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Was bleibt, ist die Erinnerung an Schweiß

Seit 20 Jahren ist die Räucherkammer ein Sammelbecken für Subkulturen. Im März schließt sie ihre Türen.

Von da an werden die Veranstaltungen im sanierten Wasserturm stattfinden.

 

Ein Junge hängt kopfüber an einer der Stangen, die an der Decke der Räucherkammer befestigt sind. Unter ihm liegen seine Freunde sich gegenseitig in den Armen und schreien lauthals den Text mit. Zusammen übertönen sie den Sänger der Band, dessen Stimme irgendwo zwischen Lied 2 und dem letzten Drittel vom Konzert auf der Strecke geblieben ist. Von ihren T-Shirts mussten sie sich schon nach dem ersten Refrain entledigen, zu viel Schweiß, zu klebrig. Während der Rest des Publikums auf die Zugabe wartet, schlängelt sich einer der Kumpels zum Tresen, ordert Bier und versorgt die anderen mit Flüssigkeit. Es dauert keine halbe Minute bis die Flaschen leer sind und auf dem Boden liegen. Die Band kommt ein letztes Mal direkt aus dem Backstageraum auf die Bühne und verschwindet nach dem finalen Akkord in der tobenden Menge. Solche Szenen haben sich in regelmäßigen Abständen in der Räucherkammer des Schlachthofs Wiesbaden abgespielt. Mit ihrer Schließung geht ein Stück Wiesbadener Kulturgeschichte zu Ende und wird an anderer Stelle fortgeführt. Noch schlummern die Tauben auf dem Dach des Wasserturmes im Kulturpark Wiesbaden gelassen vor sich hin, lange werden sie dort nicht mehr bleiben können. Am 13. März wird nach rund zwei Jahren Restaurierung die Eröffnung gefeiert. 20 Jahre diente sie als Austragungsort für Konzerte, Partys, Lesungen und andere subkulturelle Veranstaltungen. Als 2010 entschieden wurde, die alte Halle zu schließen, war klar, dass das Ende der Räucherkammer nicht mehr allzu fern ist.

Schmelztiegel der lokalen Szene

„Alles fing mit der Räucherkammer an, sie ist quasi der Inbegriff vom Schlachthof“, erklärt Gerhard Schulz, Vereinsvorstand und Mitglied der ersten Stunde. Im Dezember 1994 fand nach eigenständiger und notdürftiger Renovierung das erste Konzert statt, Bierbänke und Kühlschränke wurden provisorisch aufgestellt.
Punk eben. Einen Ort für Exoten mit gefärbten Haaren, Aufnähern von Slime, WIZO oder Motörhead auf den Kutten gab es noch nicht und die Gründer vom Kulturverein Schlachthof e.V. wollten diese subkulturelle Lücke füllen, die bis zu der Zeit in Wiesbaden klaffte. Doch die Räucherkammer war und ist viel mehr als nur Anlaufpunkt für lokale Punks und Metalheads. „Sie war der Schmelztiegel der lokalen Szene, die sich vom Mainstream abgrenzen wollte“, erinnert sich Hendrik Seipel-Rotter, Pressesprecher vom Schlachthof. Deshalb galt es aufzugreifen, was ihnen von außen zugetragen wurde: immer wieder über den Rand des Tellers zu schauen. Der Raum musste bespielt werden, egal ob von einer Band, die ihre Instrumente erst auf der Tour lernte, oder von Poetry-Slammern, die bis dato ihre Bürste als Mikrophon benutzten. 20 Jahre später bedient die Räucherkammer immer noch viele Szenen und lebt von der Vielfalt der Künstler. Einige der Veranstaltungen, deren Geburtsstätte die Räucherkammer ist, halten sich bis zum heutigen Tag. So die Midlife-Crisis-Party, die wegen ihrer Beliebtheit in die große Halle hochverlegt wurde. „Die persönlichen Vorlieben können nur dann eingebracht werden, wenn eine Balance zwischen dem wirtschaftlichen und dem kulturellen Aspekt herrscht, schließlich müssen die Leute hier auch bezahlt werden“, schildert Schulz. Diese Balance erlaubt es den Veranstaltern Konzerte zu organisieren, zu denen nur 20 Leute kommen, denen es aber genau um diese eine Band geht. Denn Leidenschaft wird nach all den Jahren immer noch groß geschrieben. Bei der Gründung war ihnen die Zukunft völlig offen, die Mitglieder wollten, so pathetisch das klingen mag, etwas schaffen. 1994 hätte es ihnen einen ungläubigen Lacher entlockt, hätte man ihnen erzählt, dass sie 2015 in einem komfortablen Backstageraum mit angegliederter Küche sitzen werden, neben einer Halle in der im vergangenen Jahr The Notwist, Machine Head und die Babyshambles gastierten.

