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„Unter Autoren spricht man mehr über Geld als über die Kunst“

Über sechzig Bücher hat er bereits veröffentlicht, sie wurden in viele Sprachen übersetzt. Neben Krimis, Sachbüchern und Jugendserien schreibt er vor allem Fantasyromane. Die STUZ sprach mit dem Mainzer Autoren Jens Schumacher.

 

STUZ: Wie kam es dazu, dass du angefangen hast, Fantasyromane zu schreiben?
Schumacher
: Ich habe Bücher mit fantastischen Inhalten schon als Kind sehr gerne gemocht. Aber auch Krimis, beispielsweise die Werke von Edgar Wallace. All diese Einflüsse haben sich später in dem niedergeschlagen, was ich schrieb, von meinen Jugendbüchern bis ganz runter zu den üblen Horror-Schinken, die ich am Anfang meiner Karriere unter Pseudonym veröffentlich habe. Meine Arbeit beschränkt sich nicht nur auf Fantasy, ist aber über weite Strecken von fantastischen Themen beeinflusst.

 

Welche Vorkenntnisse braucht man, um einen fantastischen Roman zu verfassen?
Dieselben, die man für jedes andere Unterhaltungsgenre auch braucht: Man sollte auf dem betreffenden Sektor sehr belesen sein. Nur wenn man Techniken, Strukturen und Themen einigermaßen durchdrungen hat, kann man wirklich kreativ arbeiten und zum Beispiel auch mal eine intertextuelle Anspielung einbauen. Bücher, deren Autoren in der Lage sind, solche Bezüge herzustellen, finde ich privat am interessantesten.

 

Aha, da merkt man, dass du Komparatistik im Hauptfach studiert hast.

Wie lange dauert es, bis du ein Buch vollendet hast?
Das ist ganz unterschiedlich. Das kann von einer Woche (für ein Erstleser-Kinderbuch) über ein halbes Jahr (für einen 500-seitigen Fantasyroman) bis zu mehr als einem Jahr gehen (für ein rechercheaufwendiges Sachbuch).

 

Wie reagieren die Leute auf deinen Beruf?
In meinem unmittelbaren Umfeld gibt es glücklicherweise keine Fantasy-Skeptiker. Zudem umgebe ich mich auch privat viel mit Menschen aus der schreibenden Zunft, sprich: Da herrscht generell wenig Irritation oder Unverständnis. Interessanterweise wird unter hauptberuflichen Autoren viel mehr über das Geld gesprochen als über die Kunst.

 

Kannst du denn vom Schreiben leben?
Seit einigen Jahren glücklicherweise sehr gut. Schreiben ist das Einzige, was ich kann und was folglich für mich als Gelderwerb infrage kommt. Dankenswerterweise bin ich nicht nur auf die Tantiemen aus meinen Büchern angewiesen, ich mache zusätzlich noch rund achtzig Lesungsveranstaltungen und Workshops im Jahr, was ebenfalls eine wichtige Säule des Einkommens für einen Autor darstellt. Der einzige Unterschied zu einem „normalen“ Beruf ist, dass das Geld eben unregelmäßig reinkommt. Das bedeutet, dass man etwas besser haushalten muss.

 

Mit welchem literarischen Genre kannst du so gar nichts anfangen?
Als Leser kann ich mit allem was anfangen, nur schreiben könnte ich es vielleicht nicht. Pferdegeschichten würde ich zum Beispiel nie schreiben. Oder Liebesromane. Ich hätte einfach keine Idee, womit man da Hunderte von Seiten füllen sollte. Historische Romane würde ich aus Faulheit nicht machen wollen – zu viel Recherche, zu wenig Action. Und das, was in Deutschland gerne „Hochliteratur“ genannt wird, wäre auch nichts für mich – dabei steht immer die Message so sehr im Vordergrund. Ich will Geschichten mit Handlung erzählen.

 

Setzt Fantasy mehr Kreativität voraus als literarische Prosa?
Glaube ich nicht. Als Autor sucht man sich ja immer ein Genre aus, das einem liegt, für das man Ideen hat. Das Schreiben sollte dann immer leicht fallen, egal, wofür man sich entschieden hat.

 

Was hältst du von Creative Writing?
Ich leite selbst ab und an Kurse in kreativem Schreiben, meist für Jugendliche. Dabei geht es um ganz rudimentäre Dinge wie Ideenfindung, Stofforganisation und Recherche. In Amerika züchtet man ja dagegen an Hochschulen mit professionellem Anspruch Horden von Romanund Drehbuchschreibern heran. Nötig ist so was in meinen Augen nicht. Wer zum Erzählen geboren ist, kann und wird sich die wichtigen Dinge selbst aneignen. So wie ich es getan habe.

 

Welches ist dein Lieblingsfantasybuch?
Ganz klar „Die Stadt der träumenden Bücher“ von Walter Moers. Jeder, der Moers nicht kennt oder nicht schätzt, ist mein Feind! Auch großartig: Michael de Larrabeitis „Borribles“-Trilogie. Die habe ich schon mindestens fünf- oder sechsmal gelesen. So sieht in meinen Augen moderne Fantasy aus – ohne Elfen, Trolle, Zauberer und so einen Kram.

 

Warum, denkst du, wird das Genre Fantasy ein wenig belächelt?
Weil in diesem Genre oft Geschichten, die es schon viel zu häufig gab, auf höchst redundante Art und in hanebüchenem Stil über viel zu viele Seiten erzählt werden. Ich selbst bin mir beim Schreiben immer bewusst, dass die meisten guten Ideen irgendwann schon mal da waren. Der einzige Weg, heutzutage noch etwas ansatzweise Originelles zu schaffen, liegt in der Neuordnung und -kombination bekannter Elemente.

 

Wie nah liegen Fantasy und Science Fiction beieinander?
Fantastische Literatur setzt sich generell mit Weltentwürfen auseinander, die in einer oder mehreren Facetten nicht mit unserer Realität vereinbar sind. In der Legitimation dieser Alternativwelten unterscheiden sich die Genres: In der Fantasy werden die „fremden“ Räume eher durch Magie oder übernatürliche Phänomene erklärt, in der Science Fiction durch einen Technologisierungsgrad, wie wir ihn in unserer heutigen Realität nicht kennen.

 

Wie viel Persönliches findet man in deinen  Büchern?
Ich vermeide bewusst autobiografische Einflüsse in meinen Büchern. Das wäre zum einen nicht sonderlich spannend, zum anderen auf die Dauer ziemlich repetitiv. Hinzu kommt, dass die fremden Welten, von denen ich häufig erzähle, mit meinem realen Leben ja denkbar wenig gemein haben. Aber selbst in meinen Regionalkrimis habe ich niemals reale Menschen verwurstet. Ich finde, wer sich dafür entscheidet, Unterhaltungsliteratur zu machen, sollte schon genügend Fantasie mitbringen, um sich alles von Grund auf neu auszudenken.

 

Jens Schumacher wurde 1972 in Mainz geboren und studierte an der Johannes Gutenberg-Universität.
Im Web findet man den Autoren hier: www.jensschumacher.eu

Autor: 
Lisa Maucher
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