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Wenn das Handy einmal klingelt

Ute Faust & Company sind bekannt dafür, keine Soft-Performance zu kreieren. In ihren Stücken testen sie stets Grenzen aus und gehen dabei bis an den Rand des Zumutbaren – und darüber hinaus. Im Mittelpunkt steht stets der Körper selbst. Auch im neuen Stück „Freiwild“ erörtert die Company die Frage: Wie weit kann ich gehen? Vor allem, wenn die Zuschauer dies ausdrücklich wünschen?

 

Die Idee

 

Für „Freiwild“ hat Ute Faust keinen Drehplan, denn dieser soll heute, hier und jetzt live geschrieben werden. Und zwar von den Zuschauern selbst. Mittels einer Handynummer erhalten sie nämlich die Möglichkeit, das Geschehen auf der Bühne zu kommentieren. Oder eben zu gestalten. „Wir garantieren, dass Sie anonym bleiben“, versichern die Akteurinnen.

 

Das Setting

 

Ok, es gibt keinen Drehplan, aber zumindest die Bühne ist bereits stilvoll drapiert: Am hinteren Bühnenrand türmen sich etliche Kleidungsstücke zu Bergen gehäuft. Dazwischen lassen sich weitere Utensilien ausfindig machen: Plastikeimer, Bücher, Gemüse, ein Stück Fleisch ...

Hinter einem Schreibtisch sitzt eine junge Frau – die „Asiatin“, wie sie dem Publikum später vorgestellt wird. Ihre Aufgabe soll es sein, die eingehenden SMS-Nachrichten auf die Leinwand zu projizieren. Jeder kann lesen, was geschrieben wird.

 

Die Show

 

Der restliche Abend lässt sich allenfalls fragmentarisch zusammenfassen.

Auf Anweisung der SMS „Umziehen“, war ja das Naheliegendste angesichts der Klamotten im Hintergrund, dass sich nach des obligatorischen CatWalks Gespräche und Aktionen rund um Schönheit entwickeln („Ich weiß nicht, wie man sich richtig hübsch anzieht“), wobei auch Gurken zur Sprache kommen („Helfen die eigentlich gegen Cellulite?“).

 

Gleich die vierte SMS wird anzüglich. „Jetzt küssen“ heißt es. Dieser Aufforderung gehen die Performerinnen im Laufe des Abends auch nach und legen filmreife Kuss-, Knutsch- und Fummelszenen aufs Parkett.

 

„Kann jemand eine Büttenrede halten?“, „Erzählt was Persönliches“, „Tanzt Polonese“, „Ich meine Bolognese“ - die Künstlerinnen reagieren unmittelbar. So entsteht Situationskomik, gemischt mit nachdenklichen Momenten.

Faszinierend ist bei alldem, wie synchron manche Aktionen werden, und das ohne vorherige Proben. „Habt ihr das Monster auf der Bühne gesehen?“, schreibt jemand und sofort verbünden sich vier gegen eine, das „Monster“, und versuchen sie von der Bühne zu jagen.

 

Plötzlich wandert eine Kuh über die Bühne. Die Frauen halten inne, verharren an Ort und Stelle. Beobachten. Es ist eine Pappkuh, dahinter die „Asiatin“.

 

Meist dürfen groteske Momente bei Performances nicht fehlen. Und auch solche lassen nicht lange auf sich warten. Da wird ein Stück Fleisch ausgepackt - ist das Wirbelsäule eines Nutzviehs? - erst macht sich eine daran, es zu schneiden, und beginnt dann, dasselbige zärtlich zu liebkosen. Prompt folgt eine Reaktion aus dem Publikum: „Das Fleisch muss von der Bühne. Ich bin Veganer.“ Gesagt, getan. Das Fleisch wird zu Grabe getragen, Grabesstimmung inklusive.

 

Gurken, Models, Cellulite, Sexismus - manche Themen tauchen im Laufe des Abends immer wieder auf. Am Schluss ist eine der Performerinnen - man ahnt es fast - komplett nackt.

 

Gegen Ende der Vorstellung stehen die Frauen in Reih und Glied, fixieren die Zuschauer mit ihrem Blick. Plötzlich holen sie ihre Handys heraus, lesen Telefonnummern vor, und sagen Dinge wie: „Besitzer der Nummer XY, steh auf und gib deinem rechten Nachbar einen Kuss ... ; schlag dem Vordermann die Zähne aus...; greif unter deinen Stuhl und schieß deinem Nachbarn in den Kopf.“

Sie wählen. Und es klingelt ...

 

Spätestens jetzt ist es muckmäuschenstill. Ertappt? Unsichere Blicke recht uns links. Haben sie vielleicht doch meine Nummer? Können sie meine Nachricht lesen?

 

Die Moral von der Geschicht'? Gibt es sie wohl? Oder doch nicht?

 

„Wo bleibt der Sinn?“, „Ist das Kunst?“, fragen sich manche Zuschauer per SMS. „Das ist Kunst, das braucht keinen Sinn“, resümiert der andere.

 

Auch wenn das Theaterstück augenscheinlich als eine „sinn“-lose Aufeinanderreihung von obstrusen, grotesken Aktionen begann, am Schluss warf „Freiwild“ Fragen auf, die für unsere Medienwelt essentiell sind. Wenn ich nicht mehr mit meinem Gegenüber von Angesicht zu Angesicht rede, wenn Kommunikation zunehmend anonym verläuft - in sozialen Netzwerken, per Telefon, via SMS - wie werde ich? Wenn Facebook, Twitter & Co das physische Aufeinandertreffen obsolet machen - wieviel Nettikette bleibt noch erhalten?

 

Durch ihren physischen Einsatz schaffen Ute Faust und ihre Mitstreiterinnen Raum zum Nachdenken - indem sie plötzlich den Spieß umkehren und ihre Handys zücken. Ihr Verdienst: So manch ein Zuschauer geht mit mulmigem und erleichterten Gefühl nach Hause: „Puh, bin ich froh, dass sie nicht meine Nummer vorgelesen haben!“

 

 

 

Weitere Termine am 30.3., 31.3., 18.5. und 19.5.

 

 

 

 

 

Autor: 
Julia Herz-en Hanbli
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