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Um himmels Villa

Hübsche alte Häuser und Parkanlagen, und das mitten in Mainz: Der Gebäudekomplex auf der Bastei wird 100 Jahre alt.

Womöglich kommen ein paar Hundert Fußgänger tagtäglich an der Villa Musica vorbei, Autofahrer dürften es zehnmal so viele sein. Doch die wenigsten werden bemerken, dass ihr Weg an einem bemerkenswerten Komplex aus Jugendstilvillen entlangführt. Auf Höhe von Bordstein und Straße befindet sich bloß die wenig einladende Einfahrt. Der Weg zur eigentlichen Villa Musica führt bergauf und dann noch einmal um die Kurve. Zudem ist das auf der Anhöhe gelegene Anwesen mit der Adresse „Auf der Bastei“ von Bäumen umgeben. Schaut man also nicht an der richtigen Stelle bewusst nach oben, sieht man es auch nicht.
In diesen Tagen wird der Villenkomplex hundert Jahre alt, wurde also 1913/14 gerade in der turbulenten Zeit vor dem Ersten Weltkrieg erbaut. Bauherren waren die Unternehmer Ernst und Otto Behnke, die in den symmetrisch angelegten Nummern 1 und 3 mit ihren Familien lebten. Das dritte Gebäude gehörte dem Direktor der Mainzer Aktienbrauerei, Dr. Otto Jung. Heute ist dieses exklusiv gelegene Stück Mainzer Oberstadt in Landesbesitz. In den Nummern 1 und 2 befinden sich die Räume des Landesgästehauses, in Nummer 3 residieren die Landesstiftung Villa Musica und die Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz (ZIRP). Hinter den Gebäuden befinden sich üppige und zugleich behagliche Gartenanlagen.
Die Villa Musica sorgt für den allergrößten Teil des Publikumsverkehrs auf der Bastei. Im Konzertsaal der Landesstiftung in Haus Nummer 3 finden bereits seit 1987 Kammermusikkonzerte und zudem mal mehr, mal weniger musiklastige Aufführungen für Kinder statt. Professor Karl Böhmer, Geschäftsführer der Villa Musica, ist stolz auf beides. „Bei den Konzerten bleibt die Saaltür auf. Wir haben Zuhörer, die die Musik lieber im Treppenhaus genießen“, verrät er. Der Saal fasst immerhin bis zu achtzig Gäste, die Bühne bietet – natürlich je nach Instrumenten – Platz für Formationen bis zum Sextett. „Da wird es aber schon kuschelig“, sagt Böhmer. Den jungen Musiker und Stipendiaten der Landesstiftung stehen im Keller des Anwesens schallisolierte Proberäume zur Verfügung. Eine Notwendigkeit, denn die Nachbarschaft zur Uniklinik bedeutet, dass recht häufig das Martinshorn zu hören ist.
Dass die Stiftung hier Proberäume und Teile ihres Kulturprogramms anbieten kann, ist dem Auszug des Landesdenkmalamts zu verdanken – das die Jugendstilbauten in den Siebzigern, als es einzog, durch einen Zweckbau ersetzen wollte. Dass die Denkmalschützer das Denkmal nicht abrissen und heute an dieser Stelle ein Schandfleck à la Jobcenter auf dem Rodelberg steht, ist Mainzer Kunsthistorikern zu verdanken. Diese sammelten 1973 so viele Unterschriften, dass sie die Stadt Mainz dazu bringen konnten, die Abrissgenehmigung zurückzuziehen. Zuvor hatte das Anwesen bereits den Ersten Weltkrieg unbeschadet überstanden. Im Zweiten Weltkrieg wurde Haus Nummer 1 beim Bombardement der Stadt zwar erheblich getroffen, was größere Veränderungen im Inneren des Hauses nach sich zog. Das Dach jedoch konnte später rekonstruiert werden, so dass zumindest die äußere Erscheinung einer Zwillings-Villa heute noch gut zu sehen ist.

Autor: 
Ingo Bartsch
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