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Tubagötter und Wortakrobaten

In bekannter Slammanier treten im Sängerkrieg auf der Wartburg statt Minnesänger heutzutage Kleinkünstler, Schauspieler,
Zauberer und Singer/Songwriter gegeneinander an.

 

Auf der mittelalterlichen Wartburg kämpften Minnesänger um ihr Leben. Heute heißen diese „Slampoeten“. Gekämpft wird um Ehre, den Pokal und Alkohol. Schon lange ist der Dichterwettstreit nicht mehr auf Poesie beschränkt: Song-Slam reiht sich an Science-Slam, reiht sich an Dead-or-Alive-Poetry. Im Januar fand das erste Mal „Sängerkrieg“ in der Wiesbadener Wartburg statt. Erneut führte das Mainzer Moderatoren-Duo Ken Yamamoto und Jens Jekewitz das überwiegend junge Publikum durch den Abend. Neu war: Sie trugen Frack!

 

Unter dem Motto „Alle gegen alle!“ trafen beim Sängerkrieg Wortakrobaten und Schauspieler auf Zauberkünstler, Orchesterspieler auf Sänger. Gewertet wurde nach dem Slamprinzip: Das Publikum bildete die Jury – mittels Punktetafeln und Applaus. Die Heimcouch besetzten Schauspieler und Musiker des Wiesbadener Staatstheaters. Dagegen traten zwei Poetry-Slamer, ein Song-Slamer und ein Zauberer in der Gastecke an. Es war ein Kampf zwischen Theater und „Slamely“. Auf die Frage „Wer war noch nie auf einem Poetry-Slam?“ meldete sich ein Großteil der Künstler auf der Heimseite.

 

Während die Wiesbadener Monologe, Kompositionen, und Gedichte auf den Punkt mimten, musizierten und rezitierten, lasen die Gäste ihre Slam-Texte ab, sangen Tim Bendzko-like von verklärten Kindheitserinnerungen und wortloser Liebe. Dennoch konnten sich die Schauspieler Judith Bohle und Barbara Dussler sowie Tom Gerber mit guten Auftritten nicht gegen die Gäste durchsetzen. Bis der kurzfristig eingesprungene Musikcomedian Roland Vanecek die Bühne betrat. Aufgrund der Furcht, zwischen Poesie, Schauspiel und Zauberei mit klassischer Musik unterzugehen, begann er seinen Auftritt mit gekonnten Impro-Versen. Er schaffte es durch seine Loop-Station, Pachelbel und Ravel der Veranstaltung neues Leben einzuhauchen. Für seine gelungene Performance aus Witz, Charme und professioneller Tuba-Leistung gab es die Höchstpunktzahl und Standing Ovations. Er schaffte es ins Finale. Im  gegnerischen Team setzte sich Slam-Poet Kaleb Erdmann mit einem Diss gegen den YOLO-Mann und der Prämisse, sich eigene Prioritäten zu setzen. Auch wenn sie nur vom Bett bis zur Mikrowelle reichten. Von Slam-Kollegen Thomas Spitzer, Sänger Binyo und Magier Christoph Demian ist man sonst Besseres gewohnt.

 

Im Finale gab Erdmann, wie er selbst sagte, nur das „Vorprogramm“. Vanecek lieferte erneut ab, sodass ihn selbst die Gegner mit Smartphones aufnahmen, und gewann. Der Musikcomedian hatte eine Erklärung dafür: Im Theater habe man nie die Gelegenheit, eigene Kreativität auszuleben, sondern mime nur Gedanken und Ideen eines anderen. Vanecek nutzte die Chance und machte sein eigenes Ding. Er konnte dies mit einem Sieg, dem neuen Titel „Tubagott“ und dem ersten Pokal des Sängerkrieges feiern. Eigentlich geht es bei einem Slam aber nicht um den Sieg, sondern um die Anerkennung der Kunst. Dies blieb diesmal leider auf der Strecke.

Autor: 
Franziska Simon
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