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STUZ-Autorentipp Vol. V

Der magische Realismus des Daniel Kehlmann

Viele kennen ihn durch seinen Bestsellerroman „Die Vermessung der Welt“ aus dem Jahr 2005. Darin setzt der deutsch-österreichische Schriftsteller Daniel Kehlmann zwei historische Figuren in Szene: Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt – zwei verschrobene Wissenschaftler, deren Wege sich kreuzen. Sie bieten Stoff für Kehlmanns humoristisches Erzählen, das mit den Fakten ebenso spielt wie mit den Erwartungen des Lesers.

Seinen Durchbruch hat Kehlmann aber bereits 2003 mit dem Roman „Ich und Kaminski“ geschafft. Die unterhaltsame, straffe Satire des Kunstbetriebs gründet in der Begegnung zwischen einem unsympathischen und narzisstischen Kunstkritiker und einem berühmten Künstler in einer roadmovie-ähnlichen Odyssee. Sein letzter Bestseller ist ein „Roman in neun Geschichten“ namens „Ruhm“ (2009). Auf subtile Weise werden darin einzelne Geschichten verknüpft, die diesmal in der modernen, von Technik geprägten Welt spielen.

Außergewöhnlich viele Naturwissenschaftler treten in Kehlmanns ersten Romanen auf. Die Faszination für das Mathematische und Physikalische birgt bei ihm jedes Mal einen Zugang zum Irrealen. In Kehlmanns Debütroman „Beerholms Vorstellung“ (1997) begründet ein Theologiestudent seinen Glauben auf mathematischen Gesetzen und verfällt der Trick-Zauberkunst. In „Mahlers Zeit“ (1999) wird ein Physiker von seiner Idee, die Zeit aufzuheben, zum Infarkt gebracht. Und in der Novelle „Der fernste Ort“ (2001) möchte der Protagonist Julian, der einen immer überlegenen Mathematiker-Bruder hat, seinen Tod bei einem Badeunfall vortäuschen, um ein neues Leben zu beginnen.
All das sind Geschichten mit doppeltem Boden. Der Leser wird durch die Phantastik Kehlmanns verwirrt, kann nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden. Er kann auch dem meist personalen Erzähler nicht mehr trauen, muss selbst entscheiden, was wahr ist. „Ich fand Literatur immer am faszinierendsten, wenn sie nicht die Regeln der Syntax bricht, sondern die der Wirklichkeit“, erklärt Kehlmann in seinen Poetikvorlesungen „Diese sehr ernsten Scherze“ (2007), in denen er ein zutiefst humoristisches Interview mit sich selbst führt. Somit knüpft Kehlmann an den südamerikanischen ‚Magischen Realismus‘ an, bei dem magische Elemente in realistische Situationen integriert werden. Sein Studium der Germanistik und Philosophie lässt sich an seinem von Motiven verstrickten Werk kaum übersehen und neben seinen Lesungen arbeitet er seit 2001 sogar als Poetikdozent. Mal in Mainz, mal in Wiesbaden, mal in Göttingen.

Kurz & knapp: Phantastik, Satire, Wirklichkeitsbrechung
Unbedingt lesen: Ich und Kaminski
Für Freunde von: Gabriel García Márquez, Franz Kafk

Autor: 
Isabel Steinmetz
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