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Was ist Freiheit?

Anlässlich des 3. Oktober veranstaltet das Staatstheater Wiesbaden eine „Woche der Freiheit“, in der der Audio-Walk „80 Minuten Freiheit“ von Regisseurin Meret Kiderlen und Dramaturg Sascha Kölzow am 1. Oktober uraufgeführt wird.

 

Ein gewöhnliches Bild: Menschen mit Kopfhörern laufen in der Stadt umher. Was man nicht sieht? Dass sie keine Musik hören, sondern Anweisungen hören und Geschichten lauschen.

Beim Audio-Walk „80 Minuten Freiheit“ von Meret Kiderlen setzt man als interaktiver Zuschauer seine Kopfhörer fast nie ab. Das Stück ist kein Stück als solches: „Man kann es so nennen, wir nennen es aber Audio-Walk. Nichts ist vorher festgelegt“, erklärt die junge Regisseurin. Das liege auch daran, dass einzelne Personen, die man hört, auch in echt zu sehen seien. Der Audio-Walk ist also immer anders, würde man ihm vom heimischen Sofa hören, würde er recht unsinnig erscheinen. Die zu hörenden Personen sind Freiheitskämpfer und -experten, die das Staatstheater zum Teil mittels Ausschreibung suchte „und auch über Recherchen zu bestimmten Themenfeldern gesucht und angesprochen hat“, so Dramaturg Sascha Kölzow. Die Geschichten dieser Freiheitsexperten und -kämpfer erzählen den persönlichen Bezug zur Freiheit – mal hat das mit der Wiedervereinigung zu tun, mal mit körperlicher Freiheit oder mit Entscheidungsfreiheiten, die man als Otto Normalbürger wohl als selbstverständlich und nicht beachtenswert hält.

 

Man nehme eine ordentliche Prise Authentizität

Geht man mit besagten Kopfhörern die Mühlgasse entlang hört man eine Stimme, die erzählt, wie schwierig es war, seine Homosexualität zu verheimlichen. Die Person, die zu dieser Stimme gehört, spricht nicht etwa vom Dritten Reich oder vom heutigen Uganda. Es geht um das Wiesbaden vor 22 Jahren. Die Stimme gehört zum renommierten Marktforscher und vom Staatstheater ernannte Freiheitskämpfer Peter Michael Blähser. Er berichtet davon, wie sein Ex-Freund 1993 ermordet wurde und wie ihm 2009 wiederum dafür gratuliert wurde, seine Lebenspartnerschaft in Wiesbaden begründet zu haben. "So ändern sich die Zeiten", sagt er versöhnlich. Augenblicklich fragt man sich: Wann lebt man wo und wann? Ist der eigene Charakter der dortigen Gesellschaft zu dieser Zeit recht? Wie viel davon ist Schicksal? Oder Glück? Man möchte den Kopfhörer herunterreißen und weinend wegrennen, so ungerecht erscheint einem das Ganze. Diese Emotionen würden wohl nicht ausgelöst werden, wenn die Stimme davon erzählen würde, dass solche Gegebenheiten passieren. Blähser ist es tatsächlich passiert. Er weiß, wovon er spricht. Man merkt: Die Zutat, die diesen Audio-Walk so begehnswert macht, ist die Authentizität.

 

Viel Tamtam oder auch keines

Bevor man nach der Frequenz Blähsers überhaupt zum Wegrennen kommt, geht's weiter: Zwischen den einzelnen Stationen hat der Zuschauer kaum eine Chance zum Verschnaufen. Dabei ist alles aufeinander abgestimmt, Regisseurin Meret Kiderlen wirkt bei einer der letzten Proben am 28. September zielstrebig und detailtreu. Dabei lässt sie Dirk Dohse, Pilot und vom Staatstheater (und vielleicht auch sich selbst) ernannte Freiheitsexperten, auch mal den Rolls Royce eine Zufahrt blockieren. Ja, richtig gehört: ein Rolls-Royce. Einer, in dem man während des Audio-Walks sitzt. Einer, der Penelope heißt und auch schon in Mephisto zu sehen war. Aber auch für das Publikum, das nicht auf großes Tamtam steht, geben die 80 Minuten Freiheit etwas her: ein ehemaliger Gefängnisinsasse beispielsweise erzählt, wie es hinter Gittern war und dass er nun aussuchen darf, was er essen kann. Was für eine Freiheit! Die Hochleistungssportlerin Britt Dillmann berichtet, wie sie damit zurechtkommt, dass sie seit 13 Jahren im Rollstuhl sitzt. Dabei stellt sich die Frage: Was ist Freiheit? Für den ehemaligen Gefängnisinsassen wohl etwas ganz Anderes als für die körperlich eingeschränkte Hochleistungssportlerin. Ist das Stück vorbei, stellt man sich nicht nur ungewohnten Fragen, man hat die hessische Landeshauptstadt auch von einer ganz neuen Seite kennengelernt. Absolut erlebenswert.

 

Aufführungen vom 1. bis zum 11. Oktober

Autor: 
Nicole Opitz
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