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Verkopfte Schrift – befreites Wort

Viele Kulturpessimisten und Kritiker der neuen digitalen Medien prophezeien schon den intellektuellen Untergang des Abendlandes. Beispielsweise zerstörten Hörbücher die Lesekultur. Aber mal böse gefragt: Hat es DIE Lesekultur jemals gegeben?

 

 

Gelesen wird nach wie vor. Seien es Monatsmagazine wie dieses hier, um die neuesten Partytermine ausfindig zu machen oder aber die ubiquitär vorkommende „Fernsehzeitung“. Und Belletristik unterliegt Modeschwankungen. So führen Hypes zu vermehrtem Bücherkonsum, wie man es bei neuen Werken von Autoren wie Dan Brown, Joanne K. Rowling oder Stephenie Meyer sehen konnte. Doch Thomas Mann und Alfred Andersch, dazu wurden und werden noch Generationen von Schülern gezwungen. Gelesen wird hier eher unfreiwillig. Will man diese „modernen Klassiker“ ebenso wie Tolstois „Krieg und Frieden“ oder auch Goethes „Faust“ einer breiteren Bevölkerungsschicht nahebringen, sind Hörbücher ein unverzichtbares Hilfsmittel.

 

Ja, ich bin ein Befürworter von Hörbüchern. Und nicht zuletzt entsprechen diese eher der menschlichen Natur als das geschriebene Wort. Denn Lesen und Schreiben sind kulturelle Errungenschaften, während Sprechen und Hören evolutionär gewachsen sind. Wir Menschen sind kommunikative Wesen, wir formen unsere Gedanken in Worte. Und wo diese Worte nicht akustischer Natur sind, wird gestikuliert. Lernt der Mensch weder zu sprechen noch zu gestikulieren, führt dies früher oder später zu seinem Tod. Man denke an die grausamen „Kaspar-Hauser-Versuche“ vergangener Zeiten. Doch Analphabetismus führt allenfalls zur Nichtteilnahme am gesellschaftlichen Leben. Zum sozialen Zurückzug in unserer modernen Gesellschaft. Ganze Völker kommen auch heute noch ohne Alphabetisierung aus. Ihre Geschichten und Mythen werden von Generation zu Generation weitererzählt – und es wird zugehört!

 

Nun mag man einwenden, dass eben just dieses geschriebene Wort die Entwicklung unserer Kultur möglich machte. Den Fortschritt und die Aufklärung begründete. Dies ist zweifelsfrei richtig. Doch daraus eine Sonderstellung des reproduzierten geschriebenen Wortes gegenüber dem (reproduzierten) gesprochenen abzuleiten, ist in der heutigen Zeit anachronistisch. Denn es geht beim Thema „Aufklärung und kulturelle Evolution“ nicht um das Medium, in dem Ideen sich fortpflanzen, sondern einzig und allein um deren Reproduzierbarkeit. Wir leben heute im 21. Jahrhundert und nicht mehr wie vor zweihundert Jahren. Am ehesten wird dieses Missverständnis beim „modernen“ Schulunterricht deutlich; da wo versucht wird, unter Zuhilfenahme von oftmals rein schriftlichem Material, den Lernenden eine fremde Sprache beizubringen. Den meisten Schülern wird beim Pauken von Grammatikregeln und Vokabellisten der Spaß an der fremden Kultur ausgetrieben. Hörbücher und Fernsehserien im Original mit Untertitel sind oftmals interessanter, aber „unakademischer“. Lernen darf offensichtlich keinen Spaß machen. Komplett vertonte Kurse wie zum Beispiel die des Assimil Verlags werden als „eintönig“ abqualifiziert, während Übungsbücher empfohlen werden, die möglichst viele verschiedene (schriftliche!) Übungen beinhalten. Und wer bestimmt, was „empfehlenswert“ oder „eintönig“ ist? Akademiker, die in diesem kulturellen Anachronismus verhaftet sind! Dazu muss man wissen, dass die „moderne“ Form des Fremdsprachenerwerbs aus der Kirchengeschichte kam. Missionare bereiteten sich paukend in Klausur auf ihr zukünftiges Wirken hin. Und in der Blüte der Mission gab es weder analoge noch digitale Möglichkeiten, die gewünschte Sprache akustisch zu reproduzieren. Heute ist man so weit, doch akademisch ist man noch in diesen „mittelalterlichen“ Methoden verhaftet.

 

Die Einführung von Hörbüchern zum Erlernen fremder Sprachen ist nur ein Beispiel dafür, wie das gesprochene Wort dem geschriebenen überlegen sein kann. Und allen Unkenrufen zum Trotz erweitern sich damit unsere intellektuellen Leistungen, anstatt zu verkümmern.

Fortbildungen werden heute in Form von Podcasts und Screencasts für Autoradio und iPhone angeboten, ebenso wie es sie in gedruckter Form gibt. Wissen lässt sich damit auch passiv aufnehmen, der Faktor Zeit wird weniger wichtig. Die Ausrede „Ich wollte das schon immer mal lesen, aber ich finde einfach keine Zeit dazu!“ gehört damit der Vergangenheit an.

Wo Verdummung durch Konzepte wie DSDS stattfindet,  findet sie sowohl in Print als auch in audiovisuellen Medien statt. Letztlich kommt es zwar nicht auf das Medium an, sondern auf den Inhalt. Aber, liebe Kulturpessimisten, gebt dem Hörbuch eine Chance!

Autor: 
Michael Bernartz
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