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Sitzkonzerte – Ein Erlebnisbericht als Gedichtzyklus

Sivert Høyem im Mousonturm Frankfurt, 05.11.12

 

Sitzkonzerte

 

Wie ich sie verabscheue!

Man kann sich beinahe leserliche Notizen machen

Und dabei alberne Ideen heranzüchten

Für Texte und so

Aber das ist auch schon alles.

Die Menschen um einen herum

Wirken seltsam leblos

Die Emotionen

Bleiben im Bühnengraben hängen und kommen

Immer nur gedämpft bei einem an.

Und wenn auch nur einer der Konzertbesucher

Rhythmisch mit dem Bein juppelt

Vibriert den Nebenmenschen

Die komplette Sitzreihe unterm Arsch.

 

Dabei ist das, was die Jungs da oben

Die sich Schultz and Forever nennen

Die nicht älter als sechzehn aussehen

So machen

Eigentlich durchaus sehr schöne

Zerbrechliche, verwundbare

Gitarrenmusik

von Geige und Keyboard getragen

Aber nicht ohne Ausbrüche

 

Und naja

Wenn man sich mal darauf

und das Mosern eingestellt

hat,

...

Trotzdem.

Sitzkonzerte.

 

Sivert Høyem

 

Ich befinde mich in der 5. Reihe

Um mich herum recht viele Menschen

meist sind sie älter als ich

das ist nicht schlimm

Der Mann neben mir trägt Glatze

so wie Sivert Høyem

dessen Konzert wir besuchen

der im schwarzen Anzug und mit Gitarre auf die Bühne schreitet

Ganz allein

Eine echte Erscheinung, von Düsternis umwandet

Der einsame Strahler reflektiert auf der Glatze

und der Gitarre

die das Licht als unruhigen Kegel an die schwarze Wand wirft

Er muss stehen

Wir sitzen.

 

Where Is My Moon?

 

Mit seiner alles umfangenden Stimme

Füllt er die leere Bühne aus

Und meine Ohren auch

 

Ich kann mich nicht entscheiden

Wo ich meine Beine hintun soll

 

Gitarrenwechsel.

 

Blown Away

 

Da ist es schon

Mein Lieblingslied

Von der neuen Platte

"Blown away

By the Golden Voice"

Wie schon von Leonard Cohen beschworen

(Dem er hin und wieder gar nicht so unähnlich klingt)

Mit der er in tiefste Abgründe des gesanglich Möglichen vordringt

Mit der er tiefste Emotionen intoniert

Die mir und allen Nebenmenschen

Die Sitzreihen unterm Arsch vibrieren lässt

Kontrastiert mit fatalistisch beißenden Klängen der elektrischen

Gitarre

 

Cornelius' Song

 

"Not everything works with a band.

Everything works like this."

Auf dieser Tour

ist er ganz allein

solo

Das war mal anders, früher

Als Robert Burås noch lebte

Gitarrist

und Songschreiber

Das ist schon lange her

"It gets very quiet between songs.

It's a little spooky."

 

Gitarrenwechsel.

 

You stand removed from me

Only this Long Slow Distance is real

 

Stimme

Keine Worte

Sirenengesang, Sivert-Style

Dann aber doch Worte

Hach

 

***

 

Untitled

 

Ja das mit dem

Gitarrenwechsel

Das klappt doch schon mal ganz gut

Aber come on, Sivert

Das mit dem Kapo da

Das musst du noch üben

Er lacht und wendet suchend den Hals

"That would have been a disaster

actually

 

Sail Away I

 

SIVERT

"I'm gonna play something old now. From that band I used to be in..."

AUDIENCE

cheers

SIVERT

"Are you still enjoying yourselves?"

AUDIENCE

cheers

SIVERT

"Do you get drinks if you want to, or

are you just sitting there?"

AUDIENCE

shows him their drinks, cheers

SIVERT

"This song is called Sail Away, it is actually one of my favourites."

AUDIENCE

cheers

 

Sail Away II

 

Ein Antiliebeslied

Etwas, das er

(der Sänger)

sehr gut kann

Wehmütig entsagend

Ein Liebeskummerlied

Er

(der Sänger)

Geht richtig mit

Bei den lauten Tönen

Und den ganz leisen auch

 

Gitarrenwechsel.

 

***

 

Mundharmonika (mit Halterung)

 

"I'm going to do something really stupid now."

 

***

 

Zugabe

 

Er tut so, als würde er von der Bühne gehen

Das heißt, er geht von der Bühne

Gibt dazu aber einen Meta-Kommentar ab

Was es dann wieder okay macht

 

Mehr von der Band, die er mal hatte

Die ihm heute noch die Hallen füllt

Mehr Musik, die er liebt und wir auch

Was es dann wieder okay macht

 

Er will nicht norwegisch singen

denn "it sounds... strange"

Doch dafür singt er "The Kids are on High Street"

Was es dann wieder okay macht

 

Wir stehen auf, endlich

Manche haben schon die Jacken an

Eine Hausfrau in der dritten Reihe

Singt jedes Wort mit

Was es dann wieder okay macht

Sehr okay.

 

Autor: 
Eva Szulkowski
Ressort:
Musik / Live
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