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Widerstand – mit Dreck am Stecken

Am 29. April feiert das Freie Theater Wiesbaden die Uraufführung von „Widerstand“ im Kulturpalast. Das Stück thematisiert die Situation der Menschen, die sich nach der Machtergreifung Hitlers im Wiesbadener Bergkirchenviertel und dem Nerotal dem passiven Widerstand anschlossen.

Was ist der Preis von Widerstand? Hohn? Glorifizierung? 2,50 Mark? In Barbara Hakers (Text und Regie) „Widerstand“ wird das anhand Realhistorie thematisiert. In ihrem Theaterstück geht es um den passiven Widerstand im Wiesbadener Bergkirchenviertel und dem Nerotal. Hierfür arbeitete sich Markus Nett, aktuell Pfarrer der Evangelischen Bergkirche, zehn Jahre lang durch Archive, führte Gespräche mit Zeitzeugen und trug Material zusammen. Daraus entstand die 2014 herausgegebene Dokumentation „Wahrheit und Bekenntnis“ und nun eben das Theaterstück „Widerstand“. Haker lege im Stück den Fokus nicht auf den aktiven Widerstand und große Helden des 20. Juli: „Natürlich fallen auch Namen wie Bonhoeffer und Niemöller, aber eigentlich geht es um einfache, normale Menschen wie mich und dich.“ Diejenigen, die aufgrund ihrer Handlungen mit dem Leben bezahlen mussten, „die konnten danach auch nicht weiterhelfen“. So beispielsweise Hans Buttersack, der den Juden so gut es ging geholfen habe, das am Ende jedoch mit dem Leben bezahlte.
 

Gut vernetzt
Haker möchte in „Widerstand“ die Menschen auf der Bühne verkörpern lassen, die es geschafft haben. Es gehe ihr dabei nicht um Glorifizierung oder die Präsentation der Helden dieser Zeit. „Ich bin mir sicher, dass jeder Dreck am Stecken hat“, sagt sie. Das Publikum bekommt mit „Widerstand“ zu sehen, wie es in dieser Epoche in Wiesbaden gewesen sein kann. Der Text hält sich an realhistorische Fakten, die künstlerische Freiheit ließe sich Haker bei der Regie jedoch nicht nehmen. Eine authentische Mischung, aus der auch der Zuschauer etwas mitnehmen kann: „Daraus kann man dann ziehen, wie man reagiert hätte. Oder auch wird“, sagt Haker. Sie spielt auf die Wahlen in Hessen, Rheinland-Pfalz und anderswo an: „Das Ding rollt sich komplett wieder auf. Die Rhetorik der AfD erinnert an die Sprüche Hitlers.“ Dabei geht es in „Widerstand“ nicht nur um die Organisation der Kirchen Wiesbadens, die in den 1930er/1940er-Jahren ohne Internet und Mobilfunknetz gut miteinander vernetzt waren: Es geht um Zivilcourage, auch außerhalb der Kirchen. Haker betont das Menschliche im Glauben. Deshalb dürfe auch immer gezweifelt werden. Die Schauspieler Mario Krichbaum, Renate Bahm, Justus Nett und Haker selbst schlüpfen dafür alle in mehrere Rollen.
 

Schläger, Streifenbeamter, Pillenverkäufer
Krichbaum ist nicht nur bühnenerfahren, er macht auch Film. Haker betont, dass er einen ganz speziellen Ausdruck hat, besonders gut könne er böse und exzentrisch spielen: So finden sich in seiner Biographie Schläger, Streifenbeamter, Pillenverkäufer. Auch Renate Bahm sei vom Ausdruck sehr stark, so Haker. Nach der Frage, was die eindrucksvollste Szene des Stücks sei, muss Haker einen kurzen Moment überlegen, antwortet danach jedoch entschlossen: „Die Gestapo durchsucht regelmäßig das Büro der bekennenden Kirche.“ Den dort sitzenden Frauen werden immer wieder die Schreibmaschinen abgenommen. Das Netzwerk im Hintergrund funktioniert jedoch so gut, dass immer wieder neue Schreibmaschinen nachgeliefert. „Die Gestapo kann so viele Schreibmaschinen in Anspruch nehmen, wie sie will“, resümiert Haker. Schriftlichen Quellen kann man entnehmen, dass es der Gestapo mit der Zeit peinlich wurde, dieses Büro zu durchsuchen.
Aber was genau ist nun anders am passiven Widerstand Wiesbadens, wie unterscheidet sich dieser zu anderen Städten? „Ich kenne die Geschichte anderer Städte nicht“, erklärt Haker, „aber ich bin mir sicher, dass es auch in anderen Städten diesen passiven Widerstand gab, sonst hätte das alles nicht so funktioniert“.

Aufführungen: 29. und 30. April sowie 20. und 21. Mai, jeweils um 19.30 Uhr im Kulturpalast Wiesbaden. Anschließend wird zum Gespräch geladen.

Autor: 
Nicole Opitz
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