Anzeige

Subkultur in der Mombacher Straße

Hinter den Mainzer Bahngleisen links hat der Verein zur Zusammenarbeit mit Osteuropa seinen Sitz. Es ist ein kleiner kultureller Schatz, den unser Autor dort vorfindet.

 

„Der Maletzke hat für mich Archetypen geschaffen, die uns allen gut bekannt sind: die Macht, die Pharisäer, die Geldgierigen, die Jubler und Mitläufer, die Doofen.“ So erklärt Jutta Hager, Vorsitzende des Vereins Zusammenarbeit mit Osteuropa e.V. (ZMO), mir die Ausstellung „Zeit- und Sinnbilder“ vom polnischstämmigen Greifswalder Künstler Helmut Maletzke.

 

Ich mustere die Bilder, während ich meinen Kaffee trinke. Die zentrale Frage lautet: Was ist der Mensch und wie schafft er es, mit der Welt umzugehen, die er selbst geschaffen hat? So habe ich es verstanden. Düster sind die Aussichten, denke ich. Die Bilder in kraftfollen Farben mit meist dystopischen Darstellungen der Konfrontation von Mensch und Schöpfung oder Gesellschaft fesseln durch ihre klare Aussage, stimmen aber nicht gerade fröhlich. „Das muss man sagen, er ist nicht sonderlich optimistisch. Die Bilder sind eine einzige Warnung“, stimmt Hager zu. Aber nicht nur. An der gegenüberliegenden Wand des kleinen und rustikal-charmanten Ausstellungsraumes hängen Aquarelle ruhiger und unberührter Natur, die Schöpfung als solche und als Rückzugsort, als Quelle der Kraft.
Während ich noch mit dem Bild eines Monsters aus Zeitungen kämpfe, hat die Vereinsvorsitzende noch ganz andere Sorgen: Die Schüler, die die Eröffnung der Ausstellung musikalisch begleiten wollen, sind schon da, der Mann mit den Mikrofonen aber noch nicht. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Jutta Hager ebenfalls, sie ist ganz Energie, immer mit halbem Ohr und Auge aufmerksam auf alle Vorgänge achtend, während sie mit mir über Helmut Maletzke, den Secondhand-Shop und die Arbeit des ZMO spricht.

 

Von der Betreuungsarbeit …
Ein kleines ehemaliges Bahnhofsgebäude hinter einer Bahnschranke in der Mombacher Straße 2 – das ist der Sitz des ZMO.  In den 70ern wurde der Verein als Reaktion und Ausdruck der Unzufriedenheit auf den Kalten Krieg gegründet – Frieden statt Anfeindung mit Osteuropa war das Ziel. Integration und Betreuung von Aussiedlern war die selbstgesetzte Aufgabe des Vereins, von der Einreise über die Vermittlung von Amtsdeutsch bis zu Staatsbürgerschaftsformalitäten und Arbeitsvermittlung.

 

Noch während Hager mir die Geschichte des Vereins erklärt, kommen Leute mit Säcken voller Kleider – und nahtlos koordiniert die Vereinsvorsitzende, wo die Sachen hinkommen. „So ist das jeden Tag, die Leute kommen und bringen, der Secondhand-Laden wächst.“  Heute ist der Geschirrkeller neben der Kleiderkammer zentraler Bestandteil des Shops. „Ich habe damals auch schon in meinen Volkshochschulkursen Sachen eingesammelt, die die Leute nicht mehr brauchten“, erinnert sich Hager. Irgendwann kamen zu den Kleidern auch mal alte Töpfe. „Die hatte ich noch nicht mal aus dem Auto ausgeräumt, da waren die schon weg. Da kam mir die Idee mit dem Geschirrkeller, damit man nicht nur immer redet, sondern den Leuten auch mal einen Teller auf den Tisch stellen kann, wenn‘s möglich ist.“

 

Heute ist der riesige Secondhand-Bereich des ZMO nicht nur Treffpunkt und Plattform zum Austausch, sondern längst Selbstläufer geworden. „Jeder kann Sachen bringen und mitnehmen. Bringen ist kostenlos, mitnehmen gegen einen Obolus, aber Low Budget, natürlich“. Bei meiner Führung durch die Räume erblicke ich auch Fahrradhelme  und Puppenschränke. Ein paar Mädels durchstöbern die Regale, auf der Suche nach etwas „durchsichtigem Gestrickten.“ Sofort ist Jutta Hager wieder in Aktion – mit etwas „Durchsichtigem“ in der Hand.

 

… zur Kulturarbeit
Heute kommen kaum noch neue Aussiedler ins ZMO. Daher liegt der Schwerpunkt des Vereins inzwischen auf der Kulturarbeit als Mittel der Verständigung und Kommunikation, um die Integration nicht nur beim „Ankommen“ zu belassen. „Bei den Aussiedlern waren auch immer einige Künstler dabei“, so Hager. „Die ließen sich arbeitstechnisch nicht so leicht vermitteln. Da habe ich ein paar von denen zusammengeholt und etwas konzipiert. Damit sind wir dann zur Stadt und haben Unterstützung bekommen.“

 

So ist aus der Betreuungsarbeit auch die Kulturarbeit entstanden. Zahlreiche Ausstellungen, Lesungen und Musikabende stehen nun auf dem Programm. Die Künstler haben dabei fast immer einen osteuropäischen Hintergrund. „Mittlerweile bemühen wir uns aber, mindestens zweimal im Jahr auch Künstler zu Wort oder Ton kommen zu lassen, die einer anderen Nationalität angehören, egal welcher, um den kulturellen Austausch zu verstärken“, erklärt  die Organisatorin.
Und zu organisieren gibt es viel – Integration und kultureller Austausch sind nie zu Ende. „Wir machen von allem alles, immer zur gleichen Zeit, mal mehr, mal weniger ruhig. Es gibt immer Ecken, an denen ich noch etwas zu tun finde“, lacht Hager.

 

Zeit- und Sinnbilder
bis 23. März
ZMO, Mombacher Str. 2, Mainz

 

 

Autor: 
Johannes Kraus
Facebook:
Artikel bewerten:

Dies bewerten

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.5 (2 Bewertungen)

Flattr

Galerie: 
Foto: Johannes Kraus
Foto: Johannes Kraus
Foto: Johannes Kraus
Foto: Johannes Kraus