinder der Mauer“ ein herausragender Dokumentarfilm gezeigt, der den Nahostkonflikt von einer Seite zeigt, die ansonsten sehr selten wahrgenommen wird: aus der Mitte der normalen palästinensischen Bevölkerung in der Westbank.

 

„Die Mauer in Berlin ist ja auch irgendwann gefallen.“ Das ist das Höchstmaß an Zuversicht, zu dem Mohamad aus Bethlehem im Jahr 2009 fähig ist. An mehr glaubt der junge palästinensische Mann nicht mehr. Mohamad arbeitet für einen Geldwechsler und jobbt daneben als Hausmeister und Kinderbespaßer bei reichen Landsleuten. Und er war, wie die fünf anderen Protagonisten in Robert Kriegs und Monika Noltes Dokufilm, 1989 ein „Kind der Steine“ und ist heute ein „Kind der Mauer“.

 

Vierzig Zuschauer lockt „Kinder der Steine – Kinder der Mauer“ ins Cinemayence, viele von ihnen Mitglieder der Hochschulgruppe für gerechten Frieden in Palästina und Israel (HSGI). Der kleine Saal ist ganz ordentlich gefüllt, wenngleich die Zuschauerzahl zeigt, dass die breite Masse sich für andere Dinge interessiert als für den Nahostkonflikt – leider, denn die Doku geht sehr feinfühlig mit ihrem Thema um, ist so nah an der Realität wie nur irgend möglich und, was sie am meisten auszeichnet, verzichtet sie auf sämtliche gängigen Spektakeleffekte, die in Zeiten des Dokutainment so angesagt sind. Ausgangspunkt ist eine Schwarz-weiß-Fotografie von 1989, dem Jahr der ersten Intifada, darauf sechs etwa zehnjährige Jungen, die fröhlich, fast überschwänglich, eben wie Zehnjährige, posieren. Regisseur Krieg reiste zwei Jahrzehnte später erneut nach Bethlehem, um die sechs Fotografierten aufzuspüren und ihren Alltag zu dokumentieren. In diesen zwei Jahrzehnten ist vieles passiert: es gab die zweite Intifada, inzwischen ist Bethlehem umringt von israelischen Siedlungen und vor allem von der Mauer. Kurze Reisen innerhalb der palästinensischen Gebiete, etwa von Bethlehem nach Nablus, geraten, wenn überhaupt möglich, zur Strapaze. Wer noch Arbeit hat, arbeitet hart und für wenig Geld von Sonnenaufgang bis in die Dunkelheit – auf israelischem Gebiet unter besseren Bedingungen Arbeit zu bekommen ist so gut wie unmöglich geworden. Aufgrund des ununterbrochenen Siedlungsbaus und des immer kleiner werdenden Raums sind die Zukunftsaussichten der Palästinenser in der Westbank noch düsterer als es die Gegenwart bereits ist. Das Erstaunliche: Aus den sechs kleinen Jungen sind in der Zeit keine zu allem entschlossenen Radikalen geworden, die als lebende Bomben für ihre Sache sterben wollen. Es sind heute sechs ganz normale Männer, Familienväter, Arbeiter, die sich für Frau und Kinder aufopfern, die Billard spielen und Shisha rauchen, sofern es die Zeit zulässt, und die den Konflikt satt haben. Die Doku begleitet sie durch ihren Alltag, schaut in ihre Wohnungen, lauscht ihren Unterhaltungen und zeigt so auf simple Weise: Das sind ganz normale, ja fast schon langweilige Typen. Keine Terroristen. Keine vollbärtigen Judenhasser. Keine vermummten Heißblüter, die rachsüchtig in die Luft ballern. Eben nicht das, was üblicherweise in unseren Breitengraden aus Palästina gezeigt wird.

 

Autor: 
Ingo Bartsch
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