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Wenn einem die Natur kommt

Eine starke Inszenierung, komplett getragen von einer hervorragenden Besetzung und Musik, der zu entgehen schwer möglich ist. „Woyzeck“ in einer Bearbeitung von Robert Wilson und Tom Waits.

 

Immer diese Stille, die so deutlich hervortritt. Man weiß nicht, was die emotionale Anspannung im Inneren mehr zum Vibrieren bring: die sphärischen, gläsernen Summtöne in Woyzecks Monologen, die gefühlvollen Songs aus Tom Waits Feder oder die Stille, die manchmal greifbar erscheint. Überhaupt ist Hakan Savas Micans Inszenierung von Büchners „Woyzeck“ nach einer Bearbeitung von Robert Wilson, Tom Waits und Kathleen Brennan fast mehr ein Musical als ein Schauspiel. Nur, das eben keiner tanzt. Zahlreiche Songs und viel untermalende Livemusik der Westernstyle-Band im Hintergrund durchziehen das fragmentarische Bühnenstück und unterbrechen es immer wieder geschickt. Auch die fieseste Szene hat ein Ende und es entstehen keine Längen über den Abend. Die leicht rockigen Songs mit ihrer meist ruhigen melancholischen Bluesstimmung brechen Tempo und Spannungsbögen sehr angenehm und verleihen der gesamten Inszenierung etwas ruhiges, sanftes und auch trauriges, ähnlich dem Regen, der immer wieder fällt.

 

Büchners Mensch

 

Woyzeck – das ist der Mann, der immer nur Erbsen essen darf, der eine Aberratio (Geistesstörung) aufweist und der sein Wasser nicht halten kann. Das ist der Mann, der als kleiner Fisch in einer Garnison dient und zusehen muss, wie seine schöne Frau den Verführungen der Offiziere erliegt. Woyzeck, das ist der Mann, der immer missverstanden wird, nur weil er nicht bereit oder in der Lage ist, sein Handeln ganz seinem Verstand zu unterstellen. „Er hat auf die Straße gepisst!“, sagt der Arzt, der Woyzeck als Erbsenexperiment benutzt und sich mit wissenschaftlich verklärtem Blick an seiner offensichtlichen „sehr schönen“ Aberratio ergötzt. „Wenn einem die Natur kommt“, erwidert Woyzeck, der in seinem sonnigen Gemüt immer daran zu glauben scheint, dass es höhere Kräfte gibt, die den Menschen beeinflussen, sei es Gott oder die Natur. „Der Mensch ist dem Willen unterworfen. Er ist frei!“, antwortet der Doktor und proklamiert damit das steife und militärische Credo des vernunftbegabten Menschen, der gegen jede natürliche Triebhaftigkeit in züchtiger Weise immun zu sein hat. Diese menschenfeindliche Haltung ist es, die alle als Schein zu wahren versuchen, in deren Schatten sie ihre Triebe ausleben. Und daran geht Woyzeck, der vielleicht etwas zu hilflos den Trieben des Unterbewusstseins ausgeliefert ist, zugrunde.

 

Mainzer Schauspielstärken

 

Die Vermutung auf eine starke Darbietung kommt schon bei einem Blick auf die Besetzung von „Woyzeck“ auf: mit Karoline Reinke, Tilman Rose und Lorenz Klee hat das Mainzer Staatstheater seine drei besten Schauspieler in die Nebenrollen gestreut. Klee gelingt es, Büchners Sprache mit einer verblüffenden Natürlichkeit zu sprechen; Rose mit seinem verschmitzten Lächeln bringt einen energetischen Tambourmajor auf die Bühne, ganz Marke Army-Arschloch mit animalischen Maskulinitätsausbrüchen und Reinke übernimmt ohne mit der Wimper zu zucken das Schreien des Babys zu ihrer kleinen Rolle und beweist außerdem, dass sie eine großartige Gesangsstimme hat. Auch der restliche Cast entpuppt sich als stark. Stefan Walz ist als Arzt so schmalzi, wie in einem 80er-Jahre Pornofilm – nur bösartiger in seiner perfiden, wissenschaftlichen Kaltblütigkeit. Ulrike Beerbaum gelingt eine Marie, der man am Ende des Stückes nur schwer für irgendetwas böse sein kann, was sie auch tut, und über deren dezente Härte man zuweilen dezent überrascht sein kann. Hauptdarsteller Felix Mühlen – Woyzeck – hat sich gut geschlagen. Physisch ist ihm seine Rolle gut geraten, im verbalen Ausdruck blieb er doch etwas blass gegen seine Kollegen. Das liegt aber vielleicht daran, das Woyzeck in der Mainzer Inszenierung der einzige Mensch ohne Genrefassade zu sein scheint. Der einzig Natürliche vielleicht.

 

Auf einer leeren, schwarzen Bühne mit ein paar Mikrofonen existieren Orte nur durch die Dialoge der Figuren, wenn überhaupt. Die einzige Kulisse ist ein silhouettenartiges Kaffe mit dem rosa Neonschriftzug „Wild Thier“ am hinteren Bühnenrand, in dem die Liveband im Westernstyle die musikalische Ausgestaltung der Szenen besorgt, die einen einfach nicht kalt lassen kann. Ein starkes Stück in starker Inszenierung. Der zurückhaltende Applaus des Premierenpublikums war vollkommen ungerechtfertigt. Woyzeck ist definitiv eine sehenswerte Produktion des Mainzer Staatstheaters, eine der besten der Spielzeit.

 

 

Weitere Vorstellungen: 25.3., 28.3., 4.4., 17.4., 24.4., 7.5., 14.5., 28.5.

 

 

 

 

Autor: 
Johannes Kraus
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Foto: Bettina Müller
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