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STUZ-Autorentipp Vol. 1

Der 1972 in Graz geborene Thomas Glavinic schafft in jedem seiner Werke etwas vollkommen Neues und bleibt sich – ob in Krimi, Drama oder Satire – doch in seiner Schreibweise treu: Seine Sprache ist nicht hochkompliziert, eher alltagstauglich, aber dennoch nicht platt, vielmehr zynisch pointiert treffend. Interpunktion scheint meist nicht besonders wichtig, hält bloß auf, wodurch man als Leser das Gefühl hat, sozusagen einem „Livebericht“ zu folgen. Einem Bericht aus den Gedanken von Mördern, Paranoiden, vom Glauben Abgefallenen, in den der Autor Fetzen unserer Realität einbaut und so eine ganz eigene Atmosphäre schafft.
Stets spielen die Motive Liebe, Angst und Einsamkeit eine Rolle. „Ich schlafe nicht sehr gut und habe ziemlich viele Albträume“, meint Glavinic in einem Interview. In einem solchen kam dem Österreicher auch die Idee zu „Der Kameramörder“, seinem dritten Roman, in dem ein Ich-Erzähler ein Osterwochenende schildert, an dem er samt Partnerin ein befreundetes Paar besucht, während die Medien den Doppelmord an zwei Kindern regelrecht sezieren. Was so weit geht, dass das Video, das der Mörder von der Tat drehte, im Fernsehen gezeigt wird. Glavinic versteht es, seine Figuren im Strudel aus Ekel und Sensationslust ertrinken zu lassen.

Das Spiel mit Identitäten ist ein weiteres seiner Motive. Oft setzt er den Ich-Erzähler ein, der dem Leser die Gewissheit über seinen eigentlichen Charakter nimmt, ihn im Ungewissen straucheln lässt. Der Autor betont, dass, auch wenn die gegenteilige Annahme auftrete, er nicht dieser Erzähler sei. Auf die Spitze treibt er dies in „Das bin doch ich“. Glavinic oder besser gesagt dessen Alter Ego hat in dem Roman von 2010 damit zu kämpfen, dass sein Freund Daniel Kehlmann für sein Buch „Die Vermessung der Welt“ mit Lob und Preisen nur so überschüttet wird. Das will Glavinic auch. Kriegt es aber nicht. Ersatzweise kippt er literweise Wein, wodurch seine Gesellschaftsfähigkeit aufs Ärgste in Mitleidenschaft gezogen wird, sehr zur Belustigung des Lesers. Einer der wenigen Fälle, in denen ein Klappentext die Wahrheit spricht: „ein unglaublich komischer Roman“.

 

Unter „Rezensionen“ findet ihr auch Glavinics Romane „Unterwegs im Namen des Herrn“ und „Lisa“.

 

 

Autor: 
Frederike Münd
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Galerie: 
Glavinic, Der Kameramörder
Glavinic, Das bin doch ich
Glavinic, Unterwegs im Namen des Herrn
Glavinic, Lisa