Leuchttürme gegen Taschenlampen

Auf der Suche nach den Höhepunkten der 20 Jahre gerät Schulz ins Grübeln. War es das bis zum Anschlag gefüllte Boxhamsters Konzert oder die schweißtreibenden Auftritte der durchgedrehten Norweger von Turbonegro in den 90ern? „Wenn du zehn Leute fragst, was ihre Highlights waren, bekommst du zehn verschiedene Antworten“, sagt er und fügt eine treffende Metapher hinzu: „Bei einem Rückblick schaut man zuerst auf die Leuchttürme, die strahlen, dabei können viele kleine Taschenlampen auch unheimlich hell sein.“ Einige der Taschenlampen entwickelten sich im Laufe der Zeit zu prägenden Leuchttürmen, die es sich nicht nehmen lassen, dem Schlachthof hin und wieder einen Besuch abzustatten. Ob The Hives, Frank Turner, Donots oder Turbostaat, die Reihe lässt sich nicht weniger glanzvoll fortsetzten. Sie alle standen auf der Bühne der Räucherkammer, keinen Meter vom Publikum entfernt. Der unmittelbare Kontakt zwischen Band und Publikum, die stehende Luft und der nicht vorhandene Bewegungsradius sind die Gründe, warum sich der Raum schlagartig in einen saunaartigen Betrieb verwandeln konnte. Keine Barriere, keine Gräben. Dem Sänger in den Hals schauen, während er schreit. An anderen Abenden genügte es den Musikern mit einer Akustikgitarre ohne Verstärkung inmitten des Publikums zu spielen. „Natürlich wird es ein emotionaler Moment, wenn die Türen endgültig geschlossen werden“, so Schulz, der sich nicht in der Nostalgie suhlen will. Denn in den 20 Jahren lief bei weitem nicht alles glatt, von verstopften Toiletten und der fehlenden Heizung über den mangelnden Brandschutz bis hin zum Kreuzgewölbe selbst, das nicht die beste Voraussetzung für einen Konzertraum besitzt. Mit dem Umzug in das Kesselhaus
soll dem Abhilfe geschaffen werden.

 

Sanierung oder Neubau

2010 stand der Schlachthof vor der Entscheidung: Sanierung oder Neubau? Die alte Halle konnte unter den damaligen Voraussetzungen nicht mehr bespielt werden, eine neue Halle wurde gebaut. Die Räucherkammer wurde 2012 für sechs Monate geschlossen, um sie den Brandschutzbestimmungen anzupassen und es zeichnete sich ab, dass sie nicht auf ewig existieren würde. „Letztendlich geht es um den zukünftigen Nutzwert und nicht um emotionale Argumente“, meint Seipel-Rotter. Ein Umzug schien aus wirtschaftlicher und zukunftsorientierter Perspektive effizienter. Der 120 Jahre alte Wasserturm steht unter Denkmalschutz und ist Eigentum der Stadt Wiesbaden, für rund 4,5 Millionen Euro wurde er seit Ende 2012 saniert und steht ab Mitte März dem Schlachthof zur Verfügung. „Wir hatten gedacht, dass es zügiger mit der Sanierung voran geht, aber wie das mit alten Gebäuden eben ist, es tauchen immer wieder neue Baustellen auf, die man bei der Planung nicht berücksichtigen konnte“, erklärt er die verspätete Eröffnung. Neben dem Kesselhaus als Veranstaltungsraum, dessen Kapazität 360 Leute umfasst, werden auch das 60/40 Restaurant und die Büroräume in den Wasserturm verlegt. Nach dem Umzug soll das komplette Gebäude der alten Halle abgerissen werden, um eine Öffnung des Kulturparks zu ermöglichen. „Wahrscheinlich wird die Luft im Kesselhaus etwas besser sein, aber mehr wird sich nicht ändern. Es sind die gleichen Leute, die die Veranstaltungen organisieren“, sagt Schulz und freut sich gleichzeitig auf die neuen Möglichkeiten, die das Kesselhaus bietet. Mit der Räucherkammer geht ein Stück Geschichte zu Ende. „Man sollte sich aber nicht an den Gemäuern festhalten. Was zählt, sind die Erinnerungen. Und die werden bleiben“, meint er. Und woran sich die Besucher noch beim Kaffetrinken mit ihren Enkelkindern erinnern können? An den klebrigen Boden, den Schweiß in jeder Faser des neuerworbenen Band-T-Shirts, an die Unterhaltungen mit irgendeiner amerikanischen Band am Merchstand, an die unzähligen Zigaretten und Biere zwischen den Auftritten, an das piepende Ohr am Morgen danach, an die Klimmzüge an den Stangen mitten im Moshpit. Es werden Unzählige sein, einige werden verschwimmen und andere werden von neuen Erinnerungen aus dem Kesselhaus überschrieben, denn bislang gibt es keinen Grund, nicht an die Geschichte anzuknüpfen. Für das Eröffnungswochenende sind Freitag und Samstag Partys geplant. Am Sonntag wird es neben dem Open Air-Flohmarkt Führungen durch das Gebäude geben. Das erste Konzerte im Kesselhaus wird von To Kill a King bestritten. Vorher wird am 7. März ein letztes Mal in der Räucherkammer mit Nostalgie, Zukunftsvisionen und einem Kondolenzbuch gefeiert. Der Schlachthof kündigt das mit einem Zitat von LCD Soundsystem an: „If it’s a funeral. Let’s have the best funeral ever!“ Bis dahin können die Tauben noch etwas schlafen.

Autor: 
Tobias Siebert
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