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Selektion ist Trumpf

Jürgen Kross ist ein Urgestein der Mainzer Literaturszene, ist Lyriker und Besitzer des kleinen Altstadtbuchladens „Claudius“ in der Vorderen Präsenzgasse.

 

.In einem alten, nach reifen Büchern duftenden Raum, auf einem Schreibtischstuhl, gezeichnet von der tagelangen Arbeit an immer wieder neu entworfenen Gedanken – philosophische, tiefenpsychologische, buddhistische – inmitten einer überwältigenden Schriftgutsammlung sitzt ein Lyriker und Buchhändler in einem: Jürgen Kross. Ein Mann, den wohl die meisten Mainzer als einfachen Buchhändler der Claudius-Buchhandlung in der Vorderen Präsenzgasse in der Mainzer Altstadt kennen. Wenn überhaupt. Viele werden wohl kaum wissen, wie viel Poetisches und Wortreiches in diesem Mann steckt, mit welch intensiver Lebenserfahrung er seinen kleinen Laden prägt und was ihn eigentlich so besonders macht.

 

Entwicklung eines Denkers

Als Lyriker wird man nicht geboren – man entwickelt sich sein ganzes Leben lang zu einem. Jürgen Kross kommt nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Mainz. Als Gasthörer eignet er sich sein Wissen in Philosophie, Amerikanistik und Tiefenpsychologie an. Letzteres basiert auf der Psychologie der Medizin. Die so erworbenen Kenntnisse lässt er später in einigen Werken zusammen mit den Themen Leben und Tod verschmelzen.

Zu Beginn schreibt Kross Theaterstücke, schickt sie beim ZDF ein und bekommt sofort eine Stelle als Fernsehredakteur. Parallel zeigt er sein erstes Werk „Ortungen“ einem Frankfurter Verlag. Erst nach der dritten Überarbeitung wird es veröffentlicht. Seinem Wunsch, Verleger zu werden, eifert Kross bis dahin aber immer noch nach. Umso glücklicher für ihn, später die Claudius-Buchhandlung übernehmen zu können. Von da an konzentriert sich Kross nur noch auf sein Schreiben und die neu erworbene Buchhandlung.

 

Philosophie und ihr Inhalt
„Lyrik ist nicht für Jedermann“, erfasst Kross. „Man muss ein bestimmtes Basiswissen haben, um sie zu verstehen. Daher war Dichtung schon immer – auch zu Goethes Zeiten – nur für eine gewisse Minderheit verständlich.“ Kross‘ Werke sind tiefgründig. Oft behandeln sie buddhistische und philosophische Themen. Zeit sollte man mitbringen, wenn man seine Werke lesen will. Kross will es so. Über seine kurze, verschlüsselte Dichtkunst soll der Leser etwas länger grübeln, um die Bedeutung zu verinnerlichen. Sein bescheidenes Wesen verhilft Kross leider nicht zum Durchbruch als Vorlage für Schul- oder Universitätsliteratur. Zumindest nicht in Deutschland. In den USA hingegen sind manche seiner Werke in der Studierendenliteratur auffindbar.

 

Und nicht zuletzt die Wirtschaft
Literatur wird verkauft. In Buchhandlungen. Thalia, Hugendubel und, ja, auch bei Amazon. Merkwürdig, dass einem spontan gerade diese Namen in den Kopf kommen. Und was ist mit den Buchläden von früher? Manche meinen, diese werden unsichtbar und vom Massenkonsum zerstampft oder verschluckt.

Jürgen Kross ärgert das: „Viele Leute eifern dem Mythos nach, dass große Buchhandlungen günstigere Bücher verkaufen. Doch das stimmt nicht!“ Schließlich habe jedes deutsche Buch einen festen Preis. Portokosten dürften nicht auf den Kunden übertragen werden – das Prinzip der Buchpreisbindung eben. Ein kleiner Buchladen, so führt der Buchhändler weiter aus, sei aber noch auf die Qualität spezialisiert: „Wir können die Kunden noch direkt beraten und wissen genau, welche Bücher qualitativ gut sind.“ In einem großen Buchkaufhaus sei das Kross zufolge nicht immer der Fall. Dort kenne man die Verleger nicht persönlich und durch das „Masseninventar“ sei es auch nicht möglich, über jedes Buch Bescheid zu wissen. Man wisse „nur das, was Verlage vorschreiben. Die Selektierung fehlt.“

Selektieren bedeutet für Kross: kleine Buchläden können Inhalte kritisieren und daher besser informieren. Die Qualität wird gefiltert. Dieses Vorgehen scheint im Falle Kross‘ Früchte zu tragen: Die Claudius-Buchhandlung beliefert unter anderem die Johannes-Gutenberg-Universität, staatliche Bibliotheken sowie verschiedene politische Institutionen.

Autor: 
Jana Hermann
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