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Weiße Scheiße

Als Marcel Duchamp 1917 ein Urinal bei einer Ausstellung in New York einreichte, brach er damit eine riesige Disskussion über den Kunstbegriff vom Zaun, an deren Ende der Ausschluss Duchamps von der Ausstellung stand. Seitdem ist in der Kunst viel passiert, möchte man meinen. Oder etwa doch nicht?

 

Marc kann es nicht fassen: Sein guter Freund Serge, ein erfolgreicher und wohlhabender Dermatologe, hat sich ein Bild gekauft, das er ihm nun, am Beginn von Yasmina Rezas Stück „Kunst“, stolz präsentiert. Es ist weiß mit weißen Streifen. Mehr nicht. Und dafür hat er auch noch die für Marc völlig überzogene Summe von 200.000 Euro bezahlt. „So viel Geld für diese Scheiße?“ Ab da entbrennt ein erbitterter Kampf zwischen den beiden Freunden, der sie immer mehr zu entzweien droht.  Schnell holen sich beide Unterstützung bei ihrem gemeinsamen Freund Yvan, der - kurz vor seiner Hochzeit stehend - sichtlich gestresst wirkt. Er steht zwischen den Stühlen und versucht, sowohl Serges als auch Marcs Sicht zu verstehen, was ihm im Laufe des Stückes immer weniger gelingt. Schließlich sieht er sich beiden Freunden gegenüber.

 

Das von Natalie Vogler inszenierte Drei-Mann-Stück ist, trotz der Spieldauer von 1 Stunde 45 Minuten, durchweg unterhaltsam. Es lebt von den überzeichneten Charakteren und den absurden Dialogen. Kleinere Versprecher der Darsteller werden durch ihre sympathische Spielart und das intime Ambiente in den Räumlichkeiten des Peng aufgefangen. Daneben überzeugt vor allem die Bühnenpräsenz Yvans, in den sich der Zuschauer aufgrund des Konflikts, dem er sich ausgesetzt sieht, schnell wiedererkennen könnte: Die eigene Meinung auf die Probe gestellt durch andere.

 

Nervlich am Ende, ist er es schließlich, der den beiden Streithähnen Serge und Marc immer wieder vorhalten muss, um was es hierbei doch eigentlich nur geht: Um weiße Scheiße auf einer Pressspanplatte. Gekauft für 200.000 Euro. Marcel Duchamp hätte sicherlich auch heute, fast 100 Jahre später, seinen Spaß daran gehabt.

 

"Kunst" wird das nächste Mal am Mittwoch, den 5. September, und Samstag, den 8. September, im Mainzer Peng aufgeführt.

 

 

Autor: 
Sebastian Arnold
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Galerie: 
Hermann Recknagel
Die Premiere von "Kunst" am 31.08.2012