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Totentanz auf Bühnenskelett

Auf nackter Bühne probiert sich die Mainzer Inszenierung von Horváths „Glaube, Liebe, Hoffnung“ am Motto „Weniger ist mehr“.

 

Es ist eine Tatsache, die am Staatstheater Mainz kaum bemerkenswert erscheint: Das gesamte Bühnenbild fehlt. Doch bei Glaube, Liebe, Hoffnung geht die Regisseurin Alia Luque noch einen Schritt weiter. Es fehlt nicht nur das Bühnenbild, auch die Seitenwände und Vorhänge wurden entfernt und Souffleuse und Maskenbildnerinnen finden sich in ungewohnter Situation mitten im Geschehen an den Seitenrändern der Bühne wieder. Dieser unkonventionelle Aufbau birgt aber womöglich die größte Stärke des Abends in sich. Während auf der Bühne die Handlung weitergeht, tauschen die Schauspieler am Bühnenrand Geschlecht und Identität im gefühlten Minutentakt. Menschen sind bei Horváth eben austauschbar.

 

Glaube

 

Durch gleißendes Scheinwerferlicht marschiert am Anfang eine Blaskapelle im Marinelook, deren Bedeutung als Bindeglied oder Zäsur bis zum Ende offenbleiben soll. Nichtsdestotrotz liefern die Bläser des Willigis-Gymnasiums unter der Leitung von Hannelore Swartman einen klanglich perfekten Denkimpuls und befördern direkt in die Zeit von Krisen und Krieg. Die Protagonistin Elisabeth ist dabei eine unbelehrbare Optimistin. Sie glaubt an die Liebe und das Leben; auch wenn sie von selbigen verhöhnt wird. Was bleibt ihr auch anderes übrig? Ausdrucksstark mimt Ulrike Beerbaum diese naive junge Frau, die im Grunde nach den gleichen Dingen sucht, wie alle anderen auch: Glaube, Liebe, Hoffnung. So versucht sie durch den Verkauf ihrer Leiche an die Gerichtsmedizin eine frühere Geldstrafe abzubezahlen. Der Präparator leiht ihr das Geld. Als er von der Strafe erfährt, zeigt er sie jedoch an. Markus Mislin spielt den konfusen Alten, der sich mit seiner anfänglichen Sanftheit doch nur scheinbar von den anderen unterschiedet. Die anderen, das sind die Chefin Irene Prantl (toller Gang in High Heels: Gregor Trakis), Frau und Herr Amtsgerichtsrat (wunderbar schamlos: Andrea Quirbach) und auch der spätere Lebensretter Joachim (Felix Mühlen).

 

Liebe

 

Im Schutzpolizisten Alfons findet Elisabeth dann kurzzeitig die Liebe, doch Karriere und Vorschriften kommen dem jungen Glück zuvor. Zlatko Maltar ist einer der stärksten Schauspieler des Abends. Er versteht es, Situationskomik und den Ernst der Thematik abgewogen zu mischen und beweist in Unterhosen sein komödiantisches Talent. Die Zerrissenheit des Alfons ist anrührend und doch ohne Romantik, eine gewichtige Aussage. Ähnlich stark wollte Luque wohl auch auf die Gendering-Thematik eingehen. Dass Männer Röcke und High-Heels und Frauen Bärte tragen ist dabei so wenig innovativ wie hilfreich. Ein netter Gag der für Lacher sorgt, doch die erhoffte Theaterkritik nach der für Luque künftig auch männliche Paraderollen wie Othello oder Hamlet für weibliche Kollegen offenstehen sollen kommt so nicht durch.

 

Hoffnung?

 

„Da muss ich jetzt mal lachen“, sagt Elisabeth an einer Stelle, wobei ihr Tonfall bedenklich in Richtung Wahnsinn kippt. Ja, wenn es nicht so zum Heulen wäre, müsste man lachen: über diese völlig ungerechte, verquere Situation und über diese Gesellschaft, die sich zwar eine solche schimpft, für die Gemeinschaft aber ein Fremdwort ist. Und man müsste auch ein bisschen selbstkritisch über das eigene Leben lachen, das bei genauer Betrachtung oftmals gar nicht so weit von Horváths pessimistischer Darstellung entfernt ist. In Mainz wird auch eher gelacht als geheult. Der Stoff bietet reichlich Gelegenheit dazu, doch leider gehen somit auch die tieftraurigen Wahrheiten Horváths im kollektiven Geschnaube unter.

 

Die Schauspieler müssen an jenem Abend schon fast ein wenig um die Aufmerksamkeit kämpfen, denn die Kostümwechsel am Rand der Bühne sind mitunter spannender. „Es soll ja noch schlimmer werden“, sagt Elisabeth zu Anfang, und es kommt zum Schlimmsten. Doch der kontinuierliche Verfall, das Sich-Verstricken, der Verlust des naiven, aber lebenserhaltenden Optimismus: All das findet in Mainz nur nebenbei Ausdruck. Der starke Rahmen wird durch Unruhe und zu viel Komödie unterbrochen, was die Schauspieler nicht in ihrer Gänze brillieren lässt.

Am Ende steht der Tod, denn „ohne Glaube, Liebe, Hoffnung gibt es kein Leben“. Horváths Figuren ist das aber egal, denn jeder ist sich selbst der Nächste und die Tote bleibt einfach auf der Bühne liegen. Die Band marschiert über sie hinweg und mit dem Schlussakkord endet der makabere Todestanz.

 

 

Weitere Aufführungen am 8.3., 11.3., 18.3., 30.3., 3.4., 27.4.

 

 

 

Autor: 
Frederike Holewig
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Foto: Bettina Müller
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