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Werbeverschandler und Weltenwandler

Beim „Adbusting“ überkleben Streetartists bestehende Plakatwerbung mit subversiven Botschaften oder machen sie mit wenigen Mitteln zu eigenen Kunstwerken. STUZ hat die Künstler Kong und KNSTFHLR auf einem Feldzug in Frankfurt begleitet.

 

Man kann es auch wie eine geheime Operation klingen lassen. Beim „Adbusting“ geht es darum, öffentliche Werbung so zu entfremden, dass kritische Aussagen des Künstlers deutlich werden oder die Werbung mit wenigen Mitteln zum eigenen Kunstwerk wird. Der Wiesbadener Künstler Kong und sein Frankfurter Freund KNSTFHLR möchten daher in diesem Artikel nur mit ihren Künstlernamen genannt werden. Ausgangspunkt ist das Frankfurter Künstleratelier „Basis“, dessen Name dieser Guerilla-Aktion unfreiwillig noch mehr Kampfgeist einhaucht.

 

Eingriffe in die öffentliche Ordnung

In bester Spionage-Manier hat KNSTFHLR kurz zuvor geeignete Orte in Frankfurt gesichtet. Das Auswahlkriterium: Viele Plakate und Flächen auf kurzer Strecke, dazu gute Sichtbarkeit bei gleichzeitig vorhandener Ruhe zum unentdeckten Plakatieren. Das Europaviertel erscheint ihm perfekt. Kurz vor der Dämmerung verlassen sie die Basis, etwas später kommen sie am Anschlagsziel an. Kong beklebt ausgesuchte Plakate mit ironisch getexteten Windows 95-Fehlermeldungen, die er „Errorboxen“ nennt, KNSTFHLR hat sich für Kritik an Tiermast und seine „City Faces“ entschieden. Beides ist illegal, da private Plakatflächen unerlaubt und unbezahlt mitgenutzt werden – wenn auch nicht für Werbezwecke. Auch die werbenden Firmen selbst dürften ihre Probleme mit der Subversion ihrer Werbebotschaft haben. Firmen, die Plakatflächen vermieten, wurden um Stellungnahme zum Thema gebeten, verweigerten diese allerdings.

 

KNSTFHLR und Kong lernten sich während ihres Kommunikationsdesign-Studiums an der Wiesbadener FH kennen. Trotz ihres Diploms möchten sie nicht als „Kommunikationsdesigner“ bezeichnet werden, wie Kong betont: „Wir sehen uns nicht nur als Dienstleister, wir sind auch Künstler. Ich will immer etwas vermitteln.“ Die Öffentlichkeit ist hierzu in allen Facetten die geeignete Leinwand: KNSTFHLR bleibt der Graffiti-Szene treu, arbeitet nun aber größtenteils in Auftragsarbeit, Kong erregt immer wieder mit seinen „Urban Interventions“ Aufsehen. Am bekanntesten wurden seine Styropor-Augen, mit denen er Mülleimern, und vielen weiteren Dingen Leben einhauchte. Beide reizt besonders die geringe Halbwertszeit der Kunst in der Öffentlichkeit, denn daraus folgt die Fokussierung auf das Wichtigste an einem Kunstwerk: „Alles dreht sich um die Idee,“ betont KNSTFHLR. Ein Plakat zum Beispiel wird für gewöhnlich mindestens alle zehn Tage ausgetauscht.

 

Rekrutieren statt Resignieren

Auf dem heutigen Feldzug wird willkürlich missfallende Werbung nach freiem Willen verziert. KNSTFHLR legt unter anderem Fußballern ein spanisches Bekenntnis zur Gehirnwäsche in den Mund und stellt ein übermuskulöses Rind auf einen Burger. Kong platziert seine Fehlermeldungen auf Plakatwerbung für Zigaretten und Laptops, scheint aber schließlich ausgerechnet vor einem Überraschungs-Ei für Mädchen zu resignieren. Beide stimmen darin überein, dass das Plakat sich mit seinem Slogan „Ei Love Rosa“ selbst unterminiert: „Wortspiele gehen gar nicht!“ Als das gleiche Plakat fünfzig Meter weiter bereits mit dem Spruchband „Sexistische Kackscheisze“ versehen ist, lässt sich Kong doch noch zum Überkleben hinreißen. Hier wird nur vor der Resignation resigniert.

 

Aus dem Augenwinkel betrachtet ein radelnder Passant die frisch angebrachte Errorbox und rast infolgedessen fast an die Wand. Die Aktion finde er super. So super, dass er spontan vom Rad steigt und Kong in ein Gespräch verwickelt. Schließlich gibt ihm Kong mehrere seiner unplakatierten Fehlermeldungen mit. „Wir reden immer über Werbung, die einen stört, aber es fehlen Einem die Mittel. Die habe ich ihm gerade gegeben.“ Das nennt man Rekrutierung.

 

Mehr über KNSTFHLR auf knstfhlr.blogspot.de

 

Nachklapp: Kurze Zeit nach der Aktion sendete ein Unbeteiligter ein Bild von Kongs gebusteter Ü-Ei-Werbung auf dem Portal StreetArt in Germany. Den Beitrag gibt es hier bei Tageslicht zu bestaunen.

 

 

Autor: 
Maximilian Kloes
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Smiley Faces Everywhere: Unser Autor und die Künstler sind vor dem Adbusten bester Laune. Währenddessen und danach auch.
KNSTFHLR trägt seine Warnweste als "Mimikry", wie er betont. Ordnungshüter blieben aber so oder so fern.
Das Plakat wird auf Eignung inspiziert. Passt hier ein Selbstbekenntnis zur Gehirnwäsche?
Passt. Und auch Augen und Nase gehen dem Werbenden auf den Zeiger.
Kong hingegen platziert seine Errorboxen - hier passenderweise auf Software-Werbung.
Adbusting at its best: Die Subversion fällt kaum auf, wirkt dann umso heftiger.
Die "geheime Operation" erregt doch mehr Aufsehen als vorhergesehen. Die Künstler feiern sich daher ironisch als "Fame-Bitches".
Überraschungseier für Mädchen? Überfordert hier das Hirn und ist laut anderen Adbustern "Sexistische Kackscheisze".
Das Muskelrind gegen Masttierhaltung posiert hier sexy und doch traurig vorm Beef-Burger.