Anzeige
Unausgeschöpftes Potential
Die Mainzer Tanzbegeisterten halten den Atem an, als Chefchoreograf Pascal Touzeau mit seiner ersten Premiere am Staatstheater Mainz eine neue Richtung vorlegt.Aufgeregtes Getuschel erfüllt die Räume im Staatstheater Mainz. Das Premierenpublikum ist an diesem Abend des zehnten Oktober auffallend jung. Verwunderlich ist das nicht, wird doch der Einstand von Pascal Touzeau gefeiert, neuer Direktor und Chefchoreograf des ballettmainz und ehemaliger Tänzer von William Forsythe, eines der wichtigsten Choreografen der Ballettmoderne. Dass einen hier kein klassisches Ballett erwartet, sondern zeitgenössischer Tanz, dürfte also allen Anwesenden bewusst sein.
Was genau Touzeau aber bieten würde, diese Frage konnte man einigen Besuchern nahezu vom Gesicht ablesen. Sein Vorgänger Martin Schläpfer hatte in den neun Jahren seiner Direktion nicht nur seine eigene Arbeit, sondern auch das Ensemble des Staatstheaters auf Weltmetropolen-Niveau und damit zu internationalem Erfolg gebracht. Dementsprechend hoch ist also die Messlatte, an der das Publikum sich orientiert. Als der Vorhang zum ersten Stück aufgeht, kehrt Ruhe ein. Die Bühne ist bis auf einen überdimensionierten Projektor und einen runden Spiegel in der linken hinteren Ecke völlig leer. Leise wird dezenter religiöser Gesang eingespielt, der sich in schier endlosen Schleifen wiederholt und langsam an Lautstärke gewinnt. Umwoben wird er dabei zunehmend von respektvoll zurückhaltendem Orchesterspiel. Passend zum Titel „Quintett“ der Choreografie von William Forsythe erscheinen drei männliche und zwei weibliche Tänzer im Wechsel auf der Bühne. Es ist ein ständiges Zueinanderfinden, Aufeinanderprallen und Neustrukturieren, ein fast zwanghaft perfektes und doch poetisches Verformen von Körpern, das man hier zu sehen bekommt. Dabei wird das hypnotische Schleifenthema der Musik gekonnt aufgenommen und umgesetzt. Bestechend sind dabei die fünf Tänzer, die insbesondere durch ihren individuellen Ausdruck zwischen ungestümer Wildheit und zarter Hingebung auffallen. Man kann es durchaus als referenzielles Statement auffassen, dass Touzeau sein zunächst auf drei Jahre festgesetztes Engagement mit diesem charakteristischen Forsythe-Stück einläutet. Spätestens mit dem Choreografen des nächsten Stücks, Jacopo Godani, wird auch der Titel des Abends „Related“, verbunden – augenscheinlich und nachvollziehbar. Godani war, wie Touzeau, ebenfalls ein Teil des William Forsythe Balletts in Frankfurt und arbeitet nun als Künstlerischer Referent für ballettmainz. Doch zuviel Gleichklang darf man deshalb von dem dreiteiligen Abend trotzdem nicht erwarten. Im krassen Gegensatz zum ersten Teil erfüllt gleich zu Beginn des zweiten Stücks eine beklemmende Fabrikhallenatmosphäre die komplett schwarze Bühne. Zu industriellem Neonlicht und kalter Musik, die einen unweigerlich an trashige 80er-Jahre-Psychothriller erinnert, tanzt das neue Ensemble hart, fast mechanisch. Die uniformen Kostüme erinnern an Da Vincis vitruvianischen Menschen – der teilweise animalisch rohe Tanz erzeugt Assoziationen an den Menschen als robotergleichen Arbeiter ohne eigenen Willen. Auch wenn immer wieder einzelne Tänzer aus diesem Rahmen ausbrechen, entsteht kein übergreifender Spannungsbruch. Brachiale Licht- und Stimmungswechsel machen „Aura“ zu einem aufwühlenden Gänsehauterzeuger, der die Zuschauer verstört aber sicherlich tief beeindruckt zurücklässt. Nach kurzer Verschnaufpause folgt dann der entscheidende Teil des Abends, die Choreografie „Puzzle“ (Bild) von Pascal Touzeau. Über eine große Treppe im Orchestergraben betreten und verlassen satinglänzende Tänzer die weiße Bühne. Auch über Löcher im Boden und das reduzierte Licht wird die Dreidimensionalität der Bühne fast schon kindlich trotzig genutzt und gestaltet. Tänzerisch entstehen zur Musik des vielseitigen lettischen Komponisten Peteris Vasks perfekte Symmetrien, die mehrfach in Chaos zerfallen, nur um sich dann wieder neu zu formieren. Touzeau gibt seinem zwanzigköpfigen Ensemble genug Raum, sich individuell zu präsentieren. Die Gewöhnung an die komplett neue Besetzung fällt trotzdem schwerer, als erwartet, was wohl daran liegen mag, dass man mit Touzeaus Choreografie nicht so recht warm wird. Es fehlt etwas Zielgerichtetes, die klare Bezweckung des Stücks.
Der positive Gesamteindruck des Abends überwiegt diese leichten Irritationen aber um ein Vielfaches. So erwächst nach über zwei Stunden Tanz bei minutenlangem begeisterten Beifall und stehenden Ovationen zu schweißglänzenden Verbeugungen der Tänzer die erleichternde Erkenntnis: Touzeau ist neu, aufregend anders und keineswegs ein Qualitätsverlust gegenüber Schläpfers Leitung. Klar wird auch, dass das volle Potential hier noch lange nicht ausgeschöpft ist. Man darf also gespannt sein auf die weitere Entwicklung des ballettmainz und neue anregende Umsetzungen aus Touzeaus Feder.
















