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Jannis Kucharz

Wie hat deiner Meinung nach das Internet die Gesellschaft verändert?

Ich glaube, wir erleben gerade riesige gesellschaftliche Veränderungen. Die werden im Endeffekt so weitreichend sein wie die der Industrialisierung. Durch die zunehmende Vernetzung und die Verfügbarkeit von unendlichem Wissen werden sich wohl noch einige Industriezweige, aber auch unser alltägliches Leben und unsere Denkstrukturen grundlegend verändern.

Inwieweit hat das denn Einfluss auf dein tägliches Leben?

Auch in meinem Leben hat das Internet einiges verändert: Wie ich arbeite zum Beispiel oder einkaufe, Leute kennenlerne und mit ihnen Kontakt halte. Das alles für sich sind Entwicklungen, die jeder so bei sich nachvollziehen kann, in ihrer Reichweite allerdings enorm sind.

Das beste Beispiel ist vermutlich das Einkaufen: Es gibt Dinge, bei denen ich nicht weiß, in welchen Laden ich in der Stadt gehen würde, wenn ich sie kaufen will. Teilweise ertappe ich mich dabei, dass ich denke: „Mist, ich bin in zwei Tagen auf einem Geburtstag eingeladen, eine Amazon-Bestellung wird knapp.“ Bis ich dann auf die Idee komme, dass man eine DVD ja auch im Laden kriegt.

Bis Weihnachten ist zum Glück noch Zeit ...

Ja, aber Geschenke online zu ordern, wird mich wenigstens die Weihnachtszeit mehr genießen lassen. Weshalb sollte ich mich ungemütlich durch die Fußgängerzone drücken?

Du bist ja quasi das, was man als Digital Native bezeichnet: Du bist im Netz zu Hause. Das ist aber lange nicht bei allen so. Was läuft im gesellschaftlichen Umgang mit dem Internet schief?

Vor allem läuft schief, dass wir immer noch von „dem Internet“ sprechen. Das Netz ist jetzt seit zwanzig Jahren da und es wird Zeit, dass wir uns in der Diskussion diversifizieren und uns gezielt die einzelnen Phänome und Auswirkungen anschauen. Das Internet ist nicht nur ein Teil der Gesellschaft, sondern bildet quasi die komplette Gesellschaft ab. Gesamtgesellschaftliche Analysen werden aber schnell schief und ungenau. Man muss sich einzelne Teile herauspicken und schauen: Was macht das, woher kommt das und warum ist das da?

Diese Seiten stehen ja unter der Überschrift „Netzkultur“. Was bedeutet der Begriff für dich?

Unter „Netzkultur“ verstehe ich mehrere Sachen: Einmal die Kultur, wie man im Netz miteinander umgeht. Dass man zum Beispiel sehr schnell Freundschaftsanfragen stellt und eben das Wort Freunde eine andere Bedeutung hat als in der physischen Welt. Dass man sich in Blogkommentaren erstmal grundsätzlich duzt und dass in einer Diskussion irgendwann ein Hitler-Vergleich auftaucht. Das sind Phänomene, die den kulturellen Umgang untereinander im Netz beschreiben.

Und was verstehst du noch darunter?

Ich verstehe den Begriff auch in einem kulturschaffenden Sinne. Man findet Netzkultur beispielsweise, wenn man sich die Meme-Kultur anschaut, also die rasante Verbreitung eines Bildes, Videos, Textes oder nur einer Idee in tausenden von Variationen. Oder die Welt der Youtube-Stars: Es gibt deutsche Youtube-Stars, bei denen kreischen die Teenager, dass Tokio Hotel bleich vor Neid werden. Und diese Stars finden in den traditionellen Medien und insbesondere dem Fernsehen als bisherigem Promimacher einfach nicht statt. Hier gibt es Kultur, die im Netz entsteht, lebt und sich ausbreitet. Und das die nicht lange im Netz bleibt, zeigen nicht zuletzt die Anonymous- und Occupy-Bewegungen.

Jannis Kucharz studiert in Mainz Publizistik, betreibt das Blog netzfeuilleton.de und experimentiert gerade mit Bewegtbild auf Youtube herum. Ein Ergebnis ist die gemeinsam mit Alex Boerger gestartete Gesprächsreihe „Wo ist die Zukunft hin?“.

 

Autor: 
Matthias Schmidt
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