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Tanzen im Dunkeln

 Ein traumhaft düsterer Ballettabend – auch für Neulinge.

 

Wenn Studenten nun kostenlos ins Theater können – sind sie dann experimentierfreudiger und gehen vielleicht nicht nur eher ins Theater, sondern vielleicht auch mal eher ins Ballett? „Tears on Scriptease“, das aktuelle Programm in Sachen Modernem Tanz am Mainzer Staatstheater, sei jedenfalls jedem empfohlen.

 

Doch der Beginn ist sperrig. Zwar ist auch dieser Abend, ganz so wie man es vom Mainzer Haus gewöhnt ist, in viele kleine Portionen aufgeteilt – vier Stücke von drei Choreografen werden aufgeführt. Doch ändert das nichts daran, dass „Tears on Scriptease“ keine leichte Kost ist, einem Aufmerksamkeit und etwas Geduld abverlangt, um sich in die Choreografien und die Atmosphäre zu finden. Fast leichtfüßig wirkt da noch „Script“ von Pascal Touzeau, was den Anfang des Quartetts macht. Wie in einem Traum (welcher, ganz passend, wohl auch thematisch für das Stück Pate gestanden hat) umkreisen sich Tänzer und Tänzerin in ihren grauweißen, schmucklosen Klamotten. Immer wieder stoßen sie sich ab, finden wieder zueinander. Kurz ist man leicht verstört, doch ebenso kurz darauf schließlich gebannt, fühlt man sich von der Stimmung her doch eher in einen Albtraum transferiert, denn in einen schönen Schlummer.

 

Eine Situation zwischen Traurigkeit und heiterem Lebenswillen soll der Abend laut Chefchoreograf Pascal Touzeau beschreiben. So weit so gut. „Soldaten“ jedenfalls, das zweite Stück des Abends, strotzt geradezu vor Lebenswillen. Wie auf einem Schlachtfeld bekämpfen sich die Tänzer und Tänzerinnen. Dabei schafft es Choreograf Davy Brun, dem Ganzen eine martialische und dennoch elegante Note zu verleihen. Die asiatisch anmutenden Kostüme mögen nicht jedermanns Sache sein (von der Körpern der Tänzer sieht man kaum etwas), doch unterstreichen sie mit ihren wehenden Röcken effektvoll die Dramatik des Stückes.

 

Weiter geht es mit „Ex Nihilo“ von Jacopo Godani (wie Touzeau auch vom ballettmainz). Was einem in „Soldaten“ an Nähe gefehlt hat, tritt hier umso deutlicher zutage. Unentwegt kommen sich die Tänzer näher, hauchdünner Stoff bedeckt die schwitzende Haut. Jeden Muskelstrang kann man beim Anspannen und Entspannen erkennen. Allein: Der Musik von „48nord“ ist gewiss nicht jeder im Saal positiv gestimmt. Verzerrt und laut preschen atmosphärische Klangschnipsel dem Publikum entgegen, finden nur gelegentlich zu einer gefälligen Struktur. Und während manche gebannt in ihrem Sessel erstarren, um die aus Tanz und Musik entstehende Intensität aufzusaugen, schütteln andere entnervt den Kopf. Auch hier muss die Aufteilung des Abends in vier zwar durch einen roten Faden verbundene, aber dennoch unterschiedliche Stücke, als Pluspunkt gewertet werden.

 

Mit „Tears“ beschließt dann ein weiteres Stück von Pascal Touzeau den Abend. Vorbei die zerbrechlich grazile Traumstimmung, die noch den Beginn des Abends dominierte. Vorbei die martialische Kampftanzerei, das schweißgetränkte Aufeinanderprallen. „Tears“ perfektioniert die albtraumhafte Stimmung, wieder untermalt von „48nord“. Touzeau schafft es dabei wieder einmal, den Zuschauer zu überraschen und unerwartet zu berühren. Die Tänzer bewegen sich in Formen, die nicht wenige so noch nie gesehen haben dürften. Und man kommt zu dem Schluss, dass der Abend – wenn er auch nicht heiter gelaunt daher kommt – sehr wohl was für Neulinge im Modernen Tanz ist. Im Quartett ist „Tears on Scriptease“ einfach eine runde Sache.

 

Nächste Aufführungen:

7. und 14. Dezember, jeweils 19.30 Uhr im Kleinen Haus des Staatstheater Mainz

 

 

Autor: 
Fabian Scheuermann
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Galerie: 
"Script", Foto: Wolfgang Runkel
"Soldaten", Foto: Wolfgang Runkel
"Ex NIhilo", Foto: Wolfgang Runkel
"Tears", Foto: Wolfgang Runkel