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Stefan Volk:Provokation für die Kunstfreiheit

„Unmoralisch“ und „Unsittlich“ - das sind die Worte mit denen Kritiker einige Filme in der Geschichte bezeichneten. Stefan Volks Buch „Skandalfilme - Cineastische Aufreger gestern und heute“ berichtet über die größten Provokationen unserer Zeit.

 

 

STUZ: Was macht einen Film zu einem Skandalfilm?

 

Stefan Volk: Für mich macht sich das nicht an Inhalten fest. Es kommt auch nicht darauf an, wie man einen Film individuell betrachtet und bewertet. Entscheidend ist vielmehr die Wirkung, die ein Film verursacht. Proteste, Aktionen und Boykottaufrufe zum Beispiel. Skandalfilme sind Filme, die in der Gesellschaft Aufruhr erregen.

 

Sie schreiben, dass diese Filme „Indikatoren für den sozialen Wandel und die kulturellen Unterschiede“ seien. Worauf beruhen diese Unterschiede?

 

Sie ergeben sich aus dem Wechselspiel von Film und Reaktion. Das hat mit der jeweiligen Zeit, den sozialen, kulturellen und politischen Verhältnissen zu tun. Zum Beispiel waren die politischen Voraussetzungen in der DDR andere als im Westen. Auch in den USA herrschte zu bestimmten Themen ein anderes Klima als in Westdeutschland.

 

Mit welchen Themen provozierte man in der Geschichte am ehesten?

 

Es gab verschiedene Skandalbereiche. Freizügige Darstellungen, Blasphemie, politische Kritik, Gewaltdarstellungen oder der Umgang mit Homosexualität. Wenn man von heute zurückblickt, fand in Deutschland in vielen Bereichen eine große Liberalisierung statt. Blasphemie ist in Bezug auf das Christentum in den USA immer noch ein mögliches Skandalthema, in Deutschland eher weniger.

 

Hat sich Deutschland als Musterbeispiel der künstlerischen Freiheit im Laufe der Zeit etabliert?

 

Es kam in der Skandalfilmgeschichte immer wieder zu gerichtlichen Verhandlungen über mögliche Filmverbote. In Deutschland beispielsweise bei der Auseinandersetzung um Willi Forsts „Die Sünderin“ (1951). Die Grenzen der Kunstfreiheit und die Frage „Was ist Kunst?“ standen dabei im Mittelpunkt. Am Ende hat sich das Gericht für den Kunstcharakter des Films und die Kunstfreiheit ausgesprochen.

 

Was bedeutet für Sie künstlerische Freiheit?

 

Man muss eine Grenze ziehen zwischen Kunst in der Produktion und der Wirkung von Kunst. Wenn ein Film zum Beispiel zeigt, wie Tiere gefoltert werden, wäre es nicht tolerierbar, wenn sie in Wirklichkeit dafür leiden müssten. Etwas anderes ist es, wenn im Film nur für die Zuschauer dieser Eindruck vermittelt wird. Wenn man das, was gezeigt wird betrachtet, muss man die Freiheit der Kunst sehr weit ansetzen. Dafür muss man auch einiges aushalten, was man vielleicht nicht toll findet.

 

Der ehemalige Chefredakteur vom Spiegel Erich Böhme, meinte, dass es heute keine echten Skandale mehr gebe, da man versuche, Nichtigkeiten zu skandalisieren. Spricht das nicht eher für eine Gesellschaft, in der eine breite Toleranz herrscht?

 

Es gibt sicherlich solche Skandalierungswellen, die vor allem darauf abzielen, ein Produkt gewinnbringend zu verkaufen. Trotzdem gibt es auch immer wieder „echte“ Skandale. Eine Gesellschaft, in der es keine Skandalfilme gäbe, würde über keinen gesellschaftlichen Konsens mehr verfügen. Zwei Dinge braucht ein Skandalfilm: eine gewisse Freiheit für eine Debatte und einen Wertekonsens, der angegriffen werden kann. Wenn eine Gesellschaft keine gemeinsamen Werte mehr findet, die sie zu verteidigen bereit ist, wäre das fatal.

 

Möchte man heutzutage überhaupt noch eine Art Aufklärung betreiben oder eher nur schocken?

 

Manchmal geht es nur darum, zu schocken. Aber auch heutzutage kann eine Provokation Ausdruck eines künstlerischen Anspruches sein. Hinzu kommt, dass Skandalfilme nicht automatisch immer Aufklärung im liberalen Sinne betreiben möchten. Es kann auch darum gehen, konservative oder reaktionäre politische Haltungen voranzutreiben. Solche Filme ernten dann beispielsweise den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit. Aber auch die Liberalisierung im Geiste der Aufklärung ist keineswegs am Ende angelangt, wenn man nur an den hochgradig tabuisierten Bereich der Islamkritik denkt. Die Möglichkeiten zu provozieren wandeln sich eben.

 

Welcher Film hat Sie persönlich am meisten geschockt?

 

„Die 120 Tage von Sodom“ hat mich persönlich am meisten verstört. Manche Szenen empfand ich als beinahe unerträglich.

 

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Zum Buch:

Der Filmwissenschaftler Stefan Volk arbeitet als freier Journalist, Film- und Literaturkritiker, schreibt für Fachzeitschriften und Magazine und hat mehrere film- und literaturdidaktische Werke veröffentlicht. In seinem Buch „Skandalfilme - Cineastische Aufreger gestern und heute“schildert er präzise und abwechslungsreich die Wirkung der größten Filmaufreger in der westlichen Kultur und beschreibt den gesellschaftlichen Hintergrund der einzelnen Jahrzehnte. „Die Sünderin“ (1951), „Peeping Tom“ (1960) oder „Die 120 Tage von Sodom“ (1975) sind nur einige Werke, die eine Welle der Empörung hervorgerufen haben. Volk gibt zu jedem vorgestellten Film eine Inhaltsangabe und verwendet Bilder von Szenen, die besonderes Aufsehen erregt hatten und zum Teil zensiert wurden. Der Leser bekommt nicht nur ein Bild von der Wirkung der Aufreger, sondern kann auch den gesellschaftlichen Wandel nachvollziehen, der zum Teil durch diese Filme ausgelöst wurde.

 

Stefan Volk // Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute // Schüren Verlag // 24,90 Euro

 

Foto: Schulze & Heyn FILM PR

 

Autor: 
Lara Malm
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Skandalfilme
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Peeping Tom (Trailer)
Peeping Tom (Trailer)