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Tabus für die Sinne

 

Seit dem 10. September finden mittlerweile zum 7. Mal die Wiesbadener Fototage statt. Unter dem Titel „Wagnis Fotografie“ stellen über 60 Fotografen in 18 Galerien ihre Werke aus und zeigen dabei ihre ganz eigene Sicht auf Wagnisse.

 

Das Thema Wagnis bietet mindestens so viele Interpretationsansätze wie derzeit Fotografien in den Wiesbadener Galerien zu sehen sind gewagte Gedanken, gewagte Techniken, gewagte Bilder.

 

Da finden sich mutige und persönliche Einblicke wie in den Werken von Paul Schneggenburger, zu sehen im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Seine Fotografien unter dem Titel „Der Liebenden Schlaf“ zeigen intime Momente, die schlafende Liebende hinterlassen. Nur die Kamera, nicht aber der Fotograf selbst war bei dem Entstehungsprozess anwesend. Schneggenburger lässt damit eine Art passiven Voyerismus entstehen. Paula Winklers ist mit ihren Fotografien, ausgestellt im Nassauischen Kunstverein einen gewagten Weg in die Abgründe des Internets gegangen.  „Exceptional encounters-as many guys as I could get“ zeigt Männer, die über Onlinesexportale eigentlich ein schnelles Abenteuer suchten und dann für die Künstlerin zu Modellen wurden. Vom nimmersatten Mittzwanziger bis hin zum Mann in der Midlifecrisis, der auf der Suche nach einem Abenteuer ist, fand sie Männer, die sich durch ihre Kamera zum Sexualobjekt machen ließen.

 

Ein Wagnis für den Betrachter stellen die Werke von Johanna Nottenbrock dar. Für ihre Fotografien begleitete sie die Kripo Hannover an Tatorte und zeigt damit Einblicke in Bereiche, die Fotografen normalerweise verwehrt sind. Nicht selten bring sie dabei den Betrachter an seine Grenzen und zeigt welche Kraft die Fantasie besitzt.

Auch in „Bilder für die Freiheit“ wird der Betrachter auf seine Schmerzgrenze getestet. Von Handykameras geschossene Fotos zeigen Aufstände und Demonstrationen im Nahen Osten und dokumentieren Brutalität, Willkür und traurige Realitäten.

Der junge Künstler Johannes Heinke zwingt den Betrachter zu Selbstreflexion. Gleich mit zwei Ausstellungen vertreten, stellt er mit „Handgepäck“ dem Besucher die Frage: Wie reagieren wir heute auf so etwas Harmloses wie eine vergessene einsame Reisetasche? Wie realistisch sind unsere Terrorismusängste?

Mit seiner zweiten Ausstellung „through the khimar“ lässt er den Besucher das beklemmende Gefühl spüren, wie es sich anfühlt, vollständig verschleiert zu sein. Wie kann man seine Umwelt noch wahrnehmen wenn sogar die Augen von Stoff bedeckt sind?

 

Neu und damit gewagt sind die Arbeiten von Anna Lena Radlmeier. Die von ihr entwickelte Kollimatographie tastet gleich einem analogen Scanner die Oberfläche eines Motivs Punkt für Punkt ab und bietet als Ergebnis Aufnahmen ohne Perspektive. Auch Melanie Wiener, bietet neue Ansätze, bannt Momente auf Dias und gibt ihnen dabei filmischen Charakter. Bei ihren Installationen unter dem Kunstwort Tempografien wird eine Bewegung von Sekunden in mehreren Folien deckungsgleich hintereinander montiert und verbindet dadurch die zweidimensionale Fotografie mit der dritten und vierten Dimension von Raum und Zeit.

 

Der Betrachter selbst lässt sich bei „Wagnis Fotografie“ insoweit auf ein Risiko ein, als die ausgestellten Fotografien Fantasien wecken, mit ihren Inhalten schockieren oder an die Grenzen der Realität führen, sie sprengen und ihn dann mit einer Fülle neu gewonnener Eindrücke zurücklassen.

 

 

Trauen sie sich?

 

Mit „in der Mimesis einer Geburt“ können weibliche Besucher der Wiesbadener Fototage selbst ein Wagnis eingehen. Wer sich traut kann Performancetermine bei der Künstlerin Teréz Fóthy ausmachen. Worauf sich die Besucherin einlassen muss, ist eine hängende weiße Jutebahn, ein Messer und die eigene nackte Haut.

 

Wiesbadener Fototage 10. - 25. September

 

 

Autor: 
Verena Mikic
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Galerie: 
Ol Skoczylas (Galerie Pokusa)
Paul Schneggenburger (Ministerium für Wissenschaft und Kunst)
Paula Winkler (Nassauischer Kunstverein e.V.)
Tomoya Fujimoto (Ministerium für Wissenschaft und Kunst)
Tessa Posthuma de Boer (Ministerium für Wissenschaft und Kunst)
Tessa Posthuma de Boer (Ministerium für Wissenschaft und Kunst)